freizeit
06/13/2015

Das Stendak-Mysterium

Grübelnd ließ ich mich in die Bläue des Sportbeckens sinken.

von Ernst Molden

Dank meiner Lieblingsredakteurin Anni und ihrer unendlichen Genauigkeit bin ich auf eine seltsame Verwerfung in meinem Lebensumfeld draufgekommen. Treue Leser wissen, dass ich ein Verehrer der Skulptur "Das Weib" bin. Diese befindet sich beim Zugang zu den Damenkabinen des Wiener Stadionbades und blickt sich verschämt in die Achselhöhle. Vor ihr steht eine Metalltafel mit der Aufschrift "DAS WEIB, Karl Stendak (1875 – 1954)".

Als ich unlängst an dieser Stelle wieder einmal über den Liebreiz der Plastik berichtete, prüfte die Lieblingsredakteurin meine Schreibweise. Und schon bekam ich eine Nachricht: Es gebe keinen Karl Stendak, schrieb Anni, es habe auch keinen gegeben, bloß einen Karl Stemolak mit genau diesen Lebensdaten. Ihm allerdings werde eine Marmorfigur "Das Weib" zugeschrieben. Arg. Ich recherchierte Karl Stemolak, und sah, dass er mit zahlreichen Skulpturen im öffentlichen Raum vertreten ist, etwa mit der Plastik "Der Gerechte" vor dem Justizpalast, mit "Sechs Steingestalten" im Amalienbad und, quasi als sommerliche Entsprechung, mit dem "Weib" im Stadionbad. Anderntags, vor dem nächsten Schwumm, überprüfte ich die Tafel vor dem marmornen Weib: Ja, da steht Stendak, gar kein Zweifel. Grübelnd ließ ich mich in die Bläue des Sportbeckens sinken. Wieso wurde der greise Karl Stemolak im Stadionbad noch einmal zu jemand andrem? Hatte er schlampig oder zittrig signiert, ein verhunztes M, das auch als N zu lesen war, und dann das O und das L so nah beieinander, dass ein D daraus wurde? Oder wollte er selbst im Stadionbad ein anderer sein, hatte er irgendwo eine Badebekanntschaft, vielleicht gar das Vorbild des "Weibes", vor der er sich als Stendak ausgab? Oder hatte er sich überhaupt, am Ende von Leben und künstlerischem Weg, noch einmal neu erfunden? Schluss jetzt mit Stemolak, einmal noch ein Stendak sein! Sei’s drum, dachte ich, die letzte Länge durch das Blau ziehend, er war Künstler, und der Künstler ist der Chef. Vielleicht werde ich die ganze Wahrheit bald erfahren, vielleicht später, vielleicht nie.

Im Stadionbad muss der Mensch viele, viele Längen schwimmen und dann stellen sich Antworten ein oder auch nicht.