Der Weg in ein zwangloses Leben

Der Weg in ein zwangloses Leben
Rund 200.000 Österreicher sind Gefangene einer psychischen Zwangsstörung: Sie ordnen, sammeln, putzen und kontrollieren im Übermaß. Viele Betroffene versuchen, ihre Qualen zu verheimlichen. Dabei gibt es gute Chancen, das Leiden zu lindern.

Fußballstar David Beckham erzählte bereits vor Jahren von seinem Zwang, Dinge symmetrisch und in Linien anordnen oder Hemden penibel nach Farben sortieren zu müssen. Alle Versuche, das zu stoppen, seien gescheitert. Er könne einfach nicht damit aufhören. Schauspielerin Charlize Theron wiederum kann ihre Gedanken nächtelang nicht von der Kommode lassen, weil sie glaubt, dass dort etwas drin ist, was nicht hineingehört, und Cameron Diaz kämpft nach eigenen Angaben mit einem Waschzwang.

Eines vorweg: Es ist nicht so, dass Menschen, die pingelig und perfektionistisch sind, eine Zwangsstörung haben. Vielmehr geht es um Verhaltensweisen, die von einem Besitz ergreifen, als gäbe es eine unheimliche innere Kraft, die einen dazu treibt.

Theresa, 41, erinnert sich an ihre schlimme Zeit zurück: „Ich war sehr zwangskrank“, sagt sie. „Der Zwang hat mein ganzes Leben bestimmt, mich müde und hilflos gemacht, ich sah keinen Ausweg.“ Und er ist heimtückisch, versuchen Betroffene ihm zu widerstehen, werden sie von Ekel- und Angstgefühlen geplagt.

„Menschen mit Zwangsstörungen erfahren durch ihre Handlungen keinen Lustgewinn“, sagt Ulrike Demal, Verhaltenstherapeutin an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Wien. Vielmehr soll das oftmals streng ritualisierte Verhalten Schuldgefühle und Ängste nehmen, zum Beispiel, wenn aggressive oder obszöne Bilder Besitz von einem ergreifen. Demal: „Es wird solange kontrolliert oder geschrubbt, bis die Schuldgefühle weg sind.“

Egal, ob prominent oder nicht – Menschen, die an psychischen Zwangsstörungen leiden, erleben die Hölle auf Erden. Theresa erinnert sich an die Anfänge, als sie immer wieder die Durchschriften der Quittungen überprüfen musste, die sie tagsüber im Geschäft geschrieben hatte. Nächtelang kam sie nicht zur Ruhe. Hatte sie eh nicht diese plötzlich einschießenden bösen Gedanken drauf geschrieben, die so gar nichts mit ihrer wirklichen Gefühlswelt zu tun hatten? Heute kann sie darüber reflektieren: „Man schämt sich und versucht seinen Zwang zu verbergen. Auch vor den Angehörigen. Und genau das führt in den Teufelskreis.“

In Österreich sind es rund 200.000 Betroffene. Sie wollen dem quälenden, exzessiven und auch ihrer Meinung nach sinnlosen Kontrollieren, Zählen, Sammeln, Waschen oder Putzen widerstehen, schaffen es aber nicht. Weil sie Panik haben, dass ihnen oder anderen dadurch Schreckliches widerfahren könnte. Das nährt den Zwang.

Das Tragische: Sie trauen sich dabei selbst nicht über den Weg. Nicht dem zwanzigsten prüfenden Blick auf den Herd und auch nicht, dass sie niemandem etwas antun.

Das kostet viel Zeit und Energie, bedeutet im schlimmsten Fall den Verlust der Partnerschaft, der Freunde und der Arbeit.

Dass Theresa den Weg aus der Zwangsfalle geschafft hat, ist kein Zufall, kein Glück, sondern harte Arbeit. Und dieses Wissen will sie weitergeben. So hat sie vor elf Jahren gemeinsam mit ihrem Mann die Homepage zwaenge.at aufgebaut, die Betroffenen Mut machen soll.

Ruft man dort beim Sorgentelefon an, meldet sich Ulrike S., ebenfalls eine ehemals Betroffene, die als Co-Therapeutin und Autorin mehrerer Bücher schon vielen Menschen mit Zwangsstörungen helfen konnte. Jetzt gibt sie ehrenamtlich ihre Erfahrungen weiter, weiß, wie und wo Betroffene und ihre Angehörigen Hilfe finden können.

Theresa und Ulrike S. haben bis heute nicht vergessen, wie es war, als sie sich mit ihrem Problem das erste Mal anvertrauten – und sich verstanden fühlten. Es war eine Befreiung.

Der Zwang ist gierig, fordert die ganze Aufmerksamkeit und Kraft. Platz für ein normales Leben gibt es da nicht. „Kommt dann so jemand zum praktischen Arzt und sagt, er sei total erschöpft, kann es passieren, dass ihm ein Burn-out attestiert wird und er nicht die Hilfe bekommt, die er braucht“, sagt Ulrike Demal. Sie beschäftigt sich seit Jahren in ihrer klinischen Tätigkeit mit Verhaltenstherapie bei Zwangsstörungen. „Dabei sind die Chancen gut, den Zwang zu bewältigen.“ Voraussetzung sei die richtige Behandlung. So gibt es positive Erfahrungen mit kognitiver Verhaltenstherapie, oft in Kombination mit Medikamenten. Von alleine verschwinden die Störungen nicht. Dennoch ist es für viele Betroffene schwierig, sich Hilfe zu suchen. Mehr als sieben Jahre dauert es im Schnitt, bis sie den Schritt wagen.

Theresa hat in der Therapie gelernt, dass die Gedanken frei sind, dass sie nicht immer mit den eigenen Wert- und Moralvorstellung übereinstimmen müssen, wenn sie einem plötzlich in den Kopf schießen: „Das hat keine Bedeutung, das ist normal!“ Nur das Erschrecken gibt dem Zwang Futter. Es hält den Gedanken fest.

Die Grenzen sind fließend. Aber es gibt Merkmale für eine Störung: Der exzessiv betriebene Zwang erscheint einem sinn- los, braucht extrem viel Zeit – und doch ist es unmöglich, ihm zu widerstehen. Man spricht auch von der Zweifelkrankheit, weil Betroffene sich in ihrem eigenen Tun nicht über den Weg trauen.

DIE URSACHEN: Völlige Klarheit gibt es nicht. Aber es wird vermutet, dass die Störung durch bestimmte Neurotransmitter verursacht wird. Auch Entwicklungsbedingungen in Kindheit und Jugend können eine Rolle spielen.

DIE KLASSIKER: Beim Kontrollzwang geht es darum, Unglück abzuwenden. Das wiederholte Prüfen soll sicherstellen, dass nichts passiert. Hinter dem Waschzwang steckt die Sorge, sich z.B. mit Bakterien infiziert zu haben. Das kann dazu führen, dass man stundenlang nicht aus der Dusche kommt. Andere Zwänge können Sammeln, Putzen, Zählen und Sortieren sein. Zwangsgedanken haben oft obszöne oder aggressive Inhalte, die nichts mit den wirklichen Wert- und Moralvorstellungen zu tun haben.

DAS HILFT: Die Störung kann behandelt werden. Die Kombination aus kognitiver Verhaltenstherapie und Medikamenten kann den Zwang zügeln. Auch Selbst- hilfegruppen unterstützen. Der erste Schritt, sich anzuvertrauen, ist für Betroffene schwierig, aber auch der richtige Schritt zurück ins Leben.

Tipp: Ulrike S./Hans Reineker „ABC für Zwangserkrankte“, Vandenhoeck/Ruprecht

Sorgentelefon (anonym), Informationen und Therapeuten www.zwaenge.at

Noch mehr Infos www.zwaenge.de

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