Barbara Reiter im Gespräch mit Franz Klammer. Wien, 18.11.2013

© KURIER/Jeff Mangione

Im Gespräch
12/05/2013

Franz Klammer über Selbstvertrauen

Olympiasieger, Skikaiser, Legende: Franz Klammer wird 60 und ist noch immer der beste Abfahrer aller Zeiten. Grund genug, sein Leben Revue passieren zu lassen. Der Ausnahmesportler erzählt, wie man Olympiasieger wird, wie wichtig mentale Stärke ist und wie man als Laie die Streif bezwingt.

von Barbara Reiter

freizeit: Franz, in drei Tagen feierst du deinen 60. Geburtstag. Viele schlucken beim 6er vor der Null. Und du?

Franz Klammer: Es soll Männer geben, für die das schwierig ist. Ich habe nie über das Alter nachgedacht, aber entgegen aller Klischees, wo es oft heißt, "Ich fühle mich gar nicht so alt", muss ich sagen: Die Erholungsphasen dauern länger.

Erholungsphasen wovon?

Von allem. Wenn ich zum Beispiel über einen Zaun springe, muss ich mir das drei Mal überlegen. Springe ich spontan, werde ich mir wahrscheinlich einen Muskel zerren. Früher habe ich das aus dem Stand gemacht. Man muss seinem Alter entsprechend leben. Schwierig wird’s nur dann, wenn man ewig 20 sein will.

Du warst 20, als du deine erste Abfahrt gewonnen hast und bist nach wie vor mit 25 Siegen der beste Abfahrer aller Zeiten. Wird dein Rekord bis zum 70er halten?

Wie man unlängst in der Formel 1 gesehen hat, sind Rekorde da, um geschlagen zu werden. Michael Schumacher hat geglaubt, dass sieben Siege nicht zu biegen sein werden, jetzt hat Sebastian Vettel noch einen draufgesetzt. Nur Ingemar Stenmark, der 86 Weltcup-Rennen gewonnen hat, wird uneinholbar sein. 34 Abfahrtssiege wären ein Statement, 25 sind aber zu schlagen – irgendwann.

Der Grundstein für den Erfolg wird oft in der Kindheit gelegt. Wie ist deine verlaufen?

Ich stamme aus einfachen Verhältnissen, wobei ich auch immer sage, dass ich ein glückliches Kind war. Meine Eltern hatten einen Bauernhof in Mooswald in Kärnten und konnten mich bei meiner Karriere finanziell fast nicht unterstützen. Aber was sie hatten, haben sie mir gegeben. Ich bin deshalb erst spät in den Profisport eingestiegen. Aber es war gut, dass ich schon 14 war. Im Gegensatz zu anderen war ich unverbraucht und frisch.

Trotz späten Starts hast du dich innerhalb weniger Jahre an die Weltspitze katapultiert. Wie ist dir das gelungen?

Da sind mir meine bescheidenen Mittel zugutegekommen. Von 14 bis 19 Jahren habe ich als Holzknecht gearbeitet, damit ich ein bisschen Geld fürs Skifahren habe. Aber das waren oft nicht mehr als fünf Schilling pro Woche. Davon kann man sich natürlich nichts Gescheites kaufen. Aber wenn du auf schlechtem Material gut bist, bist du auf gutem noch besser. Außerdem war ich durch das Holzhacken besser trainiert als andere.

Mit 23 warst du dann schon Abfahrts-Olympia-Sieger. Hattest du am Morgen dieses Tages im Jahr 1976 das Gefühl, dass es was werden könnte?

Ich habe schon oben am Start gewusst, dass ich das Rennen gewinnen werde. Das klingt jetzt überheblich, es war aber so. Die meisten haben ja nicht vor dem Rennen, sondern vor der Niederlage Angst. Aus dieser Angst heraus, trauen sie sich nicht, das Letzte zu geben. Ich wollte mich nicht am nächsten Tag in den Spiegel schauen und zu mir sagen: „Du feiger Hund hast dich nicht getraut.“

Die Ausgangslage war schwierig. Dein größter Konkurrent Bernhard Russi lag in Führung, und du hattest durch einen Fehler im oberen Teil Rückstand.

Ich habe alles gegeben. Wenn es mich auf die Goschen gehaut hätte, wäre es mir wurscht gewesen. Das Wichtige war, dass ich in der Lage war, flexibel zu bleiben. Man muss was unternehmen und darf nicht erstarren, wenn man einen Fehler macht. So habe ich es geschafft, die Linie zu ändern. Im unteren Teil war ich dann sensationell. Das war die beste Kurve dabei, die ich jemals gefahren bin.

Ein Jahr später ist dein Bruder bei einem Skirennen verunglückt. Er ist seither querschnittgelähmt. Deiner Siegesserie hat das keinen Abbruch getan. Wie konntest du das verarbeiten?

Der Unfall war natürlich ein Schock, weil er gezeigt hat, wie gefährlich Profiskisport sein kann. Aber ich hatte nicht dauernd im Hinterkopf, dass ich sterben oder im Rollstuhl landen könnte. Diese Einstellung hat mir Recht gegeben. Wenn ich meinen Bruder im Reha-Zentrum besucht habe, waren dort viele Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen im Rollstuhl gesessen sind: Auto, Arbeits-, oder Freizeitunfälle. Darunter war eben auch ein Spitzensportler. Normalerweise kannst du einen Sturz abfangen. Du musst wirklich Pech haben, wenn dir so etwas passiert.

Du hattest auch eine schwierige Phase im Sport und zwischen 1987 und 1981 mehr als 1000 Tage kein Rennen gewonnen. Was ist damals passiert?

Das ist eine gute Frage. Wenn du ein paar Mal gewinnst, glaubst du, dass du unbesiegbar bist. Aber es gab auch Zeiten, in denen ich kaum eine Kurve zusammengebracht habe. Es reicht, wenn ein paar Dinge nicht funktionieren. Das Selbstvertrauen ist verletzbarer, als man glaubt.

Hätte dir ein Mentaltrainer geholfen?

Ich glaube, dass die guten Sportler keinen Mentaltrainer brauchen. Was soll mir so einer schon sagen? Reiß dich zamm? Der weiß weniger als ich, weil er sich maximal vorstellen kann, wie es ist, bei Olympia am Patscherkofel am Start zu stehen. Das musst du mit dir selbst ausmachen.

Es ist aber modern, sich als Sportler coachen zu lassen. Vor einigen Jahren wurde der Erfolg der österreichischen Skispringer zum Teil auf ein Verfahren zurückgeführt, bei dem mit Musik ihr Nervensystem stimuliert wird.

Das habe ich vor 30 Jahren doch auch schon gemacht. Ich habe mir halt meine Musik selbst gesucht und bin auf ein Trompetenkonzert von Hummel gestoßen. Das habe ich mir zur Beruhigung und zum Pushen angehört. Ich mag die Trompete als Instrument und die Musik hat mir im Sport wirklich geholfen. Ich spiele auch Golf, wo viel über das Mentale geht. Freunde haben mir oft geraten, Bücher von Golf-Gurus zu lesen. Alles, was dort drinnen steht, weiß man selbst.

Wie viel macht die mentale Stärke am Erfolg von Sportlern aus?

Ich glaube, dass 95 Prozent mental ablaufen, der Rest ist Können. Aber können tun es alle. Wenn du am Start stehst, und weißt, du wirst gewinnen, ist das ein anderer Mindset als wenn du dir sagst, es wird vielleicht was gehen.

"Ich glaube, dass gute Sportler keinen Mentaltrainer brauchen. Was soll mir so einer schon sagen? Reiß dich zsamm? Das musst du mit dir selbst ausmachen."

Hätte es dich nie interessiert, als Trainer zu arbeiten?

Ich habe mich nach meiner Karriere gefragt: Was macht dir Spaß? Damals wollte ich nicht mehr Skifahren und auch nicht mehr trainieren. Heute fahre ich wieder gerne. Ich weiß nicht, ob ich ein guter Trainer geworden wäre. Man muss sich fragen, was man kann. Ich wäre sicher auch ein schlechter Manager. Aber bei mir gab es nach der Karriere keine Leere und ich habe dem Rennfahren nie nachgetrauert. Ich wollte immer tun, was ich jetzt tue und auch nie ein anderer sein. Das ist für mich das Rezept, warum der Erfolg schon so lange anhält. Das zu sein, was man ist.

Du hast eine eigene Stiftung, mit der du verletzten Sportlern hilfst, und gibst als Laureus-Botschafter an Kinder weiter, wie wichtig Sport ist. Du fährst aber auch beruflich noch Ski. Stimmt es, dass ein Skitag mit dir 12.000 Euro kostet?

Ich rede nicht gerne über Zahlen, aber es ist an und für sich richtig so. Mir ist das Fahren mit Familie und Freunden genauso wichtig. Es gibt nichts Schöneres, als wenn an einem wolkenlosen Tag der Berg unter dir liegt.

Zu deinen Kunden sollen amerikanische Geschäftsleute und arabische Prinzen zählen. Heute gelingt es Skifahrern nicht mehr international Berühmtheit zu erlangen. Wie war das bei dir?

Mir kam damals zugute, dass ABC von 1974 bis 1976 schon Programme wie „The Road to Olympia“ hatten. Die haben damals auf mich gesetzt und mich in all diesen Jahren gefeatured. ABC hatte damals die populärste Sportsendung in Amerika, und jeden Samstagnachmittag haben die Leute den Franz Klammer gesehen. Hermann Maier zum Beispiel ist in Amerika relativ unbekannt. Den siehst du maximal um 2 Uhr früh im Pay-TV. Heute wird ja auch fast nichts mehr übertragen, ein bissl Olympia vielleicht.

Kennt man die heute in den USA noch?

Wenn ich den richtigen Zöllner erwische, schon. Erst unlängst meinte einer am Flughafen: „You are „the“ Franz Klammer.“ Und dann hat er mich gefragt, was ich in Phönix mache, wo es dort keinen Schnee gibt, aber ich war ja Golf spielen. Ich war in Amerika ein „Householdname“. Jeder hat mich gekannt, wenn ich in ein Taxi eingestiegen bin. Das haben die wenigsten geschafft. Auch der Niki Lauda nicht so wie ich, weil die Formel 1 in den USA nicht so populär war, eher Stockcar-Rennen.

Du hattest durch deine Popularität die Möglichkeit, viele berühmte Menschen zu treffen. Gibt es Begegnungen, die dir in Erinnerung geblieben sind?

Das sind natürlich viele, an die witzigsten erinnere ich mich am liebsten. Einmal habe ich Königin Beatrix der Niederlande in Lech bei einem Empfang getroffen. Und ich habe zu einem Freund gesagt: „Ich werde zur Royal Highness sagen, „It’s a pleasure for you to meet me“. Da ist nicht auf meinem Mist gewachsen, der Stein Eriksen hat das immer gesagt, der der erste Superstar im Skisport war. Ich habe das also gesagt, und Beatrix ist zuerst das Ladl runtergefallen, aber dann haben wir so gelacht und einen netten Abend gemeinsam verbracht.

Warst du öfter so frech?

Manchmal. Zum Kaiser von Japan, dem Tenno habe ich mal gesagt: „Wir sind irgendwie Kollegen.“ Die Protokollchefs waren schon ganz nervös und er wusste auch nicht so recht, was ich meine. Dann habe ich es ihm erklärt: „Du bist der Kaiser von Japan und ich von Österreich. Der Skikaiser.“ Er hat das auch ganz locker genommen.

Der Kaiser Franz Beckenbauer ist auch ein Kollege. Wie lebt es sich mit so einem Spitznamen?

In Amerika ist ein „Nickname“ Gang und Gebe. Da gibt es den Michael „Air“ Jordan oder den „Marvelous“ Marvin Hagler. Wenn man Kaiser genannt wird, ist das eine schöne Geschichte. Das kommt ja auch vom Franz Joseph. Aber es würde mir auch nicht abgehen, wenn es nicht so wäre.

Der Kaiser früher hatte eine Kutsche, du eine Gondel in Kitzbühel, die nach dir benannt ist.

Ich bin schon oft raufgefahren mit der Gondel, nur wurde sie mir nie offiziell überreicht. Erst heuer zum 60er. Aber das passt ohnehin perfekt.

Apropos Kitz: Ich bin einmal im Starthaus gestanden und haben gesehen, wie unfassbar steil die Rennstrecke ist. hast du einen Tipp für Laien, wie man dort am besten runterkommt?

Ja, am besten gar nicht runterfahren. Dort ist es so eisig, vor allem, wenn die Piste für ein Rennen präpariert ist. Ich dachte mir beim ersten Mal auch: „Da fahr ich nie runter. Aber dann sieht man, dass es die anderen auch können und man denkt sich, dann schaffe ich es auch.

Franz, weil du bald Geburtstag hast, darfst du dir jetzt noch was wünschen.

Wenn ich jetzt so nachdenke: Den Mount Everest möchte ich nicht bestiegen. Ich habe nicht wirklich einen Wunsch oder ein Ziel. Mein Leben hat bisher so gut funktioniert, weil ich so flexibel war – im Sport und im Privaten. Ich möchte nie mit Scheuklappen durchs Leben gehen und offen bleiben, für das, was mir das Leben bietet. Ich wünsche mir einfach, dass ich kein alter, sturer Herr werde.

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