© Alexandra Klobouk

freizeit Gehen
07/04/2020

Christian Seilers Gehen: Nino singt „Alles sinkt“. Stimmt.

Schwedenplatz – Marienbrücke – Donaukanalweg – Franzensbrücke: 1.800 Schritte

Ich schreibe diese Kolumne mit rotem Kopf. Nicht, dass ich zu lange in der Sonne gesessen wäre, da hat auch das Wetter nicht mitgespielt.

Mein Kopf ist rot, weil ich mich schäme. Ich schäme mich mit gutem Grund, weil ich nämlich in meiner Kolumne über das Riesenrad einen unverzeihlichen Fehler begangen habe. In einem Nebensatz über das nur halbherzig umgesetzte Projekt am Praterstern, das in seiner vollen Pracht der Architekt Boris Podrecca geplant hatte, bedachte ich diesen großen Zeitgenossen mit der Zusatzinformation „kürzlich verstorben“.

Ich wurde – in diesem Fall kann ich aus tiefster Überzeugung sagen: glücklicherweise – eines Besseren belehrt. Boris Podrecca persönlich meldete sich, Mark Twain zitierend, aus Triest, um mir mitzuteilen, dass die „Nachricht von meinem Tod stark übertrieben“ sei.

Das ist natürlich eine gute Nachricht, auch wenn sie mir einmal mehr die Schamesröte ins Gesicht hebt. Wie es zu dem Versehen gekommen ist, kann ich mir nicht erklären. Ich kann mich nur – was ich selbstverständlich schon persönlich getan habe – bei Boris Podrecca entschuldigen – und bei allen Leserinnen und Lesern, denen mein Irrtum einen Schrecken eingejagt hat.

Zur Strafe gehe ich am Donaukanal auf und ab und betrachte das hässlichste Gebäude Wiens. Es befindet sich dort, wo der Wienfluss in den Donaukanal mündet, und nein, ich meine nicht die Urania, sondern das „Oktoneum“, jenes Bundesamtsgebäude an der Radetzkystraße 2, das von den Wienern den wenig schmeichelhaften, dafür zutreffenden Namen „Tintenburg“ bekommen hat. Der riesige Komplex, dessen Fassade von grobschlächtigen, von den Wappen der Bundesländer verzierten Ziegeltürmen eingefasst und gegliedert wird, ist auf eine so hilflose Weise plump und schwerfällig geraten, dass man fast Mitleid bekommen möchte mit den Menschen, die sich dieses Haus nicht nur anschauen, sondern bewohnen müssen – damit meine ich zum Beispiel unseren Vizekanzler Werner Kogler und seine Mannschaft. Zwischen den Türmen spannen sich zwar grün (und ein bisschen blau) schimmernde Fassadenelemente, aber ich assoziiere damit weniger den Inhalt als die Form – und sobald ich kurz stehenbleibe und versuche, die Fassade ohne den Kontext ihrer Umgebung zu betrachten, fällt mir eher die kasachische Flughafenarchitektur der neunziger Jahre ein als österreichische Architektur der achtziger (die „Tintenburg“ entstand zwischen 1981 und 1986). Der Nachmittag ist schon fortgeschritten. Die Ränder des Donaukanalwegs verwandeln sich zusehends in gedeckte Tische. Junge Menschen nehmen hier Platz, öffnen die mitgebrachten Getränke, wobei die Halbliterdose von Ottakringer Bier besondere Beliebtheit genießt. Da und dort werden die Ghettoblaster in Position gebracht, sodass einander überlappende Soundwolken für Stimmung (oder Verstörung) sorgen.

Ich gehe weiter, bis ich die Tintenburg aus den Augen verliere. Jemand bläst gerade das neue Album vom Nino aus Wien über das Wasser, Nino singt „Alles sinkt“. Ich schnappe mir ein Bier. Und sinke mit.

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