© Franz Gruber

freizeit
04/24/2014

Die Reportage: Nur net Bremsen

Schneller, höher, lauter? Moderne Hightech-Attraktionen machen den Prater zu einem Vergnügungspark internationalen Formats. Aber es sind die alten Originale und echten Typen, die seine Seele ausmachen.

von Andreas Bovelino

Kennt's eich aus? Sackerl mitnehmen – und ja net bremsen!" Sammy Konkolits sagt diesen Spruch sehr oft. Zum Glück. Denn er sagt ihn zu jedem Fahrgast auf dem Toboggan, einst eine der waghalsigsten Fahrten des Wiener Wurstelpraters – heute, nach mehr als 100 Jahren, eine einfache Rutsche unter Dutzenden High-Tech-Attraktionen, Turbo-Booster, Schwarze Mamba, Ejection Seat, Tornado und wie sie alle heißen. Aber doch, es gibt sie noch, die gute alte Teufelsrutsche in der Nähe des Schweizerhauses. Oder wieder. Zum Glück.

Denn eigentlich war der 25 Meter hohe, hölzerne Turm schon in den 1990er-Jahren nur mehr ein Schatten seiner selbst. Die große Zeit hatte er längst hinter sich. Der arm- und beinlose Praterkönig Nikolai Kobelkoff hatte ihn seinerzeit nach Pariser Vorbild bauen lassen. Ein Wunder der Konstruktion, elegant, luftig und dynamisch geschwungen – das Nonplusultra an Rasanz. Ein atemberaubendes Vergnügen. Doch Wind und Wetter hatten ihm ebenso zugesetzt, wie die technisch hochgerüstete Konkurenz. Schließlich wollte kaum noch jemand die 50 Meter lange Bahn hinunterrutschen. Schließlich durfte man es auch gar nicht mehr, zu morsch und wackelig war die gesamte Konstruktion geworden. Schließlich flatterte der Abbruchbescheid ins Haus, das alte Wahrzeichen des Praters stand vor dem Aus.

",Da g’hört einer her, der sich net auskennt. Weil wennst dich auskennst, greifst des net an', hot die Baupolizei damals g’sagt", erzählt Konkolits und fährt sich mit der Hand durch den Bart. "Na jo, sie wern scho Recht g’habt ham", sagt er dann und grinst. Man sieht ihm an, wie sehr er sich darüber freut. Und über seinen Turm. Der Maler und Bildhauer kommt aus keiner der alten Prater-Familien. Er war in den 1990ern eigentlich damit beschäftigt, Kasperlspringbrunnen und Bankomaten in Sparschwein- und Wurstelform für den Prater zu entwerfen. Und verliebte sich in Gabi, die hübsche Tochter der Lindengrüns, denen die Würstel-Hütte gleich nebenan gehörte. Und der marode Toboggan. Die beiden sind längst ein eingeschworenes Paar.

"Und so hamma den Turm hoit gemeinsam renoviert. Er is jo der letzte seiner Art – vielleicht a bissl so wie wir. Weil der anzige andere, den’s auf der Welt no gibt, der vom Münchner Oktoberfest, is jo erstens jünger, zweitens is der transportabel, wird also nur für bestimmte Anlässe aufbaut – und drittens is der nur halb so lang und halb so hoch, wie unser Bua do", sagt Konkolits. Gabi Lindengrün strahlt. Sie ist ein echtes Praterkind, schon ihre Großeltern waren hier beschäftigt. "Man kann sich gar net vorstellen, wie schön des für mich ist", sagt sie, "ich kenn den Turm ja seit ich a Kind war. Ich weiß gar net, wie oft ich da schon runtergrutscht bin." – "Na jo, i scho a par mal“, sagt Konkolits, "i glaub, es gibt ka Kind, des net da grutscht is friara. Des wor hoit mei Prater", sagt er und zeigt auf den Toboggan und das dahinter liegende "Schlumpfland". "Durt bin i mein ersten Doppeldecker g'flogen, kumm mit." Konkolits führt uns mitten hinein ins Reich Josef Popps – und es ist eines der charmantesten Fleckchen, die der Prater zu bieten hat. Ein Kinderringelspiel, Eisenbahn, Auto-Bergbahn, Mini-Monza und da, ganz hinten, die alten Flugmaschinen. "Ja, die sind allerdings nicht mehr ganz die alten. Mein Vater hat sie nach dem Krieg aus Holz neu gebaut", erklärt Herr Popp, "aber die Autos, die sind noch original vom Opa. Aus Metall."

Schneller, höher, lauter? Moderne Hightech-Attraktionen machen den Prater zu einem Vergnügungspark internationalen Formats. Aber es sind die alten Originale und echten Typen, die seine Seele ausmachen. Der „große Chineser“ von Bruno Calafati – ein Wahrzeichen des alten Praters.

1,50 Euro, 2,50 Euro – auch die Preise scheinen wie aus einer anderen Zeit. "Das ist schon ein Problem", erklärt der Prater-Veteran, "weil mehr verlangen kann ich ja nicht. Aber die Mieten werden schon immer höher ..." Dass das riesige mittlerweile öde Gelände, wo im legendären "Walfisch" früher Hungrige und Durstige verköstigt wurden, seit Monaten von einem Bauzaun verstellt ist, macht die Sache auch nicht leichter. Viele Praterbesucher drehen wieder ab, bevor sie überhaupt so weit kommen, weil sie glauben, da gibt’s eh nichts mehr außer einer Baustelle ...

Natürlich, Josef Popp, dessen Urgroßeltern im 19. Jahrhundert mit einem Pony-Karussell angefangen haben, könnte investieren, versuchen, mit einem neuen Meganervenkitzel die Einnahmen zu optimieren. "Aber wenn wir des alle machen – was bleibt denn dann vom Prater übrig?", fragt er. "Dann wird’s halt ein Hightech-Vergnügungspark, der überall auf der Welt stehen könnt." Und wo er Recht hat, hat er Recht. Nichts gegen die vielen neuen Attraktionen der letzten Jahre. Die sind rasant und spannend und lustig – sie machen den Prater international konkurrenzfähig. Aber seine Seele, das sind die alten Originale, die echten Typen. Sein ganz spezieller Charme, den macht vielleicht ja die Kombination der beiden aus, alt und neu, ein bissl Sturheit und Mut zum Risiko, ungebremster Innovationsdrang, der etwa den riesigen Prater-Turm gleich in der Nähe emporwachsen ließ, das höchste Kettenkarussell der Welt. "Es passt schon so, wie’s ist. Wir alle profitieren von den Neuerungen – nur sollte man uns auch die Möglichkeit geben, das Erhaltungswürdige zu erhalten." Von seiner Seite hat Josef Popp alles dafür getan, Sohn Paul ist 13 und hilft immer mit, wenn er nicht gerade für die Schule lernen muss. Für Paul steht fest: Er wird im Prater bleiben. Und die schnellste, höchste, gefährlichste Todesspiralschleuderschaukel des Universums hinstellen? "Nein, ich werd gar nichts umkrempeln. Das soll so bleiben, wie’s ist", sagt er resolut.

Der Nachfolger übt schon: Der 13-jährige Paul Popp will den Betrieb seines Vaters auf jeden Fall weiterführen. Wenn er groß ist. Und: Es soll so bleiben, wie es ist ...

Ein Grundsatz, den auch Hermann Molzer beherzigt. Der Theaterregisseur, der bei den Wiener Festwochen, in Salzburg, praktisch ganz Deutschland und der Schweiz inszeniert, betreibt die "Große Geisterbahn" gleich in der Nähe. Und ist auch ein echtes Praterkind. "Meine Mutter war zwar Pianistin, hat mit ihrem Mann aber schon vor dem Krieg ihre erste Geisterbahn aufgebaut. Und nach dem Weltkrieg hat sie sie wieder neu aufgebaut." Sein Vater war Maler, kam aus einer berühmten Orgelbauerfamilie. Im Pferdekarussell ist eine Molzer-Orgel eingebaut. "Aber schon auch in ein paar Kirchen", sagt der Geisterbahn-Regisseur und zwinkert. 1983 fiel dann die neue alte Geisterbahn einer nächtlichen Brandstiftung zum Opfer. "Also haben wir sie wieder aufgebaut. So, wie sie war", sagt Herr Molzer.

Fotograf Franz und ich wagen die erste Geisterbahnfahrt seit unseren Kindertagen. Die völlige Dunkelheit anfangs ist tatsächlich beängstigend. Und die Geräusche... Das hat schon was. Natürlich, die Pappmaché-Monster, Untoten und geköpften Axtmörder sind für Digital-Effects- und 3-D-Total-Reality-Horror-gestählte Jungs wie uns eher rührend als beängstigend. Aber dann erwischt uns der Schreck doch tatsächlich eiskalt. "Na jetzt!", sagt Franz. "Ui!", sag ich nur. Wir krallen uns kurz aber heftig am Wagenrand fest. "Bei der Brücke war's, oder?", sagt Herr Molzer nach der Fahrt zu uns. Und: "Ich weiß immer genau, wer wann wo schreit ..."


Was ich bis zu unserem Gespräch nicht wusste: Die berühmten "Geisterbahn-Akteure" gab's früher tatsächlich. "Natürlich, bis in die 70er-Jahre", sagt Herr Molzer. Mit Federn kitzelten sie die Fahrgäste, griffen auch schnell einmal da und dort zu. Ein unübertrefflicher Schrecken, wie ich mir vorstelle. Warum gibt's die heute nicht mehr? "Zum einen könnte man heut ja niemanden mehr so wenig zahlen – oder man könnte sie sich halt nicht mehr leisten", erklärt der Regisseur und macht eine dramatische Pause. "Zum anderen haben S’ wohl manchmal dort zugegriffen, wo’s ihnen Spaß gemacht hat, aber den Damen weniger ..."

Aber jetzt muss es einfach sein: eine Fahrt mit dem Toboggan, der berühmten alten Teufelsrutsche! Fotograf Franz winkt dankend ab. Ich trau mich. An der Kassa seh ich eine CD meines lieben Kollegen Ernst Molden. "Ho Rugg". Guter Geschmack, denk ich mir erst, und dann fällt es mir wie Schuppen von den Ohren: "Da Rudschduam... ois wia a Leuchtturm in da Nocht..." Der Ernstl singt auf der Scheibe vom Toboggan! "Jo freilich", sagt Sammy Konkolits und strahlt, "do singt er üba unsan Turm. A große Ehre. Vüh CDs hob i eh nimma – di gengan guat." Umso mehr muss ich nach oben. Und hinunter. "Sackerl mitnehmen – und nur net bremsen, sunst vabrennst di!", ruft mir Sammy Konkolits nach. Was soll ich sagen? Es ist eine echte Gaudi. Und man wird echt verdammt schnell. Klar, es kann überhaupt nichts passieren, der Rand ist hoch genug, man KANN gar nicht rausfallen. Aber: Ich hab dann doch weniger Mut gehabt als die Achtjährigen vor und die Teenagerinnen aus Stuttgart nach mir. Ja, ich hab gebremst. Leugnen hilft auch gar nichts, zu verräterisch sind die beiden Brandblasen an meinen Handknöcheln. "Schandmale" nennt meine Frau sie. Sie bremst nie.

"Jo, jo", sagt Sammy Konkolits nachher, "so ist des mit der Teufelsrutschen. Wer net auf mi heat – der gspiat den Teifl. Und der is ganz schen haß."

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