© Alexandra Klobouk

freizeit Gehen
10/03/2020

Christian Seilers Gehen: Der Profi gegen den Langen

Der mit dem bessern Argument gewann das Duell um ein scheußliches, gebatiktes Tuch in Gelb.

von Christian Seiler

Der Verkäufer raucht. Er steht vor dem mobilen Garderobenkasten, aus dem heraus er seine T-Shirts, Fußballtrikots und Schals verkauft, atmet blauen Rauch aus und mustert mich. Er mustert mich, weil es niemanden sonst zu mustern gibt, denn der Bauernmarkt bei der Kettenbrückengasse ist verwaist – bis auf die Händler natürlich, die alle Gleiches oder Ähnliches im Angebot haben, aber gerade kein Publikum finden.

Ich bin auf der Wienzeile stadtauswärts marschiert, weil ich nicht durch das Gedrängel am Naschmarkt gehen wollte, habe den stark frequentierten, neuen Radweg in Augenschein genommen und ihn für gut befunden – ich bin ja für jeden Meter Straße dankbar, der uns Stadtbewohnern, die sich anders als mit dem Auto fortbewegen, zurückgegeben wird. Dann wechselte ich die Straßenseite, weil ich mir die legendären Wienzeilenhäuser von Otto Wagner anschauen wollte, das Majolikahaus und das Haus Linke Wienzeile 38. Dabei verirrte ich mich in den Marktbereich und geriet in die Einflugschneise zum rauchenden Verkäufer, der mich so ansieht, als wüsste er etwas, was ich nicht weiß.

Ich würde mir ja gern von der Menschenkenntnis jener Herrschaften, die auf der Straße ihrem Geschäft nachgehen, eine Scheibe abschneiden. Sie brauchen höchstens ein paar Hundertstelsekunden, um mögliche Kunden einzuschätzen. Lesen in den Gesichtern derer, die daherkommen, alles, was sie wissen müssen: Hilfsbereitschaft, Naivität, Eitelkeit, Charakterschwäche, dazu noch alle möglichen Launen, die es einfacher oder auch schwieriger machen, der Person etwas aufzuschwatzen, was sie unter Garantie nicht braucht.

Der Verkäufer betrachtet mich jetzt ungeniert von oben bis unten. Ich sehe, wie er sieht, dass ich weder ein nachgebautes Real Madrid oder Manchester United-T-Shirt kaufen werde, auch für eines seiner Palästinensertücher in Leuchtfarben bin ich nicht der richtige Typ. Ich tue so, als würden mich allein die Wagner-Wohnhäuser interessieren, die zwischen 1898 und 1899 errichtet wurden und Wagners fulminante Abkehr vom Historismus darstellen: Betrachte die verfliesten Fassaden, deren wahrer Prunk erst aus der Distanz sichtbar wird und denke, wie die Wienzeile wohl heute aussehen würde, wenn Wagners Vision eines Prachtboulevards Wirklichkeit geworden wäre ...

„Schönes Tuch“, sagt jemand, nämlich der Verkäufer. Ich blicke in ein Gesicht voll sportlichen Ehrgeizes.

„Baum des Lebens“, sagt der Verkäufer und präsentiert mir ein scheußliches, gebatiktes Tuch in Gelb. Kunstpause.

„Du langes Leben.“

Er grinst mich an, als freue er sich darüber, dass er mir gerade ein langes Leben verkauft. Ich wollte eigentlich nur Wagners Fassaden studieren, aber jetzt muss ich einen Baum des Lebens betrachten und die dunklen Augen des Verkäufers, der mich hypnotisch fixiert. Ich sehe, wie die anderen Verkäufer näher kommen und sich das Duell nicht entgehen lassen wollen: der Profi gegen den Langen, der nicht lange leben will. Es gewann der von uns beiden mit dem bessern Argument. Wer will schließlich kein langes Leben leben?

christian.seiler@kurier.at

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