freizeit | Gehen
16.09.2017

Ausflug nach Grinzing - mussu auch probieren

Kahlenbergerdorf – Eiserne Hand – Krapfenwaldlbad – Himmelstraße: 12.500 Schritte

Ich gehe durch Grinzing, und ich versuche zu erkennen, was die Massen hierher bewegt. Lang habe ich einen großen Bogen um Grinzing gemacht, weil ich auch nicht nach Mallorca an den Ballermann fahre oder am Samstagabend mein Bier im Bermudadreieck trinke, umringt von skandinavischen Jugendlichen, die entdeckt haben, dass nach dem letzten Getränk noch eines geht und noch viiiel besser einfährt, mussu auch probieren …
Aber dann bin ich einem Hinweis von befugter Seite gefolgt, habe einen Spaziergang vom Kahlenbergerdorf über die Eiserne Hand gemacht, bin zusammengezuckt, als ich sah, dass der Heurige Sirbu sein Haus mit Signalfarbe sichtbar gemacht hat – der Sirbu mit seiner wundervollen Aussicht und dem lässigen Garten hatte mich als einer der wenigen mit dem Prinzip Heurigen so einigermaßen versöhnt – und wanderte weiter hinüber zum Krapfenwaldlbad und von dort die Krapfenwaldgasse hinunter nach Grinzing.
Es ist einigermaßen – brrr – beeindruckend zu sehen, wie den paar alten, knorrigen Hauerhäusern, die einstöckig und bescheiden daran erinnern, wie es hier einmal ausgesehen haben muss, neue James Bond-Domizile entgegengestellt wurden, prahlerische Villen der Façon „Kalte Schulter“, an denen ich vorbeigehe, über ihre pure Dimension staune und dabei ein Frösteln spüre. Wahrscheinlich stammt das von den toten Augen dieser Häuser, den elektrisch verrammelten Fensteröffnungen, und ihren blinkenden Alarmanlagen.
Ich durchschreite jetzt die Himmelstraße bergab, ohne Zögern bei grün illuminierten Eingängen in diverse Heurigenschluchten, denn ich weiß, dass ich weder links noch rechts abbiegen werde, bevor ich ganz unten, am Ursprung der Himmelstraße, angekommen bin, bei der Schleife, die der gnädige 38er hier macht. Dort befindet sich mein Ziel, die „Buschenschank in Residence“, ein altes, nur noch sporadisch bewirtschaftetes Heurigenlokal, nicht besonders schön, sondern vom herben Charme Wiener Vorstadtwirtshäuser, jedoch befreit vom süßlerten Kitsch, der diese so oft überschminkt.
Hier wirtschaften an ausgesuchten Wochenenden die großartige Wiener Winzerin Jutta Ambrositsch und ihr kongenialer Partner Marco Kalchbrenner, und sie haben es fertiggebracht, sozusagen den idealen Heurigen zu kuratieren: Zum Charakterwein von Ambrositsch, gekeltert in Sievering und am Nussberg, servieren sie kaltes Essen, das ausschließlich an den besten Quellen besorgt und mit nonchalanter Selbstverständlichkeit präsentiert wird: geräucherte Kalbszunge vom Thum, Käse von Robert Paget, Leberkäs von einer klandestinen Quelle, die Kalchbrenner nur nach Folter preisgibt. Und diverses mehr. Ich habe es jedenfalls nie bereut, bei einem meiner letzten Besuche „einmal alles“ bestellt zu haben.
Einen Haken hat die Sache: Man muss zum Bezahlen am Wirten vorbei, und das kann lang dauern (wegen dem Wirten und der anderen Gäste, die einen am Gehen hindern). Vom 15. bis 17. September ist die Buschenschank in Residence wieder geöffnet: Himmelstraße 7, 1190 Wien. Heimgefahren wird übrigens mit dem 38er.