© Alexandra Klobouk

freizeit Gehen
01/04/2020

Christian Seilers Gehen: Wie gut kennen Sie Ihr Schlafzimmer?

Schlafzimmertür – Stuhlbein: 9 1/2 Schritte

von Christian Seiler

Ich habe eine Frage: Wie gut kennen Sie Ihr Schlafzimmer und die Wirklichkeit? Keine Angst, ich will jetzt keine schlüpfrigen Details wissen und noch viel weniger möchte ich welche loswerden.
Ich möchte nur über das Unerwartete sprechen, das dem Vertrauten manchmal innewohnt, wobei das Vertraute in dem konkreten Fall mein Schlafzimmer ist, wo ich schon, sagen wir, zwei-, dreitausendmal zu Bett gegangen bin. Ich hatte mir gerade zwei, drei Folgen der Serie „Borgen“ angeschaut – eh, ich weiß schon, dass das eine Serie aus einem anderen Jahrhundert ist, aber weiter bin ich halt noch nicht gekommen – und stand jetzt vor dem dunklen Raum, die Hand am Lichtschalter.
 Ich zögerte. Sollte ich das Licht einschalten, um den Weg zum Bett zu finden und die Nachttischlampe zu illuminieren? Vorteil: Ich sehe, wohin ich gehe. Nachteil: Ich muss nach dem Einschalten der Nachttischlampe noch einmal zurück zum Lichtschalter, um das Deckenlicht wieder abzudrehen, mache den Weg, den ich gehen muss, also nicht einmal, sondern insgesamt dreimal.
Okay, es war spät, nach Mitternacht neige ich zur Faulheit. Ich ließ den Lichtschalter Lichtschalter sein und ging in satter, blauer Dunkelheit barfuß über den dicken, marokkanischen Teppich, den ich aus dem Souk in Marrakesch mitgebracht habe.
Wie schon tausendmal freute ich mich daran, wie der Teppich den Sound meiner Schritte dämpft und meinen Fußsohlen schmeichelt, und erst später, nachdem ich mit gebrochener kleiner Zehe ins Krankenhaus gefahren war, das Röntgen hinter mich gebracht und vier bis fünf Personen den Bereitschaftsschlaf verdorben hatte, dachte ich darüber nach, wie heiter und ahnungslos ich meinen linken Fuß ein paar Zentimeter zu weit rechts in den flauschigen Teppich gesetzt hatte, sodass der Schritt mit dem rechten Fuß nicht in die dunkle, warme Leere führte, sondern meinen Fuß mit einem gefühllosen Stuhlbein kollidieren ließ, das hier stand und in das ich einfädelte wie ein Slalomfahrer, nur ohne Skischuh.
 Ich kannte den Schmerz. Er ist so charakteristisch wie jener, wenn man nachts auf einen Legostein tritt, nur intensiver. Er fuhr wie ein Blitz in meine Wahrnehmung, die schon auf angenehme Weise heruntergedimmt war und sich bereit gemacht hatte für das Jonglieren der letzten Ideen des Tages, das Sortieren von Gedanken im Halblicht, das Verabschieden von allen Realitäten, wenigstens für ein paar Stunden.
Als ich gegen halb vier wieder das Schlafzimmer betrat – natürlich brannte die Nachttischlampe, ich hatte sie ja eingeschaltet, um die Quelle meines Schmerzes zu betrachten, die im Winkel von 45 Grad vom Fuß wegstehende, kleine Zehe –, betrachtete ich das gewohnte Bild und dachte über die Gleichzeitigkeit nach, in der unser Leben sich seinen Weg sucht.
Meistens setzen wir unsere Schritte so, dass uns die Wirklichkeit damit davonkommen lässt. Aber manchmal braucht es die kleinste Abweichung, und wir kollidieren mit einer anderen Wirklichkeit, die wir noch nie wahrgenommen haben. Die Lehre daraus: Es gibt sie.

christian.seiler@kurier.at

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