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freizeit
04/19/2019

David Lama: "Lawinen haben eine Kraft, die größer ist als man selbst"

Was dachte David Lama über die Kräfte der Natur und die ständige Gefahr? Im Freizeit-Kurier hat er 2014 darüber gesprochen.

von Barbara Reiter

Herr Lama , warum ist es so wichtig, Routen zu klettern, die scheinbar unmöglich zu klettern sind?

Es ist sicher so, dass ich zu leichteren Sachen, die kalkulierbarer erscheinen, öfter Nein sage als zu schwierigen, bei denen ich mit ganzem Herzblut dabei bin. Aber zuerst müsste man sich einmal fragen, was hinter dem Begriff unmöglich eigentlich steckt. Für mich ist das Wort zeitlich begrenzt. Ich komme vom Klettern in der Halle, wo ich meine Fähigkeiten in einem sicheren Umfeld erlernen und meine Technik mehr verfeinern konnte als jemand, der nur im exponierten Umfeld unterwegs ist. Ich sehe mich als Teil einer neuen Bergsteiger-Riege, die Dinge für
möglich hält, an die andere nicht glauben. Es ist doch immer so, dass eine Generation denkt, es wäre alles erreicht – bis die nächste Generation kommt.

Macht sich Ihre Familie denn nicht ständig große Sorgen um Sie?

Es ist normal, dass Eltern Angst um ihre Kinder haben. Ich exponiere mich auch mehr als Gleichaltrige. Aber meine Eltern sind ja mit mir in dieses Abenteuer hineingewachsen. Ich habe in der sicheren Halle angefangen und dann immer extremere Unternehmungen auf mich genommen. Es ging nicht von null auf hundert.

Ihr Vater, ein Bergführer, stammt aus dem Mount-Everest-Gebiet. Hat er Sie zum Klettern gebracht?

Mein Vater hat in der Everest-Gegend als eine Mischung aus Trekking-Guide, Bergführer und Sherpa gearbeitet. Er und meine Mutter (Anm.: eine Innsbruckerin) waren immer in den Bergen unterwegs, Kletterer waren sie aber nie. Dazu bin ich über einen Freund meiner Eltern, den Bergsteiger Peter Habeler, gekommen. Er hat vor vielen Jahren ein Abenteuer-Camp veranstaltet. Ich war viel zu jung dafür, durfte aber trotzdem mit. Dort hat er gesehen, dass ich mich besser am Felsen bewegt habe als andere Kinder. So hat alles angefangen.

Sie scheitern bei Ihren Projekten immer wieder, wie auch in der Nordostwand des Masherbrum 200. Was sind die Gründe dafür?

Scheitern ist ein großer Teil meines Sports.Wir waren die Ersten, die versucht haben, die Wand zu klettern. Es gibt keine Erfahrungswerte. Die Ostwand ist eine Art Kessel, der den ganzen Wind abschirmt. Es wird also sehr warm und der Schnee dadurch immer schwerer. Da kommt man nicht voran. Wir wissen nun, dass die Temperaturen für die Besteigung nicht so hoch sein dürfen, wie wir geglaubt haben. Dazu kommt, dass die Wand dreieinhalb Kilometer hoch ist und man durch unterschiedliche Zonen klettern muss. Unten hat es 15 Grad mehr als oben, was großen Einfluss auf die Schneebeschaffenheit hat. Diese Erkenntnisse werden uns irgendwann helfen.

Was geht einem durch den Kopf, wenn man der Natur so ausgeliefert ist?

Wir saßen von neun Uhr früh bis drei Uhr nachmittags auf einer Flanke unter einem Felsvorsprung und konnten weder vor noch zurück. Links und rechts schossen die Lawinen im Minutentakt an uns vorbei. Das hat schon eine Kraft, die viel größer ist als man selbst. Wir konnten nur warten, bis die Sonne nicht mehr so reinknallt und dann umkehren. Für einen Aufstieg hatten wir zu viel Zeit verloren.

Wie viele Anläufe würden Sie in Kauf nehmen, um Ihr Ziel zu erreichen?

Ich kann die Frage nicht pauschal beantworten. Das sind Projekte, in die viel Leidenschaft und Energie fließen. Ein hoher Energieaufwand bedeutet ein gewisses Leiden, wenn man so will. Das muss einem der Einstieg jedes Mal wert sein.

Will der Mensch Leiden nicht vermeiden?

Will er das? Ich glaube, es entsteht eine andere Wertigkeit, wenn man bereit ist, für etwas Opfer zu bringen. Man lebt intensiver. Vielleicht ist das auch der Grund, warum das Leben in den Bergen intensiver ist. Man geht ein bewusstes Leiden ein.

Und der Lohn für das Leiden ist das Glücksgefühl, wenn man am Gipfel steht?

Grundsätzlich geht es schon um das Ziel. Aber viel wichtiger sind die Erlebnisse auf dem Weg dahin, auch wenn das abgedroschen klingt. Als ich am Gipfel des Cerro Torre stand, war das weder Glücksgefühl pur noch das Paradies. Es ist eher so, als würde man einem Regenbogen hinterherjagen. Irgendwann merkt man, dass der Regenbogen ständig woanders ist. Es wird immer neue Ziele geben. Das ist das Schöne am Bergsteigen.

Und was ist mit der ständigen Gefahr und der Unberechenbarkeit der Natur, die einen Extrembergsteiger begleiten?

Man wird nie sagen können. dass Klettern todsicher ist.  Aber Peter, mein Partner am Masherbrum und am Cerro Torre und ich, sind keine Draufgänger. Wir gehen ein Risiko bewusst ein und das ist der erste Schritt, Risiko zu minimieren. Steinlawinen oder Eisschlag werden nie kalkulierbar sein. Man muss sich fragen: Ist mir das Projekt das wert oder nicht? Da kriegt man immer eine klare Antwort.

Was wünscht man einem Bergsteiger eigentlich? Viel Glück?

Bei unseren Unternehmungen mag ich nicht auf Glück angewiesen sein. Denn das würde bedeuten, dass man unter normalen Umständen eine Tour nicht schafft. Wir gehen aber davon aus, dass eine Tour unter normalen Bedingungen gelingt. Deshalb wünsche ich mir: kein Pech!

DAVID LAMA, 28, Sohn einer Tirolerin und eines Nepalesen, lebt in Götzens und gilt als Ausnahmekletterer. Lama war zwei Mal Jugendweltmeister und nahm bis 2010 an Wettkämpfen teil. Seither gilt seine Aufmerksamkeit verstärkt dem Alpinismus. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er 2012 durch die Erstbesteigung des „Cerro Torre“ in Patagonien ohne Hilfsmittel bekannt. Sein Versuch, als erster Mensch die Nordostwand des 7.821 Meter hohen Masherbrum in Pakistan zu durchklettern, scheiterte im Juli 2014. Zuletzt war Lama mit seinen Kollegen Hansjörg Auer , 35, und Jess Roskelley, 36, in Kanada unterwegs, um den 3.295 Meter hohen Howse Peak im Banff-Nationalpark in den Rocky Mountains über die schwierige Ostseite zu besteigen. Das Trio gilt noch als vermisst. Hoffnung die drei Ausnahme-Bergsteiger lebend zu finden, gibt es aber kaum noch.

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