© Alexandra Klobouk

freizeit Gehen
08/24/2019

Christian Seilers Gehen: Die kurzen Hosen wachsen nach

Lerchenfelder Straße – Albertgasse – Josefstädter Straße – Landesgerichtsstraße: 4.500 Schritte

von Christian Seiler

Ich gehe die Albertgasse bergauf und fühle mich nostalgisch. Das Lerchenfeld liegt hinter mir, der Sommer ist eine Diva, heiß, dick und unbeständig. Das Gymnasium Albertgasse hat noch Sommerpause, aber ich kann den Schulanfang schon riechen: Er riecht nach Zigaretten und Chili, weil sich vor dem Thairestaurant im Erdgeschoss des Ludo-Hartmann-Hofs schon wieder die fast schon erwachsenen Schüler einfinden, um noch ein paar Ferienbier zu trinken. Die jüngeren Kollegen lungern nebenan vor der Cupcake-Hütte, aber ich bleibe bei den Keramiksäulen des Hartmann-Hofs stehen, die den Straßenhof begrenzen und betrachte sie genau: Sie sehen original aus wie Palmenstämme, kunstvoll aus Keramik gebrannt, man mag es dem Architekten Cesar Poppovits danken, der Mitte der Zwanzigerjahre diesen Gemeindebau für höhere Beamte – ja, sowas gab es auch: nämlich Rathausbeamte – in die Gasse zwängte.
Ich fühle mich aus zwei Gründen nostalgisch. Erstens nimmt das Ferienende immer ein bisschen Leichtigkeit aus dem Alltag, auch wenn ich nicht fürchten muss, noch einmal Referate über die geopolitische Bedeutung von Kasachstan oder die physikalischen Abnormitäten von Halbleitern halten zu müssen. Aber die Stadt wird wieder voller, die kurzen Hosen wachsen nach, und in den Gasthäusern, wo gestern noch viele Plätze frei waren, muss man wieder reservieren.
Zweitens hab ich hier einmal gewohnt, in einer Zimmer-Küche-Wohnung mit Klo am Gang. Das belastete meine Beziehung zu den Nachbarn, weil mir immer erst einfiel, dass ich noch Klopapier kaufen muss, als der Billa schon zuhatte. Also musste ich ihres nehmen. Im „Albert-Kino“ sah ich „Easy Rider“, und gegenüber, wo jetzt der vegane Burger-Laden ist, ordinierte damals noch der Inhaber vom Gasthaus Hirschhofer. Das war ein herrliches Wirtshaus, dem irgendwann von einem McDonald’s der Strom abgedreht wurde. Dass jetzt ausgerechnet ein veganer Fastfood-Laden zurückgeschlagen hat, empfinde ich als verdiente Revanche. Ich grüße das Café Hummel, wo ich seinerzeit nach Mitternacht den „Toast Louis Armstrong“ zu essen pflegte, nicht unbedingt gesund, aber brauchbar als nachträgliche Unterlage.
Ich gehe jetzt die Josefstädter Straße stadteinwärts. Die Dichte des studentischen Publikums, das Urbane, Bourgeoise, Lässige und Geldige hinterlassen ihre Spuren, Veganes, Gesundes, Schickes. Nur ein paar kulturelle Einrichtungen wie das Theater in der Josefstadt oder die Eckart-Buchhandlung trotzen unverändert den Zeitläuften, oder besser: gewinnen ihnen zukunftsträchtige Facetten ab.
Ich gehe vorbei an Gründerzeithäusern, an einstöckigen Biedermeierhäusern, am Wohnhaus des früheren Bundespräsidenten, dem bei Doderer geläufigen Wirtshaus Blauensteiner, dem verschlimmbesserten Café Eiles.
Am meisten freue ich mich, dass an der Ecke zur Zweierlinie noch immer der Kiosk steht, wo es „Internationale Zeitschriften“ gibt. Der ist für mich wie die Generalpause im Konzert der Veränderungen. Hier kaufe ich ein, als wirkungsmächtige Geste gegen die Gesetze unserer Zeit.

christian.seiler@kurier.at

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