© Alexandra Klobouk

freizeit Gehen
02/15/2020

Christian Seilers Gehen: Am Kanal entlang

Bahnhof Simmering – Hasenleitengasse – Ostbahn XI-Platz – Am Kanal – Herderpark – Station Geiselbergstrasse – Am Kanal – Grasberggasse – Rennweg – Station Rennweg: 8500 Schritte

von Christian Seiler

Die Hasenleitengasse führt vom Bahnhof Simmering auf geradem Weg zum Ostbahn XI-Platz, der mein erstes Ziel ist, weil heute, Samstag, auf seinem Parkplatz ein Flohmarkt ausgerichtet wird.
 Die Hasenleitengasse wird von Gemeindebauten gesäumt. Nicht von den stolzen, trutzburgmäßigen Gemeindebauten, wie sie in Heiligenstadt, am Margaretengürtel oder in Erdberg stehen, sondern von schlankeren, unauffälligeren Häusern.
 Das schlichte Ensemble erzählt eine umso interessantere Geschichte. Während des Ersten Weltkriegs war hier auf Parzellen der Pfarre St. Laurenz eine Barackenstadt entstanden, deren Mittelpunkte das Kriegsspital und die Pfarrkirche Hasenleiten waren. In der Zwischenkriegszeit wurden diese Unterkünfte für Wohnzwecke adaptiert. In den notdürftig hergerichteten Baracken wohnten hunderte Arbeitslosenfamilien. Der Umbau zu einer Wohnsiedlung begann 1937 im sogenannten „Schwarzen Wien“. Den Verantwortlichen im klerikal geprägten Austrofaschismus war daran gelegen, die Wirkungsmacht des Roten Wien zu untergraben. Deshalb initiierten sie zusätzlich zu der Wohnanlage auch ein Kloster. Vom Kloster ist heute nichts mehr zu sehen. Aber die Pfarrkirche Hasenleiten, die das 1961 abgebrannte „Russenkirchlein“ ersetzt, steht etwas zurückgesetzt und unscheinbar in der Wiese, beherbergt die Heimpflege der Caritas, und kaum jemand käme auf die Idee, dass hier bemerkenswerte künstlerische Ausstattungen österreichischer Künstler wie Josef Papst, Karl Steiner und Rudolf Korunka zu besichtigen sind.
Es ist nur mehr ein Sprung zum Ostbahn XI-Platz. Hier ist die Mannschaft zu Hause, die derzeit in der 2. Wiener Landesliga den 4. Platz belegt (in Führung unangefochten der Simmeringer SC). Auf dem Parkplatz haben die Flohmarktverkäufer auf ein paar Tapetentischen alte Kleider, Schuhe und Spielwaren ausgelegt. Nichts, was ich unbedingt mitnehmen möchte. Dafür besichtige ich den Platz, der direkt am ehemaligen Wiener Neustädter Kanal liegt, in dem heute die Eisenbahntrasse Richtung Schwechat verläuft. Natürlich erinnere ich mich an das legendäre Konzert, das der Ostbahn Kurti & die Chefpartie im Sommer 1991 vor mehr als zehntausend Besuchern hier abfeierten. Es gehört zur Mythologie der österreichischen Rockmusik. Aber während ich auf den verwaisten Zuschauerbänken sitze, erinnere gerade nur ich mich daran – und vielleicht zwei, drei Raben, die im Strafraum nach Futter suchen.
 „Am Kanal“ entlang gehe ich später stadteinwärts. Durchquere den wunderbar angelegten Herderpark mit seinen Schulen und dem Schwimmbad, folge der Krümmung des Kanals, bis ich zur Schnellbahnstation Geiselbergstraße komme. Rechts geht es zur Hauffgasse (wo in der „Szene Wien“ auch ein Kapitel Ostbahn-Legende geschrieben wurde). Vor mir steht ein Johannesstöckl, eine Heiligenfigur mit Kruzifix und Märtyrerpalme. Links davon haben junge Simmeringer bunte Bilder an die Mauer zur Unterführung gemalt, wild, laut, bunt. Ihr Titel lautet: „Simmering ist …“. Antwort: „…meine Zukunft“. Ich gehe weiter, „Am Kanal“ von damals entlang.

christian.seiler@kurier.at

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