freizeit
04.08.2018

Die Dramatik der Toskana: That's Amore

Man kennt die Toskana, aber nicht so: Aus der Vogelperspektive erscheint das Sehnsuchtsland wie von einem anderen Planeten

Es ist nicht ganz einfach, die Toskana als Tourist zu bereisen. Viel zu viele Trattorien, die man nicht  unbesucht vorüberziehen lassen will. Viel zu viele Sehenswürdigkeiten, die man auf seiner persönlichen To-do-Liste   abhaken möchte. Und, certo, viel zu wenig Zeit, um sich am viel gepriesenen Dolce Vita berauschen  zu können.
Alles falsch.

Es ist selbstverständlich ganz einfach, die Toskana als Tourist zu bereisen. Jahrhundertealte Sehnsuchtsorte wie Florenz oder  Siena schreien danach,  mehrmals im Leben heimgesucht zu werden. So wie ein  Glas Chianti, genossen im Chianti-Land, ebenfalls nach einem Da capo verlangt. Und wenn alle wieder  über die Quallenplage im Mittelmeer jammern, kann man im Schatten der  Zypressen frohlocken: Der nächste Sandstrand folgt erst hinter dem Horizont.

Und wenn jetzt jemand meint, schon wirklich jede Region der Toskana zu kennen, kommt einer wie  der Florentiner Fotograf Guido Cozzi  und zeigt uns seine Heimat aus einer anderen Perspektive. Von oben. Ins Visier genommen von einem Heißluftballon oder von einer Drohne erkennt man erst, wie  perfekt sich die  Toskana als Gastgeber inszeniert. Immer schon.
Die Pinien dort drüben auf dem Hügel, die Bauernhäuser mit den Olivenbäumen, die herrschaftlichen Villen samt kultiviertem Park, das fast mittelalterliche Treiben auf den weitläufigen  Piazze. Alles präsentiert sich hier, als warte es   darauf, abgebildet zu werden.


Mehr noch. Irgendwie scheinen  die  Schauplätze sogar Seelenverwandte von Guido Cozzi zu sein. Oder alte Bekannte, die schon seit Längerem auf eine Aussprache drängen. Das trifft sich gut. Denn seit vielen Jahren ist es eine Obsession des Fotografen, für seine Motive in die Luft zu gehen.


Anfangs waren es lediglich Leitern und Türme, die Signore Cozzi emporkletterte, um  die Welt einmal von  einem anderen Standort in Augenschein zu nehmen. Dann verfiel er auf die Idee, die Landschaften langsam mit Heißluftballons zu überqueren. Für den Bildband „ Belvedere – in volo sulla Toscana“ ging der 56-jährige Landschaftsfotograf darüber hinaus  an Bord von Segelflugzeugen oder klinkte sich furchtlos in  Gleitschirme ein, um seiner gewohnten Arbeit neue Perspektiven abzugewinnen.

Die wahre Wundermaschine aber, die seine Toskana-Impressionen in den Rang der Besonderheit hebt, ist die Drohne. Von jenem geradezu unsichtbaren Fluggerät aus vermag er so atemberaubende Aufnahmen zu schießen, dass man als Betrachter inne hält und, wie man so schön sagt, "ein Aug aufreißt": Sind das nicht die elf Türme von San Gimignano, die weithin sichtbaren Wolkenkratzer des Mittelalters? Und das, ist das nicht die ovale Piazza in Lucca? Si si, ist es, tatsächlich. Großartig auch die Aufnahme der so genannten Balze von Valdarno bei Arezzo. Die bizarren Felsformationen haben es sogar   Leonardo da Vinci angetan. Er war von diesem geologischen Wunder so sehr beeindruckt, dass er die Felsnadeln als Hintergrund seines berühmtesten Bildes wählte. Glauben Sie nicht? Dann googeln Sie  „Mona Lisa“ und schauen einmal nicht, ob die Dame lächelt, sondern betrachten sie die dekorative Landschaft  im Hintergrund  genauer.


 Ja, so hat man das   wirklich  noch nie gesehen. Eine Drohne macht’s möglich. Denn sie lässt sich so sanft über Land und Leute manövrieren, dass Aufnahmen gelingen, von denen Fotografen zuvor nur träumen konnten. Kein Wunder, dass der überschaubare Markt der „Fotobücher von oben“ derzeit mit Drohnenaufnahmen geradezu überschwemmt wird. In Österreich etwa sollen  laut ÖAMTC bis zu  100.000 Drohnen unterwegs sein. Natürlich, nicht alle auf einmal, nicht alle mit Kameras bestückt. Und nicht alle auf einem gemeingefährlichen  Kurs. Aber nicht erst  einmal machten  übermütige Drohnenpiloten Schlagzeilen, weil sie mit ihren Geräten Notarzthubschraubern oder Passagiermaschinen verdächtig nah kamen.

Und auch Guido Cozzi muss man auf die Finger schauen. Denn auch er würde gerne mehr auf die Pauke hauen. Aber der Einsatz einer 20-Kilo-Drohne ist selbst im  Frecce Tricolori-verrückten  Italien verboten. Mit gutem Grund. Wenn ein derartiges Teil  in verbautem Gebiet plötzlich runterfällt, ist ganz schnell Schluss mit lustig.    
Der Verzicht auf das Wunderding macht aber nicht wirklich etwas. Der Mann mit den Adleraugen weiß sich zu helfen. Solange diese Regelung aufrecht bleibt, schnallt er sich eben, wenn es das Motiv verlangt, eine stabile Teleskopstange aufs Dach seines Fiat Panda. Die lässt sich immerhin auf bis bis zu zehn Meter Höhe ausfahren. Das Ergebnis ist, wie man auf den Beispielen dieser Seiten sieht, mit einem Wort, echt abgefahren.