© Alexandra Klobouk

freizeit Gehen
01/11/2020

Christian Seilers Gehen: Keine Wanderung - ein Manifest!

Heute keine Schritte, weil der Schrittzähler zu Hause blieb.

von Christian Seiler

Das Gehen-Manifest. Ein paar Grundsätze zur natürlichsten Fortbewegungsart der Welt.

 §1. Ich gehe, weil ich will. Klar, sonst würde ich ja am Schreibtisch anwachsen oder mich schleichend in eine Küchenschabe verwandeln. Aber das heißt nicht, dass ich immer gerne gehen mag. Manchmal braucht auch ein geübter Geher wie ich, der schon eine Menge Vorträge über die Segnungen der Schritt-Schritt-Schritt-Philosophie gehalten hat, ein wenig Überwindung. Was ich allerdings gelernt habe, stimmt optimistisch: Nach den ersten tausend Schritten fällt es nicht mehr schwer, noch ein paar tausend anzuhängen.

 §2. Ich belohne mich für jeden Schritt, indem ich ihn mache. Das ist eine etwas umständliche Umschreibung der alten Wandervogelweisheit „Der Weg ist das Ziel“. Allerdings verdient die Ansage volle Aufmerksamkeit, denn es wohnt ihr der stärkste Reiz inne, über den das Gehen verfügt: die plötzliche Verfügbarkeit von Möglichkeiten, die niemand, der das Auto oder die U-Bahn vorzieht, jemals wahrnehmen wird. Ein Stolperstein vor dem Nachbarhaus, der vom Schicksal Jura Soyfers weiß. Eine Straßenbahnstation, von der die Bim irgendwohin fährt, wo ich noch niemals war. Ein Strauch mit Hagebutten, die sich pflücken und unbeobachtet auszuzeln lassen, große Empfehlung!

 §3. Ich bin verpflichtet, mich jederzeit ablenken zu lassen. Es ist nämlich die Essenz des Gehens, wenig zu müssen und alles zu dürfen. Interessiert mich eine Seitengasse, biege ich ab. Übt ein Tschocherl eine magnetische Anziehungskraft aus, lasse ich mich anziehen. Steht irgendwo eine Bank, von der aus ich einen besonders schönen Blick genießen kann, setze ich mich und präge mir ein, was sich sehe, damit ich dann, wenn ich eine kostbare Erinnerung brauche, darauf zurückgreifen kann.

§4. Ich benehme mich beim Gehen sonderbar. Ja, das bringt der Umstand mit sich, wenn jemand regelmäßig Zeit mit sich selbst verbringt. Ich spreche beim Gehen gern mit mir selbst, manchmal in Sprachen, die ich erst lernen möchte, und wenn ich mir zuhöre, fühle ich mich klug und polyglott. Auch Geschichten fallen mir jede Menge ein, deren größte Qualität darin besteht, dass ich sie schon wieder vergessen habe, wenn ich wieder zu Hause bin (siehe §5).  

§5. Gehen hat keinen quantifizierbaren Zweck. Das stimmt natürlich nicht, denn wie wir Geher alle wissen, macht uns die regelmäßige Bewegung gesünder, klüger und schöner. Aber sie sollte nicht zum nächsten Register unseres Lebens werden, das uns Leistung und Wertschöpfung abverlangt, sondern das, was wir als Kinder beim Fangenspielen „das Leo“ nannten: ein Ort, wo uns nichts geschehen kann, weil wir in Sicherheit sind. Es lohnt sich zum Beispiel, beim Gehen hin und wieder das Handy zu Hause  und die Schritte, die man tut, ungezählt zu lassen, keine Leistungsdaten zu sammeln, sondern einfach zu genießen, was wir sehen, hören und fühlen. Uns zu verlieren. Falsch abbiegen. Irgendwo die Orientierung verlieren. Irgendwen fragen müssen, wo die nächste Tramstation ist. Lächelnd ins Leben zurückkehren.

christian.seiler@kurier.at

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