freizeit | Gehen
08.07.2018

Am Heustadlwasser

Praterstern – Praterhauptallee – Stadionallee – Heustadlwasser Bootsverleih: 2800 Schritte

Ich gehe, wie so oft, am Heustadlwasser entlang, und weil ich mir dabei eine gewisse, meditative Gedankenlosigkeit antrainiert habe, fällt mir gar nicht auf, dass sich etwas Gravierendes verändert hat.

Das mit der Gedankenlosigkeit bedarf einer Erklärung. Gehen ist für mich täglicher Eskapismus. Die Entscheidung, den Schreibtisch Schreibtisch sein zu lassen und mich hinaus in den Sommer zu begeben, gehört zu den Privilegien meines Arbeitslebens. Ich gehe dann, ohne die Arbeit einzustellen, entlang von Wegen, die ich aus dem Effeff kenne, sodass mich nichts ablenkt oder überrascht, kein natürliches Phänomen, keine architektonische Pointe, nur eines: Wenn sich eine Veränderung einstellt.

Am Heustadlwasser im Grünen Prater hat sich so eine Veränderung eingestellt, indem sie sich nicht eingestellt hat. Der kleine Imbiss mit angeschlossener Bootsvermietung am südlichen Ufer des ehemaligen Donaualtarms, gleich bei der Stadionallee, hat regelmäßig während der Wintermonate geschlossen. Logisch, man verleiht ja keine Eislaufschuhe, sondern Tretboote, die, ich muss das dazusagen, schon bessere Zeiten gesehen haben. Während der Wintermonate ist der Steg unterhalb des Imbiss daher leergeräumt, während er im Sommer bunt auftritt, gemustert in den fahlen Farben, in denen die Tretboote gestrichen sind.

Nicht nur das Tretbootfahren ist ein bisschen aus der Zeit gefallen, auch der Imbiss selbst. Er besteht aus einer Hütte, in deren Fassade nicht mehr als eine Lücke für die Warenausgabe eingeschnitten ist, und ein paar Tischen am Uferweg, wo man die Gespritzten und das Flaschenbier verzehren kann, das man sich bei der Warenausgabe abgeholt hat. Außerdem bekam man von den Inhabern ein paar Hinweise mit auf den Weg, zum Beispiel, dass man nicht immer auf sein Handy glotzen, sondern so tun soll, als sei es 1995 und das Internet sei noch nicht erfunden. Soll heißen: Redet miteinander, ihr Wappler.

Natürlich müssten die Tretboote längst wieder am Steg liegen, damit der eine oder andere versprengte Praterbesucher sich eine Stunde lang auf eine überschaubare Lustbarkeit auf dem eher trüben Wasser begeben kann. Ich erinnere mich nur an ein einziges Mal, als ich ein Paar im gelben Boot über das Heustadlwasser strampeln sah, ein großes Geschäft kann der Bootsverleih nicht gewesen sein.

Aber die Boote sind nicht zurück am Steg. Nur ein gelbes Ruderboot liegt da, auf dem Bauch, Kiel nach oben. Der Imbiss hat zu, und der Hinweis „Dienstag Ruhetag“ spottet an allen anderen Wochentagen der bangen Frage, was denn eigentlich los ist mit diesem aus der Zeit gefallenen Ort. Ein besorgter Praterstammgast hat auf den Zettel, der den sinnlosen Ruhetag (Ruhe wovon eigentlich?) ankündigt, mit Kugelschreiber vermerkt, dass es ihm ein Anliegen wäre, wenn der Imbiss bald wieder aufsperrt. Demnächst. „Und bleibt“, fügt der anonyme Gast hinzu, „genau so wie ihr wart. Bitte.“

Dieser Bitte möchte ich mich hiermit ganz offiziell anschließen.

christian.seiler@kurier.at