© Alexandra Klobouk

freizeit Gehen
02/08/2020

Christian Seilers Gehen: Das verstehe ich unter Mich-Treiben-Lassen

Westbahnhof – Webgasse – Gumpendorferstraße – Magdalenengasse – Rüdigergasse – Grüngasse: 3600 Schritte

von Christian Seiler

Ich ließ mich durch die Straßen treiben, und falls jemand wissen möchte, was das eigentlich heißt: Bittesehr, hier ist die Gebrauchsanweisung. Ich ging die Mariahilfer Straße stadteinwärts, wo ich gleich in der Nähe des Westbahnhofs eine ziemlich gute Suppe mit dicken, handgezogenen Nudeln gegessen hatte, dann bog ich irgendwo ab, die Webgasse hinunter, passierte in der Schmalzhofgasse den Escape-Room „Fox in a box“, ging am Café Jelinek vorbei, verwarf aber den Gedanken, einen schnellen Tee zu trinken (zu viele handgezogene Nudeln!), streifte die Magdalenengasse und bewunderte das Biedermeierhaus neben dem Gastgarten eines Lokals namens „Kaiserwalzer 2.0“. Dann stand ich plötzlich, weil ich instinktiv der Magdalenengasse gefolgt war, auf der Linken Wienzeile, die ich ebenfalls überquerte. Auf der anderen Seite des hier unterirdisch fließenden Wienflusses bettelte ein einstöckiges Haus, das zwischen zwei schönen Jugendstilhäusern eingeklemmt ist, um meine Aufmerksamkeit, dann umrundete ich das Café Rüdigerhof, überquerte die Hamburgerstraße und verirrte mich im Gassenwerk des fünften Bezirks.
Das verstehe ich unter Mich-Treiben-Lassen. Selbst als geübter Wiener war es mir bis hierher – ich stand vor einer Ecke, die mit großen Transparenten als „Miniatur Tirolerland“ ausgewiesen wurde – gelungen, an Gassen, Höfe und Winkel zu gelangen, die ich niemals vorher gesehen (oder aber längst schon wieder vergessen) hatte, sodass ich mich fühlte wie ein veritabler Entdeckungsreisender.
Mit einigem Erfolg: Nicht jeder Wiener entdeckt um die Ecke zufällig ein Tirolerland. Ich ging nur ein paar Schritte weiter, bis ich in einer Sackgasse hinter der Kettenbrückengasse etwas wirklich Außerordentliches sah: ein offensichtlich historisches  Gebäude von mittlerer Größe, eingerahmt von einem mehrstöckigen Wohnbau. Direkt davor öffnete sich der Abyssus einer Tiefgarage. Aber diese Banalitäten lenkten nicht davon ab, dass dieses Gebäude – die Heumühle – eine so lange wie interessante Geschichte zu erzählen hat.
 Die Architektur des Gebäudes geht auf das 14. Jahrhundert zurück, als hier ein Mühlbach verlief, der künstlich aus dem Wienfluss abgezweigt wurde. Die Heumühle ist die einzige von drei damals errichteten Mühlen, die trotz Bränden, häufigen Besitzerwechseln und Umbauten erhalten blieb. Sie gilt als der älteste Profanbau Wiens.
 Fasziniert umrundete ich den Bau. Die spitz zulaufenden Fenster und Türen sind das Ergebnis einer Regotisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Bis 1856 war die Mühle in Betrieb, dann wurde der Mühlbach zugeschüttet.
Ein Glück, dass die Mühle noch steht. Eine Zeitlang diente sie als Wirtshaus, dann stand sie längere Zeit leer (wenn auch unter Denkmalschutz). Inzwischen beherbergt sie, fein herausgeputzt, einen New Work-Space, sodass man die Heumühle unauffällig besichtigen kann, indem man vorgibt, sich für neue Arbeitskonzepte zu interessieren. Auch wenn man nur Geschichte atmen möchte. So was passiert, wenn man sich treiben lässt.

christian.seiler@kurier.at

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