freizeit
07.03.2016

Rollend durch Afrika

Drei Wochen quer durch den Kontinent, von Windhoek in Namibia nach Dar es Salaam in Tansania. Keine Reise wie jede andere: Das „Rollende Hotel“ ist etwas für Abenteurer, die keine Angst vor Nähe haben und wenig Wert auf Luxus legen. Von Dr. Norbert Regitnig-Tillian

Fahren. Fahren. An den Fenstern zieht die Kalahari vorbei, die Steppen- und Graswüste im südlichen Afrika. Es ist heiß, 39 Grad im Schatten. Doch uns 20 Reisenden macht das nichts aus. Die Vorfreude ist groß. Vor uns liegt eine Reise von mehr als 5.000 Kilometern, quer durch den Kontinent. Von Namibia über Botswana, Sambia und Malawi nach Tansania und zum Indischen Ozean. Mit Ausflügen in unberührte Flussregionen, zu Nationalparks oder den Victoria-Wasserfällen. Und das alles in einem „rollenden Hotel“, einem Spezialbus, in dem wir nicht nur fahren, sondern auch schlafen werden. – Eine Herausforderung.
Am Flughafen von Windhoek, der schmucken Hauptstadt Namibias, wartete er bereits. Unübersehbar, groß, rot, wuchtig und eigenartig in seiner Konstruktion: Führerkabine, Fahrgastraum und dann eine Front von kleinen Fenstern, hinter denen sich unsere Schlafkabinen verbergen. Für die nächsten 21 Tage wird dieses Fahrzeug unser Mittelpunkt sein. Afrika im Hyper-Wohnwagen von Rotel-Tours.
Das Unternehmen, von Gregor Höltl vor nunmehr schon mehr als 70 Jahren gegründet, hat Erfahrung mit dieser Art des Reisens. Mit seinem patentierten System hat der Unternehmer Reisebusse zu „rollenden Hotels“ umgebaut und mit winzigen Schlafkabinen ausgestattet. Die Idee kam Höltl, als der Betrieb seiner Buslinie in seiner Heimatstadt Tittling, in der Nähe von Passau, nicht so recht ins Laufen kommen wollte. Auf der Suche nach einer neuen Geschäftsidee organisierte er Pilgerreisen nach Rom, Lourdes und Fatima. Weil in der Nachkriegszeit das Budget der Reisenden knapp war, wollte er so ein „All-in“-Paket schnüren. Fahren, Schlafen, Essen. Bus-Chauffeur und Reiseleiter hatten plötzlich einen Nebenjob als Koch und Kellner. Die Idee kam an – und wurde zu einem Longseller. Denn auch heute noch sind mehr als 70 Rotel-Busse auf allen Kontinenten der Erde unterwegs.

Reisen mit Rotel muss man freilich mögen. Auf Komfort wird bewusst verzichtet. So sind die Busse beispielsweise nicht klimatisiert und Tourleiterin Katrin, die in der Fahrerkabine sitzt, gibt den Reisenden im Fahrgastraum mit Mikrofon und Lautsprecher der Interkom-Anlage auch gleich eine erste und wichtige Rotel-Regel durch: Fenster auf und Fenster zu sei die einzige Lüftungsart. Wer anfällig für Zugluft sei, der möge sich bitteschön einen Schal um den Hals binden. Beschwerden wegen offener Fenster werde sie jedenfalls nicht entgegennehmen.
Die Reisegruppe nimmt das gelassen. Sie ist bunt zusammengewürfelt und besteht aus Deutschen, Schweizern und Österreichern. Viele kennen Rotel schon seit Jahren und einige der Mitreisenden sind echte „Rotelianer“, die schon Dutzende Reisen mitgemacht haben. Sie zählen auch zu jenen Menschen, die auf der Reise durch die stakkatoartige Aufzählung von Reiseerlebnissen in allen Weltgegenden auffallen.
Andere wiederum sind das erste Mal dabei. Der Lackmustest, sozusagen. Auf dieser ersten Reise entscheidet sich denn auch meistens, ob man jemals wieder in einen solchen Bus einsteigen wird oder nicht.
Erste Voraussetzung, um Rotelianer zu werden: Man muss das Campen mögen und bereit sein, Teamarbeit zu leisten. Jeden Tag werden entweder – recht einfache – Campingplätze oder auch exklusive Lodges angesteuert, in denen alle Mitreisenden gemeinsam den Bus zum Hotel umfunktionieren. Bevor man die Körperpflege in den Duschräumen beginnt, ist für die Männer der Aufbau des rollenden Hotels angesagt. Denn erst durch das Aufklappen der Seitenwände wird der Zugang zu den Kabinen freigegeben. Ein wenig despektierlich werden diese auch als „Schlafsärge“ bezeichnet, denn der Platz ist knapp bemessen – 80 x 80 x 210 Zentimeter – und die Wände sind hellhörig. Doch Tourleiterin Katrin hat bereits die zweite wichtige Rotel-Regel ausgegeben: Wen das Schnarchen der Mitreisenden störe, der möge bitte Ohrstöpsel nehmen. Klagen darüber werden keine entgegengenommen ...

Vor allem in den ersten Tagen der Reise steht bei den „Neuen“ das Ungewisse im Vordergrund. Wie wird man die Nächte überstehen? Denn schon beim ersten Hineinkriechen weiß man: Ui, das wird eng. Wer den Arm ausstrecken will, stößt unweigerlich an die Kabinenwand. Das Umdrehen in der engen Schuhschachtel wird zu einer sportiven Angelegenheit. Dazu kommt, dass die Temperatur in den südlichen Regionen auch nachts nur selten unter 30 Grad fällt. Jeglicher Windhauch wird daher zu einem glücklichen Ereignis.
Eingewöhnen ist angesagt. Nicht selten treffen einander denn auch Neo-Rotelianer um zwei Uhr morgens vor dem Bus und reden ermattet über Schnarchen, Hitze und Enge. Zum Glück gibt es auf den Übernachtungsplätzen überall Duschen. Die Verdunstungskälte macht den Wiedereinstieg in die Kabinen erträglicher. Wer zu Klaustrophobie neigt, denkt freilich, wie werde ich diese Reise überstehen? In die Anfangsfreude mischt sich jetzt Bangigkeit ...
Ein erster Ausflug ins Okawango-Delta ist denn auch eine willkommene Abwechslung. Einheimische bringen die Reisenden mit kanuartigen Booten in das breite Flussmäander des Stromes, der in einem der größten Binnendeltas der Welt in der Wüste versickert. Gekocht wird am Lagerfeuer und den Rotelianern wird bei Wanderungen im Delta die Tier- und Pflanzenwelt erklärt. Danach weiß man, dass man Termitenhügel als Kompass einsetzen kann. Denn die obere Öffnung zeigt, weil die kleinen Tierchen auf Kühlung bedacht sind, immer nach Westen ...
Und, die große Erleichterung: Die Nacht wird in Zweimann-Zelten verbracht. Eine Wohltat für kabinengeplagte Mitreisende. Man lauscht den Zikaden und Fröschen und schläft friedlich bis in die Morgenstunden.
Am nächsten Tag ist man dann wieder auf der Piste. Insgesamt ist Freizeit bei der Tour recht knapp bemessen. Denn die mehr als 5.000 Kilometer von Namibia zum Indischen Ozean müssen erst einmal gefahren werden.

Zweitägige Zwischenstopps gibt es im Chobe Nationalpark in Botswana oder dem South Loangwa in Sambia. Dort wechselt man vom Bus in offene Jeeps und kommt bei Pirschfahrten nahe an Löwen, Büffel oder Flusspferde heran.
Die Nichtfahrtage müssen dann wieder aufgeholt werden. Der Tagesplan ist daher straff: Aufstehen um sechs Uhr. Frühstück um sieben, Abbau des rollenden Hotels um halb acht. Abfahrt: acht Uhr. Dabei wechseln sich reine Fahrtage mit Besichtigungstagen ab. Stopps gibt es in Dörfern, bei Museen, Märkten und Missionsstationen. Die Victoriafälle zeigen sich als ganz besonderer Fall. Sie entpuppen sich auf sambesischer Seite trotz Regenzeit wegen allgemeiner Trockenheit und Wasserableitung durch Kraftwerke als dünne Rinnsale. – Wieder was gelernt.
Um etwa fünf Uhr abends trifft man dann an den Übernachtungsplätzen ein. Rotelianer beginnen nach dem Aufbau des Hotels meist ihr Leben samt Körperpflege zu organisieren. Eine nicht ganz einfache Sache. Denn es bedarf einiger Umsichtigkeit, um sich auf der schmalen Plattform, wo Koffer und Gewand vor den Kabinen zwischengelagert werden, nicht gegenseitig auf die Füße zu treten. Dass es dabei manchmal zu bissigen Bemerkungen kommen kann – geschenkt. Man fühlt sich glücklich, wenn man alle Sachen zum Duschen beieinander hat und die Schmutzwäsche im Plastiksackerl in der Reisetasche verstauen konnte.
Zuviel Freizeit, so der Leitspruch unter Rotelianern, sei aber ohnehin nur langweilig. So wird das Auf- und Abbauen, aber auch das Kochenhelfen als willkommene Abwechslung nach den langen Busfahrten angesehen. Fürs „Schnippeln“, so der Rotel-Jargon für das Schneiden von frischen Zutaten fürs Kochen, melden sich denn auch immer genügend Freiwillige. In der aufklappbaren Busküche werden das unterwegs gekaufte Gemüse oder die Salate weiterverarbeitet. Tourleiterin Katrin fungiert als Chefköchin. Denn Frühstück und Abendessen sind – wie in den Rotel-Anfangszeiten – im Preis inkludiert.
Gekocht wird deutsch-österreichische Hausmannskost mit afrikanischem Einschlag. So gibt es neben frischen Salaten nicht nur Rollschinken mit Sauerkraut. Sondern auch Geschnetzeltes vom Warzenschwein mit Knödel, Kudogulasch oder Zebra-Eintopf mit Püree und Rotkraut. Bei den Reisenden kommt das Essen gut an. Denn gekocht wird von Katrin nicht nur schmackhaft sondern auch reichlich.
Und wie kommen 20 Reisende, die einander – außer den drei Pärchen – vorher nicht gekannt haben, miteinander aus? Erstaunlich gut. Kaum ein Streit, keine Eklats, kein Aufstand gegen die Tourleitung. Landschaft und Besichtigungsprogramm entschädigen für die eine oder andere Besonderheit dieser Reiseart.
So mancher Neuling hat dennoch beschlossen, die Reise im Rotel-Bus als einmalige Angelegenheit zu betrachten. Zuviel Menschen auf zu engem Raum. Aber einen Versuch war es wert.

Drei bis vier Mal jährlich wird die Route quer durch Afrika mit dem Rotel befahren: Nächster Reisetermin: 13.8. - 3.9.2016. Auch über Weihnachten und Silvester gibt
es eine Tour. Kosten: 3.490 Euro (exkl. Visa, Impfungen, Pirschfahrten)
www.rotel.de