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freizeit
03/24/2019

Ein Lob der Langeweile: Warum Nichtstun so wichtig ist

So viel Spaß, so viel Aktivität, so viel Freizeit. Aber: Wir langweilen uns zu wenig, sagt eine Expertin und zeigt, wie's geht.

Hinsetzen, Handy raus, durchatmen. Das ist heute in Bim und U-Bahn beinahe so wie früher im Flieger, als beim Erlöschen des No-Smoking-Signals hundert Feuerzeuge gleichzeitig klickten. Endlich. Die Anspannung lässt nach, unsere Hände haben wieder was zu tun…

Im Fenster einer Volksschule ist ein hübscher Hinweis angebracht: „Greet your child with a smile, not with a mobile!“, steht da. Die meisten Eltern können das nicht lesen, weil sie damit beschäftigt sind, auf dem Handy ihre Mails zu checken während sie auf ihre Kinder warten oder ihre Playlists auf Spotify. Was jetzt nicht weiter schlimm ist, weil 99 Prozent der abgeholten Kids auch ein Smartphone haben und froh sind, nicht durch lästige Eltern-Kind-Gespräche gestört zu werden…

Muss das sein?, fragt man sich da unwillkürlich, und: Kommen wir da je wieder raus? „Einfach mal in der Straßenbahn aus dem Fenster zu schauen statt aufs Handy-Display, ist ein Ansatz“, sagt Psychologin Elvina Gavriel dazu. Sie ist unter anderem auf Online-Verhalten, Suchtgefahr und kindliche Entwicklung spezialisiert. „Aber die neuen Medien sind Teil unseres Lebens, in manchen Berufen ist permanente Medienpräsenz unvermeidbar.  Wir können sie also nicht einfach ignorieren. Wie sehr wir sie unser Leben beeinflussen lassen, das ist die Frage.“

Durch und durch ist eine Antwort, die sich in diesem Zusammenhang aufdrängt. Zumindest, wenn man betrachtet, wie wir in unserer Freizeit von A nach B hetzen, um dabei ja alles auf Selfies festzuhalten, den unendlichen Fun, die fantastische Quality Time mit unserer Family, aber auch jedes Schnitzel  und den morgendlichen Cappuccino in der besten Frühstücks-Bar der Stadt.  Warum um alles in der Welt tun wir uns das eigentlich an? „Es geht um Bestätigung, die Suche nach Wertschätzung – oder einfach Neugier auf die Reaktionen“, erklärt die Psychologin. Was man früher höchstens seinen Kollegen im Büro oder in der Schule erzählte, zeigt man jetzt der ganzen Welt. Immer im Wettbewerb um Likes und Follower. Ist das nicht ein unglaublicher Stress, den wir uns damit sogar in der Freizeit aussetzen? „Sicher. Aber Stress zu haben, wird in unserer Gesellschaft positiv bewertet. Dafür ist Langeweile extrem negativ besetzt“, sagt Elvina Gavriel. Und: „Wir können uns durchaus die Frage stellen: Haben wir denn überhaupt Freizeit?“

Wir nehmen die Einstellung des Aktiv-sein-Müssens in die Freizeit mit, planen Wochenenden akribisch durch. Nur kein Leerlauf! Beinahe könnte man glauben, wir hätten Angst vor der Freizeit. Gavriel: „Es gibt den Begriff Freizeitphobie. Dabei handelt es sich allerdings um unsere Angst vor der Langeweile. Also vor uns selbst: Denn wenn wir uns langweilen, kommen wir womöglich auf Gedanken, die wir gerne verdrängen, weil wir sonst etwas etwas dagegen unternehmen müssten.“ Da beobachten wir lieber ununterbrochen andere auf YouTube oder Instagram und tun dann Dinge, die möglichst auch von vielen Menschen beobachtet werden sollten.

Muße, also die Möglichkeit zu reflektieren, war für Sokrates noch „die Schwester der Freiheit“ – heute ist sie als Langeweile verpönt. „Es wäre wichtig, dass Kinder wieder lernen, sich zu langweilen“, sagt Elvina Gavriel. Was schwierig ist, denn in Zeiten von unendlichen YouTube-Prank-Videos langweilen sich die süßen Kleinen praktisch keine Minute mehr. Die Psychologin rät in diesem Fall die Auswahl der „Spaßsachen“ zu reduzieren. Nicht alles sollte jederzeit zur Verfügung stehen, Kinder müssen auch lernen, sich auf etwas zu freuen – oder etwas zu vermissen.

Und wir Alten? „Wenn wir uns trauen, uns zu langweilen, könnten wir uns zur Abwechslung  einmal mit uns selbst beschäftigen – und dann unsere Freizeit selbst und nicht fremdbestimmt  so gestalten, dass sie auch wirklich unsere ist. Und wirklich gut für uns.“

In diesem Sinne: Einfach mal hinsetzen. Durchatmen. In die Gegend schauen. Ganz entspannt beobachten, was es eben so zu sehen gibt. Nichts Aufregendes. Ein paar Vögelchen vielleicht oder eine Dame mit Hund. Eine hübsche Dame, gut, soll sein. Vielleicht auch einfach gar nichts sehen, außer wie der Wind ganz leicht die Baumwipfel bewegt oder die frisch gesetzten langstieligen Blumen im Beserlpark. Wäre es wichtig, den Namen der Blumen zu kennen? Ich könnte googeln – tu es aber nicht. Ich sitze und schaue. Bis der Blick sich dann nach innen kehrt und  die Möglichkeit eröffnet, sich selbst zu betrachten. Die eigenen Handlungen. Die Beweggründe für die eigenen Handlungen. Sowohl die offiziellen als auch die, die vielleicht wirklich dahinterstecken. Einen Blick auf die eigene Seele erhaschen. Das kann erschreckend sein. Aber auch motivierend. Aufschlussreich. Schön. Auf jeden Fall eine Möglichkeit, tatsächlich etwas zu verändern, etwas Neues zu tun …