freizeit
22.08.2018

Dr. med. Zauberwald: Wie die Natur den Menschen heilt

Bisher war es ein intuitives Gefühl, jetzt belegt es die Wissenschaft: Der Wald tut uns gut!

Als Matthias Strolz, 45, vor einigen Jahren in der Ö3-Sendung „Frühstück bei mir“ erzählte, er würde Bäume umarmen, machte sich unter der  Zuhörerschaft Unverständnis breit. Die Vorurteils-Schublade „Spinner“ war ebenso schnell geöffnet, wie der Politiker abgestempelt: „Bäume-Umarmer“ war von da an  als Zwischenruf bei Reden des damaligen Neos-Chefs im Parlament keine Seltenheit. Heute könnte Strolz über seine Kritiker  lachen.   Um die heilende Kraft der Natur entwickelt sich derzeit nämlich eine ganze Industrie. Regionen wie der Bayrische Wald werben mit dem „Lebensglück Wald“, Bücher zum Thema sind der Renner, vom „Geheimen Leben der Bäume“ bis zum „Biophilia-Effekt“. Doch Schadenfreude kennt er nicht und meint: „Der gesunde Hausverstand hat es immer schon gewusst, der gut geerdete Mensch hat es immer schon gespürt und jetzt wird es auch von der Wissenschaft belegt: Der Wald tut uns einfach gut.“ (siehe auch Strolz-Interview unten)

In Japan hat die staatliche Waldbehörde schon Anfang der 1980er-Jahre ein Konzept entwickelt, um der stark urbanisierten Gesellschaft eine Alternative zu bieten: „Shinrin Yoku“ – Waldbaden. Die wissenschaftlichen Belege über die gesundheitlichen Auswirkungen fehlten aber noch. Heute weiß man darüber Bescheid. Professor Christian Schubert von der Klinik für Medizinische Psychologie in Innsbruck bestätigte kürzlich auf Ö1: „Das ist absolut handfest und keine Esoterik. Meta-Analysen können das betätigen.“ Wer in den Wald geht, verringert Stresshormone wie Cortisol, steigert den Immunschutz und verlangsamt die Zellalterung. „Dazu braucht es nicht viel. Wenn man sich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen  für ein, zwei Stunden im Wald aufhält, steigt die Anzahl der natürlichen Killerzellen um 50 Prozent“, so Schubert. Und deren Aufgabe ist, Krankheitserreger wie Viren und Bakterien aus dem Körper zu entfernen.

Österreichs Experte in Sachen „Waldbaden“ ist derzeit Biologe und Autor Clemens Avay. Sein Buch „Der Biophilia-Effekt“ steht auf den Bestseller-Listen ganz oben. Es geht auf einen Begriff des Psychoanalytikers Erich Fromm zurück und meint die Liebe zur Natur, die in jedem von uns angelegt ist – genetisch. Avay beschreibt den Wald als einen einzigen Ort dichter Kommunikation, in dem Bäume, aber auch andere Pflanzen, mithilfe von biochemischen Stoffen  Botschaften austauschen. „Zum Beispiel über Schädlinge, um sich zu schützen. Diese biochemischen Stoffe gehören zur Gruppe der Terpene. Wenn der Mensch in einen Wald voller Terpene geht, steigert das, ähnlich wie bei den Pflanzen, die Abwehrkräfte.“ Wir atmen die Terpene ein und nehmen sie über die Haut auf. Terpene erhöhen übrigens auch die Anzahl der drei wichtigsten Antikrebsproteine: Perforin, Granolysin und die Granzyme.

Umso wichtiger ist es, sich auch in der Natur zu bewegen. In seinem jüngsten Buch „Das Biophilia-Training: Fitness aus dem Wald“ meint Avay: „Wenn wir im Wald statt in geschlossenen Räumen trainieren, kriegen wir beides im Paket: Fitness und Heilung.“ Genau darauf basiert auch das Bewegungskonzept von Kathrin Lutteri, Franchise-Nehmerin von „Frischluft“-Fitness. Neben den biochemischen Effekten des Waldes weiß sie auch die  psychologischen zu schätzen: „Stressabbau funktioniert im Freien besser als in geschlossenen Räumen.“ 48 Prozent der Gesamtfläche Österreichs sind mit Wald bedeckt, in Lutteris Heimat Tirol sind es 523.000 Hektar – ein Riesen-Arbeitsplatz. Trainiert wird ausschließlich draußen – das ganze Jahr, bei jedem Wetter: „Der Körper lernt, mit Bedingungen wie Kälte, Hitze, Regen und Wind umzugehen. Man erweitert seine Grenzen, weil man sich überwinden muss.“  
Das ist es auch, was das Ökosystem nicht zuletzt laut Wissenschaft ausmacht. Nicht der kaum nachweisbare Einzeleffekt, sondern das Gesamtpaket zählt, sagt auch der medizinische Psychologe Christian Schubert. „Wer Einflüsse stofflicher und nichtstofflicher Natur  auf sich wirken lässt, bekommt diesen gewaltigen Effekt auf das Immunsystem.“    

Fitness im Wald:

Kathrin Lutteri: www.frischluft.com 

Lesen im Wald:

Annette Lavrijsen: „Shinrin Yoku  – Waldbaden“, Lübbe, 16,50 €.

Clemens Avay: „Der Biophilia-Effekt“, Edition a, 12€.

Peter Wohlleben: „Des geheime Leben der Bäume“,  Ludwig, 20 €. 

Neos-Klubobmann Matthias Strolz im Interview: "Ich umarme Bäume nicht"

KURIER: Herr Strolz, gehen Sie noch manchmal in den Wald und umarmen Bäume?

Matthias Strolz: Ich umarme Bäume nicht, aber ich trage diese Zuschreibung mit leichtem Augenzwinkern und gewissem Stolz.

Mittlerweile bestätigt die Wissenschaft, dass Natur heilt.

Es freut mich, dass hier jetzt eine Versachlichung stattfindet. Ich bekomme auch Zuschriften von Menschen, die mich auf wissenschaftliche Ergebnisse hinweisen.   

Hat es Sie damals gekränkt, dass Sie als „Bäume-Umarmer“ belächelt wurden?

Ich habe damit ja auch kokettiert und gespielt,  aber es war keine Zuschreibung, die ich mir gewünscht habe. Ich bin aber als Bergbauernbub naturverbunden und damit nicht alleine. Viele Menschen suchen in der Natur diese  wohltuenden Effekte.

Welcher Wald ist „Ihr Wald“?

Wir wohnen in der Nähe des Maurer Waldes und das war auch ein Grund, uns hier niederzulassen.  Aber der Wienerwald ist insgesamt ein großes Glück für eine Millionenstadt. Die Luft wird nochmals geklärt, bevor sie in die Stadt kommt. Dazu kommt die Weitläufigkeit. Man erreicht in einer Viertelstunde  Gebiete, in denen man halbe Tage keinen Menschen trifft.