© Landessammlungen Niederösterreich/Christoph Fuchs

König der Karikatur
01/28/2019

Für immer Deix: Sein Witz beißt nach wie vor

Eine Schau im Karikaturmuseum Krems und ein Erinnerungsbuch seiner Ehefrau zeigen weniger bekannte Facetten des Genies.

von Bernhard Praschl

In Kilometer darf man das nicht zählen. Vom Gasthaus Deix in Böheimkirchen bis in die Westbahnstraße 25 in Wien sind es vielleicht holprige 52 km. Nicht wirklich die Welt. Ein paar Dutzend Stationen mit der Eisenbahn, aus dem Fenster gaffen, die Mitreisenden anstieren. Gemma gemma, geht schon. Und doch war der Schulweg für den sechzehnjährigen Manfred fast wie eine Weltreise.

 Hier die westlich der Großstadt gelegene Idylle mit der wenig atemraubenden Perspektive, Wirt zu werden. Oder Fleischhauer. Oder Fliesenleger.
Dort die Metropole im Osten mit ihren vielen Versuchungen. Und Möglichkeiten. Und mit einer neuartigen Verheißung. Eine Ausbildung zum Grafiker. Laut muss man sich die auf der Zunge zergehen lassen. Lautsprachlich geradezu.  Sie verstehen: „GraFIKER“.

-fiker also, an der Höheren Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in der Westbahnstraße 25 im siebten Wiener Hieb. Für einen pubertierenden  Buam aus St. Pölten ein Wahnsinn von A bis Z, von der Action bis zum Zerkugeln.  Denn mit ihm an der Schule waren drei auch nicht gerade stille Wasser. Später sollten sie als Schockmaler Gottfried Helnwein, Zirkusdirektor Bernhard Paul und Rudolf-Hausner-Schüler Josef Bramer ziemlich berühmt werden. Und bekannt. Fast so bekannt wie Deix, möchte man meinen. Aber der spielt sowieso in seiner eigenen Liga. Als Schöpfer der „Deixfigur“ fand er längst Aufnahme sowohl im Duden als auch im Österreichischen Wörterbuch.   

Heuer wäre Manfred Deix 70 Jahre alt geworden. Mit anderen Worten, mehr als zwei Jahre schon müssen wir ohne Deix leben. Ein Zustand, der eigentlich keiner ist. Oder, wie es Elfriede Jelinek,  die Nobelpreisträgerin, in dem „Forever Deix-Jubelband“ so bestechend klug wie auch bestürzt ausdrückt: „Hilfe! Seit Manfred Deix tot ist, wissen wir nicht mehr, wie wir aussehen!“

Wenn das der Deix wüsste. Der würde sich im Grab umdrehen. Vor leiser Scham. Oder vor lauter Hetz’. 

Denn seine Rolle bei all diesem Tamtam hat er nie als so groß empfunden.  „Ich hab nur getan, was ich tun musste. Ich bin ein Produkt meiner Talente“, sagte er vor mehr als zehn Jahren dem deutschen Spiegel. Aber da war er schon meilenweit weg vom Geburtsort St. Pölten in der Galaxie der größten Künstler der Welt angekommen.

Wer ein Bosnigel ist, könnte Gottfried Helnwein, Deix’ jahrzehntelanger Weggefährte und Freund, Befangenheit attestieren, wenn der ihn als „den größten satirischen Zeichner dieses Jahrhunderts“ bezeichnet. Aber auch Albertina-Museumsdirektor Klaus Albrecht Schröder kennt in seinem Zusammenhang nur Superlative. Mit folgender Expertise weist er dem zauselhaften Zeichner einen unverrückbaren Platz in der Kunstgeschichte zu: „Vielleicht ist Manfred Deix der einzige Karikaturist, der im letzten Jahrhundert zur Emanzipation dieser unterschätzten Kunstgattung ebenso viel beigetragen hat wie vor ihm nur Honoré Daumier im 19. Jahrhundert“, befindet der Experte in seiner Erinnerung an den Künstler in „Forever Deix“.

Seine Liebe zu den Katzen

Dabei hat Deix nie groß den Künstler hervorgekehrt. Wie er generell auch lieber bei den Kleinen als bei den Großen daheim war. Und selbst wenn ihn seine überbordende Liebe zu den Katzen in immer größere Wohnungen und Häuser und Villen auszuweichen zwang, blieb er stets denen verbunden, mit denen er als Kleiner die Schulbank gedrückt hat.  Er hatte immer Zeit, seine Sitznachbarn aus der Hauptschulzeit mit  Shakehands zu begrüßen, wenn sich die Gelegenheit dazu bot.

 

Er selber  ist ja auch fast zu Kreuze gekrochen, wenn er einem seiner Säulenheiligen gegenüberstand.  Dem Underground-Comic-Helden Robert „Fritz the Cat“ Crumb etwa. Als im Jahr  2001 das Karikaturenmuseum Krems die Ausstellung „Die vielen Gesichter des Robert Crumb“ vorbereitete, fädelte  Marietta Deix es geschickt so ein, dass ihr Manfred auf sein Idol Robert treffen sollte. Nicht in einem Museum. In einem Gasthaus  natürlich.

„Er hat sich ihm ganz zaghaft auf den Knien genähert“, erinnert sich Marietta Deix an diese historische Begegnung. „Er hat Robert Crumb damals zum ersten Mal persönlich getroffen. Ein großer Moment für ihn, ein sehr großer. Denn Manfred hat  schon seit Anfang der 1970er-Jahre zu ihm und seiner Arbeit aufgeblickt.“

"Jesus, Jesus, Jesus!"

Eine Ehrerbietung, die keineswegs eine Einbahnstraße war. Marietta: „Wir saßen im Gasthaus bei Tisch, der große Crumb blätterte Bücher von Manfred durch und stammelte vor lauter Respekt nur mehr: ,Jesus, Jesus, Jesus!’“

Man darf sich eine ähnliche Reaktion vorstellen, als der vierzehnjährige Manfred erstmals auf ein Mädchen namens Marietta traf. „Sankt Pölten war ja damals eine spießige Stadt“, blickt die Angesprochene gar nicht wehmütig zurück. „Mit rotem Minikleid und roten Stöckelschuhen fiel eine Vierzehnjährige natürlich auf!“ 

Na, was heißt.

Peepshow in den Händen

Für Manfred kein Problem, sein Lebenselixier waren bereits damals Auffälligkeiten. Oder Einsichten gewagterer Natur. Schon als Sechsjähriger  verkaufte der zeichnerisch äußerst begabte Volksschüler „Nackertzeichnungen“  zum Stückpreis von zehn bis fünfzehn Groschen. Drei Jahre später werden sich  seine Mitschüler wie rasend um ihn drängen, weil er eine Peepshow  in seinen Händen hin- und herjongliert. Ein Daumenkino. Mehr noch: Ein von ihm gezeichnetes erotisches Daumenkino mit  Zeichnungen einer Frau, die sich nach und nach auszieht. Und das zu einer Zeit, als es kein   Nachtprogramm im Fernsehen gab.  Und schon gar nicht das Internet. Aber die Gefühle und Begierden waren  da. Selbst wenn die Ausführung der Aufklärung um einiges hinterherhinkte.  „Das Höschen hat sie anbehalten“, wird der frühreife Künstler in „Forever Deix“ zitiert, „weil ich nicht wusste, wie es darunter aussieht.“

Vielleicht war es ja auch kein Zufall, dass Sachverständige ihrerseits oft Probleme mit dem Deix hatten. Schon mit elf Jahren witterte Manfred seine Chance, als kleiner Künstler groß durchzustarten. Einen vom ORF veranstalteten Zeichenwettbewerb sah er als Möglichkeit,  endlich einmal überregional seine Spuren zu hinterlassen. Er schickte optimistisch ein sorgsam ausgearbeitetes Bild zum Thema „Der Rattenfänger von Korneuburg“ ein. Die Absage kam postwendend. Und zwar mit der Begründung: „Wir wollen Zeichnungen von Kindern, aber nicht  von Erwachsenen und Profis.“

Pfadfinder in Afrika

Die Rettung kam von oben, ganz weit oben. Ausgerechnet die Niederösterreichische Kirchenzeitung veröffentlichte seine ersten Cartoons. Wie es so weit kommen konnte?  Gottfried Gusenbauer, Künstlerischer Leiter des Karikaturmuseum Krems, weiß mehr: „Sein Religionsprofessor konnte ihn als Zeichner für einen missionarischen Abenteuerroman gewinnen.“ Thema waren die Erlebnisse zweier deutscher Pfadfinder in Afrika. „Den bigotten Inhalt frisierte Deix nach eigenen Angaben mit ein paar Schlägereien und Action auf, zeichnerisch orientierte er sich an dem Lehning Piccolo-Comic-Helden Sigurd.“ In dieser Preisklasse ging es weiter, so Gusenbauer: „Seine Affinität zu Comics und seine Liebe zum Schundroman drückte er in der Comic-Strip-Serie rund um Jerry Cotton mit ,Ring frei’ aus, mehrere private Krimicomics sollten folgen – eine zeichnerische Meisterleistung für den damals 13-jährigen Buben.“

 

Aus gegebenem Anlass – der Künstler wäre im Februar siebzig geworden – präsentiert das Karikaturmuseum Krems ab dem kommenden Samstag die neu gestaltete Manfred-Deix-Ausstellung mit über 120 aufwendig aquarellierten Cartoon-Klassikern aus den Landessammlungen Niederösterreich. Bis Februar 2020 ist diese „schonungslose Zeitreise in die Untiefen der österreichischen Seele“ angesetzt. Was nicht bedeutet, dass der liebenswerte Provokateur danach vergessen ist.  Seine beiden Arbeitszimmer in der Villa in Klosterneuburg-Weidling etwa sind inklusive Papier, Bleistifte, Skizzen auf den Tischen und  diverser „Beach Boys“-CDs und -Schallplatten so belassen, als wäre er nur für einen Moment rausgegangen, um zu schauen, ob  eh noch genug Katzenfutter da ist.  
„Er ist nie weg vom Fenster“, bekräftigt Marietta Deix. Und so wird er  auch im kommenden Jahr 2020 präsenter denn je sein. Mit  Ausstellungen vom Werner Berg-Museum in Bad Bleiberg/Kärnten bis zum Wilhelm Busch-Museum in Hannover etwa. Und mit überlebensgroß platzierten Deixfiguren in Wien und sogar mit einem Deix-Film fürs Kino. Kein Spielfilm natürlich, sondern naturgemäß ein Animationsfilm.

Deix fürs Kino

Der Titel des geplanten Deix-Films ist dabei einer, den der Künstler selbst vorgesehen hat: „Rotzbub“. Von April bis September 2014 hat er schon heftig daran gearbeitet, seine eigene Biografie für die große Leinwand zu zeichnen. Ganz aufgewühlt war er und natürlich auch belustigt, die einzelnen Stationen seines Lebens – vom Talent bis zum gefragten Cartoonisten für die Magazine profil, News und Stern –  noch einmal profimäßig Revue passieren zu lassen. Denn die Story ist  so denkbar simpel wie einzigartig. Josef Aichholzers Filmproduktion dazu: „Der Film erzählt, wie aus einem kaum beachteten Schankbuben ein ganzer Kerl und zudem ein scharfsinniger und legendärer Triebzeichner und satirischer Scharfschütze wird."

Wenn „Rotzbub“ im kommenden Jahr ins Kino kommt, ist sein Subjekt ganz dabei. Denn als Art Director dieses Animationsfilms taucht sein Name ganz groß im Vorspann auf –  Manfred Deix.

Für Marietta Deix ein durchaus befriedigendes Gefühl. So kann sie einfach wieder Zeit mit ihrem geliebten  Manfred verbringen. Unbeschwert, ungestört  und ausgelassen, vom Kennenlernen und ersten Abtasten bis zur Hochzeit in Las Vegas, von den großen Erfolgen bis zu seinen ersten Zusammenbrüchen.

"...aus'n Büd, bitteee."

Natürlich ist ein animierter  kein Ersatz für einen echten Deix.    Aber sein Ruhm macht es für sie immer schwieriger, mit ihm in Kontakt zu bleiben. „Wenn ich sein Grab auf dem Zentralfriedhof besuche“, klagt Marietta Deix, „dann drehen da Fiaker mit Touristen die Runde und  fotografieren wie wild.“ Und wenn sie neben dem auffälligen Grabstein ein paar Minuten Ruhe sucht, wird sie von Friedhofsbesuchern durch die Gegend gescheucht. „Gengan S’ aus ’m Büd’, bitte“. Oder: „Stellen Sie sich doch direkt daneben, damit ich Sie auch auf dem Foto habe.“ Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es zum Lachen.

Marietta Deix hat sich dazu entschlossen, zu lächeln. Denn: „Ihm hätte das Theater sicher auch gefallen. Ganz sicher.“

DIE AUSSTELLUNG

A echta Deix – Unvergessen!
70 Jahre Manfred Deix (3.2.2019 - 9.2. 2020)
Karikaturmuseum Krems, tägl. 10-17h

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