Ehefrau von Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand: Sophie, 1.3.1868 - 28.6.1914, Herzogin von Hohenberg

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Ein ungleiches Paar
10/22/2013

Gehasste Hochgeliebte

Ein österreichisches Liebespaar machte zwischen Konopischt und Sarajewo Weltgeschichte – eine Familientragödie strebte vor hundert Jahren ihrem Höhepunkt zu. Eine Geschichte über Franz Ferdinand und Sophie, den Zeitgeist und das Unglück.

Im Habsburgerland funktionierten Liebes- und Trauersachen stets ein bisschen anders als in der weiten Welt. Aber endgültig aus der Balance geraten war man erst im 19. Jahrhundert. Da erschoss der einzige Sohn von Kaiser Franz-Josef, Kronprinz Rudolf, im Wienerwald-Jagdschloss Mayerling seine Geliebte, um anschließend Selbstmord zu begehen. Weshalb nach den strengen Erbregeln der Habsburger der älteste Bruder Franz Josefs zum Thronfolger deklariert werden musste. Dieser hieß Karl Ludwig und infizierte sich tödlich auf einer Nahostreise am Fluss Jordan – zwei Jahre bevor Kaiserin Sissi erstochen wurde. Franz Josef seufzte: „Mir bleibt doch nichts erspart“ – und akzeptierte seinen jungen Neffen Franz Ferdinand als Thronfolger – obwohl dieser an Tuberkulose litt. Franz Josef machte dem jungen Neffen klar, dass das Habsburger Reich eine prächtige Kaiserhochzeit wünsche – und einen männlichen Thronerben. FF befreite sich von seiner TBC-Erkrankung und spielte das Familienspiel zunächst mit. Über die jungen Damen mit allerbestem Blaublut hatte er allerdings eine pointierte Meinung: „Es ist ein Unglück, dass es lauter Kinderl gibt, lauter 17- oder 18-jährige Piperl – eines schiarcher als das andere …“ Es dürfte dann in einer Faschingssaison vor dem legendären „Fin de siecle“ gewesen sein, dass auf einem Ball des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger zwischen dem kommenden Monarchen und einer nicht mehr ganz jungen Comtesse aus Prag ein heiteres Versteckspiel begann. Die Vielgeliebte war Sophie Maria Josephine Albina Gräfin Chotek von Chotkowa und Wognin, mit der sich der Thronfolger nun traf und mit der er anonym bis ins deutsche Rheinland reiste. Eine schöne Frau und ein energischer politischer Reformator sahen eine rosige Zukunft vor sich. Über das Verhältnis zwischen Monarchen und Untertanen äußerte sich FF höchst kritisch: „Die Leute glauben rein, dass jeder Erzherzog ein Thaddädl sein muß.“ Was er selbst nicht sein wollte. Im Hinblick auf die Heiratswünsche hielt er jedoch eine Blutauffrischung für notwendig: „Bei uns sind immer Mann und Frau 20mal miteinander verwandt … das Resultat ist, dass von den Kindern die Hälfte Trotteln und Epileptiker sind…“Nun war wiederum Kaiser Franz Josef empört – und mit ihm die meisten Angehörigen der habsburgischen Familie. Es begann ein Kampf um die Disziplinierung des künftigen Staats- und Familienoberhauptes; aber Staat und Familie zugleich umzumodeln, ging den meisten Konservativen gegen den Strich … und so unterlag Franz Ferdinand auch im Spiel der Mächtigen. Die Öffentlichkeit wiederum war durchwegs der Auffassung, dass FF – wann immer er den Thron besteigen würde – seine Frau sowieso zur Kaiserin und seine Kinder zu vollberechtigten Erzherzögen befördern würde.

Man sprach von einer „Missheirat“, bis schließlich der Thronfolger nachgab und in einem großen Staatsakt in der Wiener Hofburg der Diskriminierung zustimmte – die seine künftige Gattin und alle noch ungeborenen Kinder betraf. Nicht genug: Kaiser Franz Josef verhinderte, dass die Trauung von Sophia und FF zu einer Sympathiekundgebung der Neuerer und Reformer werden könnte. Mit allerhöchstem Befehl verlegte er sie in eine Schlosskapelle der nordböhmischen Provinzstadt Reichstadt (heute Zakupy), 400 Kilometer von Wien entfernt; der einfache Pfarrer vor Ort zelebrierte. Und damit begann für Sophie eine lange Zeit der Demütigungen und politischen Unterstellungen – etwa jener, dass sie infolge ihrer tschechischen Abstammung gegen die Ungarn und Deutschen im Vielvölkerstaat agitieren würde. Auch rächte sich die Protokollabteilung in der Wiener Hofburg durch groteske Regeln: Kein gemeinsames Wohnen unter des Kaisers Dach für das Ehepaar, keine gemeinsame Teilnahme der Frischvermählten an Familiendiners, kein gemeinsamer Logenbesuch in Oper oder Burgtheater, keine gemeinsame Ausfahrt mit der Hofequipage … Die Folge war, dass Franz Ferdinand an den Wochenenden – zumeist mit Frau – aus Wien in eines der Habsburger Jagdschlösser flüchtete. Dort spielte sich auch das Gesellschaftsleben der Monarchie ab. Da waren die Marchfeldschlösser bei Wien, das Blühnbachtal in der Salzburger Gebirgswelt, die Jagdhäuser in Radmer, Chlumetz, Mürzsteg und im ungarischen Bellye; vor allem aber das Schloss Konopischt bei Prag. Dort fanden auch Gespräche über die politischen Allianzen statt, über die Rüstung der Armeen und den Ausbruch des „Großen Krieges“. Die „bürgerliche“ Lovestory von Franz Ferdinand und – endlich! – seiner mit dem Titel „Hohenberg“ geschmückten Sophie wurde schließlich in aller Welt als vorbildhaft empfunden. Und es ist eine Tatsache, dass zahlreiche Reformen beschlussreif waren – um aus dem 52-Millionen-Großreich eine moderne Gesellschaft zu formen. Nur Sophie wollte immer auch den Hardlinern unter ihren Gegnern imponieren. So plante sie im Anschluss an k.u.k.-Militärmanöver im Sommer 1914 den Besuch von Sarajewo an der Seite Franz Ferdinands. Hier schoss ein österreichischer Gymnasiast serbischer Abstammung Franz Ferdinand und Sophie zu Tode … Waren die Hofschranzen in Wien also doch die Sieger? Sie hatten einen Vorwand zum Krieg gegen Serbien – und lösten damit den Ersten Weltkrieg aus. Eine Bestattung in der Kapuzinergruft wurde untersagt, stattdessen wurde das Liebespaar im romantischen Schloss Artstetten an der Donau in Niederösterreich beigesetzt – in Abwesenheit des 84-jährigen Kaisers oder ausländischer Gäste.

Übereinstimmend wird berichtet, ein fürchterliches Gewitter habe im Morgengrauen die Überfuhr über die Donau gefährdet und die Särge wären fast in die Donau gekippt.

Buchtipp: Hans Magenschab, „Der Große Krieg.“
(Tyrolia), 39,95 €

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