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freizeit
07/11/2014

Christoph Strasser über Härte

4.900 Kilometer und 50.000 Höhenmeter in sieben Tagen: So schnell wie Extrem-Radfahrer Christoph Strasser hat keiner zuvor das „Race Across America“ beendet. In der freizeit erzählt er, wie man Schmerzen besiegt, warum zweite Plätze so wichtig sind und was ihn mit Pippa Middleton verbindet.

von Barbara Reiter

freizeit: Darf ich einmal in Ihre Medaille beißen? Das macht ihr Sportstars doch alle ...

Christoph Strasser: Bitte sehr, ich habe es auch schon probiert. Ein bisschen hart, aber das bekommt einem gut.

Sie haben die Medaille vor drei Wochen als Sieger des „Race Across America“ (RAAM) bekommen. Tolle Leistung, auch wenn Sie noch immer müde aussehen.

Nach einer so langen Zeit auf dem Rad mit sehr wenig Schlaf darf man ein bissl fertig ausschauen. Das Rennen ist ja auch noch nicht lange her und die Regeneration dauert ein bis zwei Monate.

Aber eine Schinderei ist das schon, die Sie sich da zumuten ...

Natürlich ist das eine Schinderei. Wenn mich jemand fragt, ob das gesund ist, denke ich mir oft: „Was für eine Scheiß-Frage. Wie soll das gesund sein?“ Wettkampfsport ist nie gesund. Der Skifahrer Reinfried Herbst hatte mit 30 Jahren schon neun Knieoperationen hinter sich. Dagegen ist das, was ich mache, harmlos.

Gibt es keine Spätfolgen?

Man ist zwar fix und fertig, aber es bleibt nichts zurück. Nach der Regeneration bist du wieder der Alte. Schau dir Wolfgang Fasching an. Er hat das RAAM auch drei Mal gewonnen und ist mit 46 Jahren das blühende Leben. Ein Skifahrer kann in dem Alter oft nicht mehr gehen. Radfahrer haben in der Hinsicht keine Probleme.

Ihre Sport-Vita zeigt, dass es Sie immer zum Extremen gezogen hat: Angefangen haben Sie mit 24-Stunden-Rennen. Woher kommt die Lust an der Qual?

Ich sehe es ja nicht als solche, sondern als Bereicherung. Als kleiner Bub habe ich mitbekommen, wie der Wolfgang Fasching mit dem Radl quer durch Amerika gefahren ist. Die Mischung aus Abenteuer und Wettkampf hat mich fasziniert. Von da an wollte ich mit dem Rad die Welt umrunden oder den Jakobsweg abfahren. Bis ich zufällig bei einem 24-Stunden-Rennen gelandet bin und diese Träume in den Hintergrund getreten sind. Und dann kam das RAAM.

Um das zu schaffen, muss man, pardon, sehr „zach“ sein. Haben Sie einen Mentalcoach, der Sie dabei unterstützt?

Man muss sogar extrem „zach“ sein. Wenn ich im Winter mehrere Tage hintereinander am Heimtrainer sitze, mache ich das Mentaltraining automatisch mit. Man kann gar nicht körperlich trainieren, ohne die Psyche mit zu trainieren. Da muss ich nicht zu einem Mentalcoach laufen oder zur Hypnose gehen. Ich sitze einfach acht Stunden am Rad. Dabei entwickelst du selbst Methoden, wie du so ein hartes Training durchdrückst.

Und wie drückt man das durch?

Den meisten wird schon nach 20 Minuten fad. Ich rufe mir immer wieder in Erinnerung, warum ich das mache und wie mein Ziel aussieht. Ich erlebe es mit allen Sinnen und stelle mir ganz genau vor, wie es sich anfühlt, wenn ich es erreicht habe.

Ist Ihnen das vor dem ersten Sieg nicht sehr schwer gefallen?

Bei meiner ersten Teilnahme 2009, als ich mit Lungenproblemen ausgeschieden bin, sind wir nach meiner Genesung das Rennen mit dem Auto zu Ende gefahren. Ich bin dann eine Stunde im Ziel gestanden und habe geweint wie ein Kind, weil ich so fertig war. Schließlich hatte ich all mein Erspartes in das Projekt investiert. Aber ich hatte danach eine Vorstellung davon, wie das Ziel aussieht. Das hat sehr geholfen.

- Christoph Strasser

Hatten Sie nach dem Ausscheiden keinen mentalen Knacks?

Ich hatte extreme Selbstzweifel und dachte, dass ich nicht geeignet bin. Ich hatte ein Lungenödem und keiner wusste, woher es kam. Das ist bis heute unklar. Seit 2011 habe ich aber einen Sportmediziner, der auch Wolfgang Fasching betreut hat. Und er hat mir versichert: „Du bist gesund, wir bringen dich da durch.“ Als ich dann beim Rennen 2011 an dem Spital vorbeigeradelt bin, in dem ich zwei Jahre zuvor lag, wusste ich, dass mich nichts stoppen kann. Oft reicht es wenn jemand sagt, es wird alles gut. Vertrauen ist ein wichtiger Faktor.

Wissen Sie, dass Pippa Middleton, die Schwägerin des britischen Thronfolgers, heuer auch beim RAAM mitgefahren ist?

Das hat mir jemand erzählt. Aber ich wusste nicht einmal, wer das ist. Deshalb hat mir jemand gesagt, dass sie bei der Hochzeit ihrer Schwester Kate mit dem Popsch gewackelt hat und dadurch weltberühmt geworden ist. Danach war ich stolz darauf, dass ich solche Leute nicht kenne.

Immerhin wird das RAAM so bekannter...

Stimmt. Ich glaube aber nicht, dass diese Pippa viel gefahren ist. Auf dem Zielfoto hat sie jedenfalls nicht müde ausgesehen.

Wie viele Leute waren denn bei Ihrer Ankunft im Ziel?

Fast niemand, was sicher damit zu tun hatte, dass ich um sieben Uhr morgens angekommen bin. Letztes Jahr waren es bei der Nachmittagsankunft noch 30 Zuseher. Wenn man vor drei Leuten ein Interview gibt, denkt man sich schon, man ist im falschen Film. Aber ich mache das nicht, um im Mittelpunkt zu stehen, sondern, weil es mir Spaß macht.

Aber Anerkennung will doch jeder.

Lies dir das Gästebuch auf meiner Homepage und die Nachrichten an mich auf Facebook durch. Wenn mir Leute schreiben, wie sehr ich sie motiviere, Ihre Ziele zu erreichen, entschädigt das für alles.

Offenbar auch für viele Schmerzen. Wann fängt es eigentlich an, weh zu tun?

Eigentlich ab dem ersten Tag. Da habe ich oft Probleme mit der Verdauung, der Hitze und dem Kreislauf. Und ab dem zweiten Tag schmerzen die Finger und die Handflächen. Irgendwann verspannt sich der Rücken und du hast das Gefühl, dass du den Kopf nicht mehr g’scheit drehen kannst. Ganz übel wird es, wenn du dann einmal 2.500 Kilometer hinter dir hast. Aber das ist alles nicht so schlimm, weil man das im Vorfeld weiß.

Hat man da nicht manchmal Lust, das Rad einfach hinzuschmeißen?

Wenn du einen offenen Hintern oder Knieprobleme hast, kann es sein, dass nichts mehr geht. Aber wenn deine Fußballen brennen als würdest du auf Nadeln treten, lässt sich das ausblenden. Das macht dich nicht langsamer und man weiß, es dauert nur ein paar Tage. Und wenn der Physiotherapeut eine Massage macht, hast du gleich das Gefühl, dass es dir besser geht. Wenn sich jemand um dich kümmert, macht das sehr viel aus.

Haben Sie eigentlich Mitleid, wenn andere Teilnehmer wie der Österreicher Gerhard Gulewicz ausscheiden?

Natürlich habe ich Mitgefühl, weil es ihm jetzt zwei Mal hintereinander passiert ist. Andererseits ist aber auch Zorn dabei, weil man sich denkt, vielleicht hat der einfach nicht bis zum Schluss gekämpft.

Er hatte einen „Shermers Neck“. Können Sie das kurz erklären?

Da ist, wenn deine Nackenmuskulatur so schwach wird, dass der Kopf quasi nach unten hängt. Da braucht man dann eine Halskrause. Aber der Fasching Wolfi hatte das auch einmal und ist das Rennen zu Ende gefahren. Und ein Ami hatte vor drei Jahren ab dem zweiten Tag damit zu kämpfen, trotzdem ist er noch neun Tage weitergefahren.

Sie waren aber von Anfang an uneinholbar. Das bremst sicher den Ehrgeiz der anderen.

Wenn alle so denken, kommt immer nur einer ins Ziel. Da weiß ich dann nicht, ob das noch ein fairer Sport ist. Wenn es körperliche Gründe gibt, ist es klar, dass man aufhört. Vielleicht war das bei Gerhard so. Aber wenn das nicht der Fall ist, ist es unsportlich, früher aufzuhören. Vor meinen drei Siegen beim RAAM war ich sicher zehn Mal Zweiter. Aber das waren die Plätze, die mir am meisten gebracht haben. Ich habe gelernt, mit Niederlagen umzugehen. Klar ist man ang’fressen. Aber wenn du dem Sieger sagen kannst: „Du warst der Schnellste, aber ich bin trotzdem ins Ziel gefahren“, ist das für den Selbstwert das Beste. Mit jedem Rennen, das du fertig fährst, wirst du stärker.

Was raten Sie denn Hobbysportlern, die immer wieder ihr Training verschieben?

Das ist nicht gut. Wenn du es einmal sausen lässt, machst du das immer wieder. Du musst eine Hemmschwelle aufbauen und deine fixen Tage einfach durchziehen. Gestern habe ich allerdings auch geschwänzt und bin auf ein Eis gegangen. Ja, und heute schmeckt das Eis wieder und morgen noch besser. Man muss den inneren Schweinehund natürlich auch leben lassen, weil er ein Teil von jedem von uns ist. Aber ich mache immer einen Deal mit ihm. Vor dem Rennen ist ein paar Monate alles auf Konsequenz ausgerichtet, dafür ist er danach einige Zeit der Herr im Haus.

Warum bezahlen denn so viele Menschen fürs Fitnesscenter, gehen aber nicht hin?

Die meisten wissen nicht genau, wofür sie es tun. Nur zu sagen: „Super, wenn ich jetzt einen Vertrag abschließe, bekomme ich zwei Monate zum Preis von einem“, bringt nichts. Man braucht einen Grund. Wie etwa den Wunsch nach einer tollen Sommerfigur – mit dem Ziel, drei Kilo weniger zu haben. In meinem Fall war das Ziel immer, das RAAM so gut zu fahren, dass ich meine Sponsoren behalte, um weiter tun zu können, was mir Spaß macht.

Können Sie heute von Ihrem Sport leben?

Zuerst habe ich nur eingezahlt, aber irgendwann wendet sich das Blatt. Wenn man was gerne macht, macht man es gut. Und wenn man was gut macht, kann man irgendwann davon leben. Das ist das ganze Geheimnis.

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