freizeit
07.11.2018

Entdecken Sie Ihre Persönlichkeit neu

Können Menschen sich ändern? Selbstbewusster, optimistischer oder mutiger werden? Ja, das geht. Und zwar ein Leben lang.

Die wichtigste Nachricht zuerst: Menschen wandeln sich, der eine mehr, der andere weniger, aber sie tun es. Und zwar ein Leben lang. Für jene, die gerade zufrieden sind mit sich und der Welt, vielleicht keine frohe Botschaft. Allen anderen könnte das aber Zuversicht geben, dem  Leben doch noch eine entscheidende Wendung zu  verleihen. 

Wir sind niemals fertig

Die eigene Persönlichkeit zu erkennen und selbst Einfluss darauf zu nehmen, macht uns zu Managern unseres Lebens. Jule Specht, Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der Humboldt-Universität in Berlin, bietet in ihrem Buch  „Charakterfrage. Wer wir sind und wie wir uns verändern“, das Wissen dazu. Sie erklärt nicht nur unterschiedliche Persönlichkeitsmerkmale, sondern räumt auch mit überholten Vorstellungen auf. Kurz gesagt: Es ist  nicht, wie lange geglaubt, so, dass der Mensch mit 30 fertig gereift ist. Wie sie  in einer Forschungsarbeit zeigen konnte, ändert sich  noch jeder Fünfte über 60  enorm.

Viele Menschen hoffen auf Verbesserung

Spricht die Professorin „vor fachfremdem Publikum über die überraschend starken Veränderungen der Persönlichkeit bis ins hohe Alter“, dann löse das tatsächlich Erleichterung aus, erzählt sie: „Bei vielen scheint diese Nachricht Hoffnung auf progressive Veränderung auszulösen, also auf Verbesserung, Reifung, Weiterentwicklung im besten Sinne.“ Dass es dabei nicht darum gehen kann, sich an Erwartungshaltungen anderer  anzupassen, sondern vielmehr darum, das eigene Potenzial zu entfalten, steht außer Frage. Es ist die Vielfalt von  Persönlichkeiten, die das Zusammenleben bereichert. Egal, ob im Sport, Beruf oder sogar in der Partnerschaft.


Zum Aus-der-Haut-Fahren

Dass Veränderungen nicht nur positiv sein können, liegt auf der Hand. Jeder kennt das Gefühl, wenn sich das Leben nicht richtig anfühlt, Leichtigkeit fehlt, man glaubt, in der falschen Haut festzustecken, im falschen Leben. Das eigene Spiegelbild wirft nicht immer zurück, was gefällt. Auch die innere Unruhe, die sich in Nervosität, Gereiztheit und Wut äußern kann, lässt zweifeln. Irgendetwas ist da im Ungleichgewicht. Zum  Aus-der-Haut-Fahren. Und höchste  Zeit, zu analysieren, wo man gerade im Leben steht. Um Dinge anzugehen, die  einem nicht gut tun.
„Wir profitieren davon, wenn wir an die Veränderlichkeit der Persönlichkeit glauben“, sagt Specht. Denn das habe Auswirkung auf unser Wohlbefinden. Wer hingegen denkt, die Reifeprüfung des Lebens längst erlangt zu haben, nichts mehr zu müssen, zu wollen, zu suchen, nimmt sich womöglich die Chance, persönlich weiterzuwachsen, sich weiterzuentwickeln, lebendig zu bleiben.

Was uns stark macht

Wer sein Leben lang Problemen aus dem Weg geht, weder Herausforderungen noch neue Erkenntnisse sucht, hat es besonders schwer, wenn es dann irgendwann doch einmal hart auf hart kommt. Warum das so ist, erklärt Neurobiologe Gerald Hüther der  so: „Jede Erfahrung, die zeigt, dass man Herausforderungen bewältigen kann, macht einen stärker und stabiler. Außerdem bringt einen das mehr zu dieser inneren Ruhe, die man bei manchen Menschen spüren kann – meist bei jenen, von denen man sagt, dass sie charismatisch sind.“ Für Hirnforscher Hüther handelt es sich dabei um Menschen mit einem inneren Kompass. Sie müssen nicht lange nachdenken, wie sie in bestimmten Situationen denken und handeln, sind sich ihrer selbst sicher, wissen, was ihr Leben wertvoll macht. Richtig, um Reichtum und Erfolg geht es dabei nicht.

Chaos im Kopf

Um zu verstehen, was da passiert, eine kleine Reise ins Gehirn: Dieses funktioniert am besten, wenn es dort ruhig und harmonisch zugeht, alles auf vorgegebenen Bahnen verläuft. Das gibt dem Menschen das Gefühl von Stabilität, was wiederum damit zu tun hat, dass in diesem „kohärenten“ Zustand – den das Gehirn übrigens permanent anstrebt – der Energiebedarf gering ist. Ist diese Harmonie nicht gegeben („inkohärent“), spüren wir Chaos im Kopf sowie quälende Unruhe. Der schnellste Weg, das zu beenden, und nur das will das Gehirn, ist eben oft auch der bequemste, weil er automatisch abläuft. So landen wir in den eingeübten, wenn auch ungeliebten Denk- und Verhaltensmustern, obwohl wir ahnen, dass das auf Dauer nicht das Beste für uns ist.

Schritt für Schritt, wie wir dem Hirn ein Schnippchen schlagen können:

- Wollen wir etwas ändern, wird das Gehirn alles versuchen, um uns in alte Gewohnheiten zurückzulenken. Darum sind Veränderungen nie einfach und erfordern bisweilen nicht nur Anstrengung, sondern auch Mut.

Wer in der Lage sein will, sein Leben bis ins hohe Alter selbst zu gestalten, sollte  Herausforderungen beherzt annehmen. Jedes Problem, das wir lösen, sorgt nämlich nicht nur für mehr Ordnung im Denkapparat. Es entstehen auch neue gewünschte Vernetzungen und Bahnen, die sich immer mehr verfestigen. Das ist die Chance, neue, positive Denk- und Verhaltensmuster zu schaffen, die das Potenzial haben, jene abzulösen und gleichsam zu überschreiben, die wir loswerden wollten.

Gelingt die Überwindung, das Dranbleiben, der Weg zur Lösung, hat das einen tollen Effekt: Dopamin wird frei und sorgt für Gefühle wie Freude, Lust und Begeisterung. Das Gute daran: Was wir mit Freude tun – und aus innerem Antrieb – gelingt uns irgendwann immer schneller und besser.

Bedürfnisse, Wünsche, Träume

 „Nun wird auch verständlich, warum es die von uns gefundenen Lösungen sind, nicht die unterwegs erlittenen Niederlagen, die sich besonders fest im Gehirn verankern“, schreibt Gerald Hüther im Buch „Wie Träume wahr werden“. Denn das Gehirn strukturiert sich entlang der Lösungen, die der Mensch in seinem Leben findet. Das gilt nicht nur für Schicksale, Erfahrungen, die von außen an uns herangetragen werden, sondern für die Erfüllung innerster Bedürfnisse, Wünsche oder Träume. „Wer keinen Traum hat, kann auch nicht an dessen Realisierung wachsen. Und wer sich nicht an dem erfreut oder begeistert, was er tut und was ihn bewegt, kann sich auch nicht weiterentwickeln.“
Was hilft also?  „Eine Vorstellung davon, was für ein Mensch man sein möchte.“ Die leitet dann unser Denken, Fühlen und Handeln. Sodass wir dann selbst  das Kommando über unser Gehirn – und Leben – übernehmen können.

Buchtipps zum Thema:

„Wie Träume wahr werden. Das Geheimnis der Potentialentfaltung“, Hüther/ Bauer/ Müller (Goldmann, 22,70 €)
 „Charakterfrage. Wer  wir sind und wie wir uns verändern“, Jule Specht ( rowohlt, 15.50 €)