© Alexandra Klobouk

freizeit Gehen
07/18/2020

Christian Seilers Gehen: Es geht hinauf

Goldegg-Weng – Hochleitnalm – Oberwengalm – Gamskögerl – Hochegg – Oberwengalm – Hochleitnalm – Goldegg-Weng: 20.000 Schritte.

von Christian Seiler

Ich gehe, ein paar Schritte noch, das Gipfelkreuz ist schon zu sehen. Wobei ein paar Schritte, was sind schon ein paar Schritte, sind meine Schritte doch gerade kurz, denn der Hang hinauf auf das Hochegg ist steil, und die Höhe wird mit der Kürze des Ausschreitens erkauft, so dass die erwartete Zahl der Schritte nicht ausreicht, um das zweite Gipfelkreuz auf dieser schönen Wanderung zu erreichen. Ich muss nachlegen, atmen, nachlegen, atmen, und allein der Gedanke beflügelt mich, dass ich gleich mit einem Blick belohnt werde, der mir sofort die Leichtigkeit zurückgibt, die meinen Schritten gerade fehlt.

Ich bin von Goldegg-Weng den Weg zur Hochleitenalm hinaufgegangen, zuerst ein eher gesichtsloser Güterweg, bis ich nach einer halben Stunde auf die Alm kam, von wo ich den ersten Ausblick des Tages genoss: hinunter auf Goldegg, das Schloss, den See. Dorthin will ich später zurück, wärm dich bloß nicht zu viel auf, lieber See.
Dann folgte ich dem Traktorweg über die Weiden, wo mich ein paar Kühe verständnislos betrachteten, ich schaute nicht minder bescheuert zurück, damit waren wir quitt.
Der Weg führte jetzt in den Wald, wo er steil anstieg, sich nach ein paar hundert Metern in einen Pfad verwandelte und durch ein paar saure Wiesen führte, in denen meine Wanderschuhe den Beweis antreten durften, dass sie wirklich wasserfest sind. Als ich aus dem Wald auf die Wiesen der Oberwengalm trat – ich hatte inzwischen gut 700 Höhenmeter in den Beinen –, sah ich mich um – und wurde mit einem unverschämten Blick belohnt. Über die Hochebene von Goldegg schaute ich tief ins Gasteinertal, schwenkte nach rechts und sah die schneebedeckte Gipfelwelt der Hohen Tauern, vom Sonnblick über den Großglockner hinüber Richtung Kaprun.

Die Wegweiser leiteten mich Richtung Gamskögerl und Hochegg, bis ich mich schließlich entscheiden musste. Entweder. Oder. Ich machte es wie beim Essen, wenn die Angebote auf der Speisekarte zu verführerisch sind: Wählte ein solides Sowohl-als-auch. Marschierte zuerst hinauf aufs Gamskögerl, wo ich sicher 20 Minuten sitzen blieb. Nicht nur, um meine Beine nach gut zwei Stunden zum Teil steilem Aufstieg ein bisschen rasten zu lassen. Sondern um den Schwebezustand zu genießen, wenn du in den Bergen ans Ziel gekommen bist: Während des ganzen Aufstiegs sagt jeder Schritt hinauf, hinauf, hinauf, aber sobald du oben bist, meldet sich der Verstand und sagt: Dir ist schon klar, Alter, dass du wieder hinunter musst? Das Ziel ist also in Wahrheit nur ein Zwischenmoment, das Drücken der Pausetaste. Aber genau diese Flüchtigkeit macht das Erlebnis so intensiv: Du musst, was du siehst, verinnerlichen. Du kannst es nicht mitnehmen.
Deshalb gehe ich weiter aufs Hochegg. So kann ich das Gipfelerlebnis wenigstens verdoppeln. Ich sehe jetzt das Gipfelkreuz. Ich sehe die geschwungene Bank, die darunter für mich gebaut wurde. Ich sehe das Massiv des Hochkönigs, und weit hinten sehe ich den Dachstein. Ich schwitze. Ich bleibe. Das größte Glück in der Höhe ist es, nicht an den Abstieg zu denken.

christian.seiler@kurier.at

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