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freizeit Essen & Trinken
08/02/2020

Grillen: Die letzte Männerbastion

Über die Faszination des Grillens und eingefleischte Klischees, die sich nicht ganz abschütteln lassen

von Yvonne Widler

Wenn Adi Matzek über Fleisch und Feuer spricht, dann sprudelt es nur so aus ihm heraus. Er ist Gründer der ersten österreichischen Grillschule und wer, wenn nicht er, darf in diesen Zeiten inbrünstig über ein Virus sprechen?

„Das Grillvirus hat mich schon vor zwei Jahrzehnten erwischt, und ich habe mich bis heute nicht davon erholt“, sagt der 53-jährige Doppel-Grillweltmeister, der auch Fleischermeister in dritter Generation ist. „Grillen ist eine der letzten Männerdomänen, die von den Damen auch gnädig zugelassen wird. Das ist eine wunderschöne Sache, bei der wir noch ein bisschen Mann und auch Kind sein dürfen“, sagt Matzek mit verschmitztem Lächeln.

Das Zepter der Evolution

Tatsächlich wurde über Testosteron, Holzkohle, Feuer und archaischen Männerkult schon viel geschrieben. Geändert hat sich nicht so viel. Nach wie vor sind es zu über 80 Prozent Männer, die am Grill im Garten stehen, während Frauen all die anderen Dinge erledigen, die zu einem Barbecue gehören.

Dass Grillen nach wie vor Männersache ist, davon ist auch Gunther Hirschfelder überzeugt, Kulturwissenschaftler an der Universität Regensburg. Es gebe zwar kaum verlässliche Daten zur Geschlechterverteilung an der Grillzange, man könne aber sicherlich von einer Art Männerbastion sprechen.

Frauen hätten sich in vielen anderen Lebensbereichen das Zepter geschnappt, sodass beim Grillen eine Art postmoderner Reflex zu beobachten sei. „Im Zuge der Emanzipation der Frau hat der Mann evolutionäre Rechte eingebüßt. Im Grillen hat er aber ein Refugium.“

Die entmachteten Männer stünden heutzutage zudem unter einem starken Beobachtungsdruck, sich nicht machistisch zu verhalten. Da komme der Platz am Griller manchmal sehr gelegen. Also wird die Schürze umgebunden und Feuer gemacht.

Rampenlicht genießen

Matzek führt durch seine Grillschule, die nur ein paar Autominuten von Österreichs Grillhauptstadt, Horn im Waldviertel, entfernt liegt. Vor traumhafter Naturkulisse parken an die 20 Grillgeräte, auf die der Meister stolz ist: Holzkohle-, Gas- und Smoker Griller.

Immer noch trägt er ein Lächeln im Gesicht. „Wissen Sie, eigentlich ist die Position am Grill eine, bei der man nichts falsch machen kann. Ich denke, daher mögen Männer sie so gerne.“ Es gebe nämlich immer eine Ausrede, falls etwas nicht nach Plan gelingt.

„Wenn das Kotelett nichts wird, dann hat der Bauer das Schwein nicht gut gefüttert. Ist der Bauer anwesend, dann war es der Fleischer, denn vermutlich hatte das Schwein zu viel Stress. Beim Holzkohlegrill war das Holz feucht. Beim Gasgriller war die Düse verstopft. Wenn es aber gut läuft, dann genießt der Mann das Rampenlicht“, erklärt Matzek augenzwinkernd und ergänzt, dass seine Analyse auf vielen Jahren Erfahrung beruht.

Matzek ist nicht nur Grill-Lehrer, sondern auch Präsident des österreichischen Grillverbandes, der Austrian Barbecue Association (ABA). 400 aktive Mitglieder zählt der Verein, 70 Prozent davon sind Männer, die meisten im Alter von 40 Jahren und aufwärts. „Wir wollen aber kein Stammtisch-Männerverein sein, wir wollen für Familien da sein“, sagt der Grillmeister und reicht das Wort an seine Kollegin Eveline Malik weiter, eine der wenigen „Grillerinnen“ und die „gute Seele des Vereins“, wie Matzek sie vorstellt.

Früher habe sie oft am Grill gestanden, heute nur noch zu besonderen Anlässen. „Am liebsten grille ich Fisch und Geflügel, Gemüse und natürlich Mehlspeisen“, erzählt Malik, die im Verein administrative Aufgaben erledigt. So seien jegliche Arten von Blätterteig-Desserts ein wahres Gedicht für den Gaumen. „Teig, ein gefächerter Apfel und etwas Rohrzucker. Schmeckt großartig!“, schwärmt sie.

Für sie müsse es wirklich nicht nur Fleisch sein, das auf dem Rost landet.

Zeit nehmen

Im Mai 2021 findet die nächste Grillstaatsmeisterschaft statt. Tausende Gäste werden auf der Festwiese in Horn den zahlreichen Grillteams zusehen, wie sie 5-Gänge-Menüs zaubern. Anschließend gibt es Kostproben für alle. Ein Highlight für Matzek und seine Mitglieder.

Doch dem Grillmeister geht es nicht nur um den Wettkampfgedanken. Er möchte mit seinem Schaffen etwas verändern. Den Zugang zu Lebensmitteln etwa. „Wir fahren 150 km zu Winzern, um Wein zu kaufen. Aber keine 20 km zum nächsten Fleischer.“

Diese werde man aber auf sich nehmen müssen, wenn Qualität am Teller gewünscht ist. Außerdem legt der Grillmeister Wert auf den sozialen Austausch im Verein. „Bei uns trifft der Spengler auf den IT-Fachmann und den Bankmanager, vor dem Grill sind wir alle gleich.“

 

Eine letzte Sache geben Matzek und Malik noch mit: „Sagen Sie niemals Kochen zum Grillen!“

Gesundheit
Durch den aufsteigenden Rauch und die Röstaromen entsteht der typische Geschmack im Fleisch, aber damit bilden sich  auch  Schadstoffe.  Doch man kann die Belastungen beim Grillen verringern 

Wenig Fett 
Öl nur sparsam verwenden bzw. sorgfältiges Abtupfen der Marinade, damit Fett vom Grillgut nicht auf die Glut tropft und verbrennt. So wird die Entstehung von PAKs (polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen) vermieden

Nichts Verkohltes
Großzügig wegschneiden ist die Devise. Verbrannte Stellen nicht essen: Verkohlte Fleischstücke könnten krebserregende Stoffe enthalten

Nichts Gepökeltes
Gepökelte Würstel sollten Sie nicht grillen: Das zum Pökeln verwendete Nitrat wird in der Hitze zu gesundheitsgefährdenden Nitrosaminen umgewandelt. Neben der Krebsgefahr fördert der übermäßige Genuss auch das Risiko für Übergewicht