© Franz Gruber

freizeit
04/11/2014

Die Reportage: Gut für Zwischendurch

Sex sells – ganz klar. Nur logisch, dass es dafür auch entsprechende Marketing- Veranstaltungen gibt. Aber wie darf man sich eine derartige Warenschau vorstellen? Als Gartenbaumesse für Erotiker? Campa & Boot für den interessierten Swinger? Ein Lokalaugenschein in Wien Vösendorf.

von Andreas Bovelino

Niemand geht da hin. Natürlich nicht. Niemals. Es ist ja sogar so, dass kaum jemand jemanden kennt, der einen Bekannten hat, dessen Nachbar schon einmal „bei so was“ gewesen sein könnte. Tatsache ist aber: Es gibt sie, die Erotik-Messen. Seit Jahren schon – die Sache kann also nicht ganz unerfolgreich sein. Deshalb war ich jetzt dort. Für euch. Unterwegs im Dienste der freien Informationsbeschaffung, dankt mir nicht, ich mache nur meinen Job ...


Vösendorfer Pyramide, Samstag um 16.30. Eine überschaubar charmante Location. Der Parkplatz ist noch nicht wirklich gefüllt, aber es bewegen sich doch schon einige Menschengrüppchen in Richtung Eingang. Unterscheiden sie sich von Besuchern der, sagen wir mal, Gartenbaumesse? Nicht wirklich. Ah, da ist eine Frau in schwarzer Lederhose! Andererseits: Wer sagt, dass man sich in schwarzer Lederhose nicht auch die Campa & Boot ansehen könnte? Oder eine hübsche Kleintier-Schau mit süßen Kätzchen, Hamstern und Kuschelkaninchen. Vielleicht beobachtet sie ja den Fotografen Franz und mich und denkt sich, „da schau her, die zwei alten Lustmolche, die haben’s wohl grad nötig.“

Ist die Scheu vor der Kassa mit dem großen „Jugendverbot“-Schild erst einmal überwunden, eröffnet sich dem Besucher die prickelnde, faszinierende Welt der Erotik – mit einem Käsestand, der herrlichen Kuh-, Schaf- und Ziegenkäse aus dem Niederösterreichischen anbietet. Erstaunlich irgendwie, aber auch der Erotiker muss sich hin und wieder stärken, warum dann nicht mit kräftigen heimischen Milchprodukten. Fotograf Franz und ich haben aber keinen Hunger. Wahrscheinlich sind wir einfach zu aufgeregt.


Und natürlich ist nicht alles Käse hier, gleich ums Eck geht’s dann richtig los, wir taumeln durch ein Labyrinth aus Dessous und Dildos, Hundeleinen, Fesseln jeder Art, Lack und Leder, prallen vor einer Maske zurück, die an einen Hundekopf erinnert, ein Schreckenshelm des Minotaurus gewissermaßen, der seinen Träger völlig von der Außenwelt abschottet. Und landen schließlich neben einer Gruppe Mädels, die sich über aktuelle „Irgendwer sucht irgendwen“-Fernsehshows unterhalten, während sie an einem reichhaltigen Vibratoren-Sortiment gustieren wie an einem Lippenstift-Wühltisch in einem Drogeriemarkt.

Unter der Donnerkuppel der Pyramide dann die große Showbühne, auf der gerade ein blonder Engel seine weißen Flügel spreizt. Nein, das ist keine Metapher für irgendwas Schlüpfriges, es handelt sich tatsächlich um eine Frau mit einem flügelartigen Umhang, die zu forschen Techno-Beats den sexy Schwan macht. Hinter uns die Bar mit schicken jungen Keepern und Keeperinnen, vor uns eine derart divergente Menschenmenge, dass sie jeden Meinungsforscher in Ekstase versetzen könnte. Pärchen zwischen 20 und 60, Damengruppen, Herrenrunden und Mädchengangs, Sekretärinnen und Studenten, Goldketten zum Trainingsanzug, klassische Dezenz, Gothic- und Business-Style. Die Atmosphäre: eher Prater-Dome als klassischer Sex-Club oder was man sich darunter halt so vorstellt.


Neben uns steht eine junge Frau mit ihrem Freund. Studentisch, internationale Beziehungen oder so etwas in der Art. Nein, keine Fotos. Wie praktisch alle Besucher hier wollen sie nicht fotografiert werden. Wie es ihnen gefällt? „Na ja, in Berlin isses schon klasser“, sagt die junge Frau, „hier hat’s halt eher ein bissl „Orion“-Flair“. Ich muss erkenntniselastisch dreingeschaut haben, weil sie von sich aus erklärt: „Eher Erotik für Sekretärinnen und Hausfrauen aus den Vorstädten eben. Nicht wirklich cool. Aber“, fährt sie fort, wie um mich zu trösten, „es ist schon ganz okay. Hauptsache, so etwas findet überhaupt statt – das ist wichtig für den Umgang mit Sex in einer Gesellschaft.“

Wir sehen uns weiter um. Hinter und neben der Hauptbühne reiht sich Stand an Stand. Wie es sich für eine Verkaufsmesse gehört eben. Ladylove, Temptation, Ova, Arctic Bunny, Vibe Therapy – wer hätte gedacht, dass es so viele Vibratoren mit so hübschen Namen gibt? Was für ein kreativer Kraftakt, das muss sich ja alles erst einmal wer ausdenken. Black Balloon & Blue Inflatable – aufblasbar auch noch? Na, ich weiß nicht ... Bei einem netten Herrn namens Aslam, dessen Stand etwas Boutiquenhafteres hat als die meisten anderen, finden wir dafür den „kleinsten Massagestab der Welt“. Ganze drei Zentimeter ist das Dingelchen lang. Ein Scherzartikel? „Kein Scherz!“, Aslam ist beinahe entsetzt, „ist gut – und stark!“ Mit diesen Worten hält er mir das kleine Teufelszeug an den Bauchnabel und freut sich, dass ich als Ganzer an seiner Hand auf und ab vibriere. „Nicht schlecht, oder?“, sagt Aslam und schaltet ab. „Wow“, sag ich, als ich wieder zur Ruhe komm. Herr Aslam kann aber natürlich auch anders und zeigt mir ein Ding, das der Laie leicht mit einem ausgewachsenen Kugelmikrofon verwechseln könnte. „Das ist der Stab mit allergrößter Power – und verstellbarer Geschwindigkeit.“ So behände wie möglich weiche ich aus, als Herr Aslam das Teil startet und mich wieder herumzappeln lassen will. Ist aber doch ziemlich kugelig, das Ding. Und groß. Also wohl wie Franzbranntwein, nur für die äußerliche Anwendung. „Ja, nur für die Außen“, sagt Herr Aslam und nickt. „Aber schauen Sie hier“, der Massagestab-Experte holt einen Aufsatz aus einer Schachtel, der perfekt auf die Kugel passt, „dann geht auch innen. Ist sehr praktisch, nicht!“ Ja doch. Sehr praktisch. Wie der als Schuh getarnte Vibrator, den er auch noch im Angebot hat ...

An den diversen Nebenbühnen geht’s dann doch etwas weniger chic zu als vor der Hauptbühne. Hier ist man hautnah am Geschehen, entsprechend männlich ist das Publikum. Einige Oldtimer filmen die Brüste einer jungen Frau mit Videokameras, die wahrscheinlich älter sind als die Stripperin selbst. „Damit sie den Tanga auch noch auszieht, braucht’s aber schon einen Zwischenapplaus“, sagt ein unsichtbarer Moderator. Vereinzelt wird geklatscht und gepfiffen, die meisten Jungs sind zu konzentriert, um sich zu bewegen. Die Blondine lässt sich trotzdem nicht lumpen, der Tanga fällt, die Hitze im Publikum steigt. „Natürlich, die Hauptbühne hat schon was, da fühlst’ dich wie ein Star“, wird sie später zu mir sagen und lächeln, „aber ich mag auch die ganz kleinen Bühnen. Wenn du die Blicke richtig spürst, das Publikum ganz nah ist und du merkst, welche Wirkung du hast, das find ich scharf.“ Sie wird beinahe entschuldigend die Schultern zucken und ich werde nicht wissen, ob sie das nur sagt, weil es eben ihr Job ist.

An einem Stand, der sich auf Accessoires spezialisiert hat – Orgien-Laken?! Man weiß ja so viel nicht ... –, treffe ich eine Frau mit prall gefüllter Einkaufstasche. Ob ich mal kurz einen Blick ...? „Eh klar“, sagt ihre Freundin, „i bin a neugierig, was sie scho alles kauft hat, wir ham uns grad erst troffen.“ Die Shopperin nickt. Zum Vorschein kommen erotische Gesellschaftsspiele, sexy Dessous – und der kleine Freund von Herrn Aslam. „Wos isn des? Der is doch vüh z’klan!“, ruft die Freundin entsetzt. „Gar net, i hab den schon einmal g’habt, aber leider im Hotel liegen lassen. Der is super für zwischendurch“, sagt die Shopperin und schaut mich dabei treuherzig an. Die Hauptbühne gehört mittlerweile Catwoman. Davor ist echte Partystimmung. Mit Christoph und Devon, einem sympathischen jungen Gothic-Paar, unterhalten wir uns über Shopping-Möglichkeiten im Special-Interest-Bereich. Fotografieren? Ja klar, kein Problem. Währenddessen hat Catwoman ihre Maske abgenommen und entpuppt sich als betörend schön. Vorn am SM-Stand hab ich Hundeleinen im Sonderangebot gesehen. „Das klingt interessant“, sagt Christoph und geht mit uns hin. Devon an der Leine hinterher.


Auch dort ist grad eine Show in Gang. Ein korpulenter Mann, einer der größten Bondage-Experten Deutschlands, wie mir erklärt wird, fesselt zwei junge Frauen aneinander. Konzentriert und bedächtig wie bei einer japanischen Tee-Zeremonie. Man könnte auch sagen „etwas langatmig“. Hinter uns steht die Frau in der Lederhose, die wir vor dem Eingang gesehen haben. „Da wird’s drum gehen, dass die sich irgendwie befreien müssen“, erklärt sie ihren Freundinnen. Sie feiert hier und heute ihren 40. Geburtstag. Es ist ihr erstes Mal auf einer Erotik-Messe. Und? „Eh ganz lustig. Viel zum Sehen halt, was man gar nicht kennt“, sag sie. Der Bondage-Experte bindet derweil seinen 167. Knoten, die beiden gefesselten Damen unterhalten sich so unbeteiligt wie unentwegt. Kochrezepte? Schminktipps? Fernsehserien? Die Frau in der Lederhose lacht und schüttelt die kurzen schwarzen Locken: „Aber SM hab ich mir irgendwie spannender vorg’stellt.“

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