© Alexandra Klobouk

freizeit
06/02/2019

Christian Seilers Gehen: Lieber Strache Villa oder Terramare Schlössl

Schutzhaus am Heuberg – Schrammelgasse – Heuberggasse – Dornbacher Straße – Herkner: 3200 Schritte

Ich gehe. Wie käme ich auch sonst vom Schutzhaus Heuberg, wo ich gerade einen Wiener Imbiss im indischen Curryduft genommen habe, wieder hinunter ins Tal? Die Schrammelgasse. Versprengte Einfamilienhäuser. Der Kleingartenverein Heuberg, an dessen schwarzem Brett ich erfahre, dass die „vorgeschriebene Mittagsruhe in der Zeit von 12:30 bis 14:30“ zu respektieren sei und die Frage, ob man am Wochenende Rasen mähen darf, mit einem klaren NEIN zu beantworten ist.
Von der Terrasse der Buschenschank Stippert ist der Blick über die Stadt besonders prächtig. Während der Heuberg schon im Schatten liegt, glüht die Stadt im roten Licht der Nachmittagssonne. Die Heuberggasse, auf der ich weitergehe, gibt sich hier oben bescheiden wie ein Waldweg. Ein Herr mit Hund kommt mir entgegen, wir grüßen einander freundlich, weil man sich in den Bergen bekanntlich grüßt. Natürlich haben auch hier, wo etwas aus der Zeit gefallene Villen aus den Siebzigerjahren stehen, Gartenhäuser, Hinterlassenschaften einst vielleicht prächtiger Wohnsitze, die Baumeister des neuen Wien ihre Spuren hinterlassen. Im konkreten Fall nennt sich der Baumeister Harry the Builder, und sein Haus, dessen Wohnungen samt raumfüllenden Fensterfronten zum Verkauf stehen, heißen hayhills, aber hallo.
Aber nur ein paar hundert Meter stadteinwärts werde ich von der plötzlichen Pracht eines Bauwerks regelrecht übertölpelt. Ich muss meinen von einem gewissen Stalldrang befeuerten Schritt zügeln und vor Hausnummer 9 stehenbleiben, der sogenannten Strache-Villa aus dem 19. Jahrhundert, die nichts mit dem FPÖ-Politiker zu tun hat und heute von einer Unternehmensberatung genutzt wird. Spitze Giebel, vergitterte Fenster, ein Türmchen, reichlich Umschwung – endlich ein Gebäude, das den Begriff Villenviertel rechtfertigt.
Aber wie plump wirkt die Strache-Villa gegen das Schlösschen, das ich jetzt auf der anderen Straßenseite erblicke: das Terramare-Schlössl, ein feingliedriger klassizistischer Bau voller Feinheit und Finesse, freilich in einem bedauernswerten Zustand, wie auch der parkähnliche Garten, der nur zurückhaltend umzäunt ist. Was wäre hier auch zu holen außer einer Überdosis Nostalgie?
Ein Schild klärt mich auf, dass hier „der berühmte Dichter und Regisseur Georg Terramare“ sein Domizil aufgeschlagen hatte. Wer? Erst das Lexikon klärt mich auf, dass Georg Eisler von Terramare (1889 – 1948) für seine katholisch geprägten Mysterienspiele bekannt sei – mich haben sie nicht erreicht. Aber seine Hinterlassenschaft – dieses noble Haus von sprühender Heiterkeit – berührt mich. Die kroatische Botschaft war hier untergebracht, bis sie vor ein paar Jahren in die Innenstadt zog, und das Schlössl ist noch heute extraterritoriales Gebiet und verfällt auf höchst pittoreske Weise.
Es gehört besucht. Die Adresse lautet Heuberggasse 10. Und gleich um die Ecke, bei Pichlmaiers zum Herkner, kann man prächtig essen und darauf anstoßen, dass bald jemand auf die Idee kommt, dieses großartige Stück Wien unter Denkmalschutz zu stellen.

christian.seiler@kurier.at

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