© Alexandra Klobouk

freizeit Gehen
10/24/2020

Christian Seilers Gehen: Kunstwerke, die gekommen sind, um zu bleiben.

Urania – Schottentor – Spittelau – Spittelauer Brücke – Friedensbrücke: 6.600 Schritte

von Christian Seiler

Spektakulär waren die Häuser immer. Oft blieb ich stehen, um ihr Mienenspiel zu verstehen, die merkwürdig ineinander verschachtelten Flächen, die Ecken und Winkel, die alles miteinander umfassten, nur keinen rechten Winkel.
Ich erinnere mich sogar noch, als 2004 die Rohbauten errichtet wurden. Großartige, wilde Skulpturen, die über der denkmalgeschützten Trasse der Stadtbahn an der Spittelauer Lände entstanden. Es war die Zeit, als die Zaha-Hadid-Häuser noch ein großes Versprechen waren, dreidimensionale Skizzen aus Beton, die das Versprechen von Wiens zukünftiger Großartigkeit in sich trugen.
Es ist anders gekommen. Oft bin ich den Donaukanal entlang spaziert und habe die Häuser mit ihren kleinen Fensteröffnungen betrachtet, in denen kein Zeichen von Leben zu sehen war. Die Reduktion der Fensterflächen war einer der Gründe, warum sich die Architektin von der Verwirklichung ihres Projekts distanzierte, nebst der von ihr nicht gewollten Gebäude-Stützen und den billigen PVC-Böden im Inneren der Wohnungen. Woran es schließlich gelegen ist, dass die Wohnungen keine Bewohner fanden, weiß ich nicht. Es mag an einer Mischung der Verkaufs- und Vermietungskonzepte gelegen sein, vielleicht lag es aber auch daran, dass die Nahversorgung fehlte und sich in den asymmetrischen Räumen niemand so richtig wohlfühlte.
Die erste Betreibergesellschaft ging in Konkurs, bald standen die Wohnungen leer. Man dachte zwischenzeitlich sogar darüber nach, eine Notschlafstelle für Obdachlose hier unterzubringen, entschied sich dann aber doch dagegen. Als ich diesmal von der Urania heranspaziert komme, gerade noch die kälteresistenten Kraftmeier an den Freiluft-Fitnessgeräten bei der Roßauer Lände bewundert habe, fällt mir auf, wie sich die Häuser verändert haben.
Die mit Lack auf die Fassade gesprayten Zeugnisse der Verlassenheit und Aufgabe sind unter neuen, riesigen Gemälden verschwunden: Jetzt zieren Tauben und Fische die untersten Stockwerke der Gebäude, ein melancholischer Teenager, ein mutmaßlicher, bärtiger Seefahrer, die bunten Arme eines Oktopus, die samt ihren Saugnäpfen bis zur Dachtraufe hinaufreichen.
Es sind Kunstwerke, die gekommen sind, um zu bleiben. Sie stammen vom Sprayerteam „Duo Twooo“, Markus Wesenauer und Christoph Lettner. Sie symbolisieren das „Urban Island“, das hier Einzug hält, Räumlichkeiten, die gemeinsam von Studenten und Touristen genutzt werden sollen. Ich sehe offene Fenster, Baumaterial, neue Versprechen von Leben. Wir werden sehen.
Ich gehe am ehemaligen Kletterturm vorbei, der das benachbarte Park&Ride-Gebäude zu den Zaha-Hadid-Bauten hin abschließt. Wo früher geklettert wurde, hat der Street-Art Künstler Case Maclaim bei einem Festival ein beängstigendes Hundemaul im XXL-Format appliziert, ein kleines, großes Meisterwerk.
Ich gehe weiter, wechsle die Flussseite und betrachte das kunstfertige Ensemble von drüben. Ich mag diesen urbanen Zoo. Er schmückt die Stadt. Er stimmt die Spittelau auf einen neuen, einen eigenwilligen Ton.

christian.seiler@kurier.at

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