freizeit
14.04.2018

Bestsellerautor Steinfest: "Das Leben ist unglaublich zerbrechlich"

© Bild: Burkhard Riegels Piper

Heinrich Steinfest, preisgekrönter Autor, hat ein neues Buch geschrieben. Ein Gespräch über Schreiben, Scheitern und Verlust.

Herr Steinfest, Ihre Romane strotzen vor außergewöhnlichen Blickwinkeln, Gedankenbildern und Assoziationen. Meine Freundin liebt Ihre Romane auch und hat mich um Folgendes gebeten:  „Bitte frag’ ihn, was er sich einwirft, wenn er seine Bücher schreibt.“

Die Frage kommt immer wieder. Gar nichts, ich bin schon verrückt genug! Wahrscheinlich kann ich Drogen in meinem Körper selbst erzeugen und brauche mir nichts zuzuführen.

Interessant ist,  dass Sie sich Sprache so anders annähern. In „Der Allesforscher“  etwa beschreiben Sie einen Kuss mit den Worten: „Und er gab ihr seine Antwort auf die Lippen.“

Das weiß ich gar nicht mehr. Aber mein Bemühen geht in die Richtung, Dinge  so zu beschreiben, wie das noch niemand getan hat. Ich überlege mir, wie man auf einen banalen Kuss einen neuen Blick gewinnen kann. Darin sehe ich auch  meine eigentliche Arbeit. Die Geschichten schreiben sich ein Stück weit von selbst. Ich weiß zwar nicht, woher sie kommen, aber  sie sind da. Daher geht mir nie der Stoff aus.

Wie viel von schon älteren Romanen bleibt Ihnen präsent?

Ich bringe tatsächlich von alten Büchern total viel durcheinander.  Ich schreibe  viel und muss mich  auch sehr konzentrieren, dass ich jetzt bei der „Büglerin“ bin. Ich arbeite ja längst am nächsten Roman, besser gesagt, ist er eigentlich fast fertig.  Im Grunde kommt es mir aber so vor, als würde ich an einem großen Buch schreiben, dass sich in viele kleine  aufspaltet.

In Ihrem neuen Buch „Die Büglerin“ spielt Hausarbeit eine Rolle. Da habe ich mich gefragt, warum ein Mann dem Bügeln so viel Platz einräumt?

Ich hatte in meinem Leben in meinen Brotberufen viel mit haushälterischen Tätigkeiten zu tun. Ich habe Hauspflege, Tierpflege und Kinderpflege gemacht. Aber meine größte Leidenschaft ist überhaupt das Putzen. Da bin ich  fanatisch.

Das ist ein Scherz, oder?  

Das ist kein Scherz. Ich habe leider eine gewisse Grundnervosität, der ich die Ordnung von Räumen zum Ausgleich entgegensetze. Man könnte Zwangsneurotiker sagen, aber von einem Ordnungsbedürfnis zu sprechen, klingt ein bisschen netter. Ich habe schon genügend Chaos in meinem Schädel und brauche sozusagen die äußere Ordnung. Ich verbinde damit aber nicht etwa  Anständigkeit oder Moral, sondern etwas Beruhigendes.  

Chaos am Schreibtisch ist also ein Tabu?  

Ich habe einen großen Schreibtisch, der am Abend niemals verlassen wird, ohne leergeräumt zu sein. Natürlich liegen dort im Laufe des Tages Bücher und Notizen, aber auch immer in geordneter Form. Am Abend wird alles auf die Seite geräumt, damit ich am Morgen wieder zu einem leeren Tisch zurückkehren kann. Es ist ein tiefes Bedürfnis nach Ordnung, die mit einer Arbeitsdisziplin einhergeht, die mir große Freude bereitet.

Mehr als 20 Bücher in 20 Jahren sprechen dafür. Ist ein Buch pro Jahr nicht ein  irres Pensum?

Das geht nur, wenn man ständig arbeitet und einen Rhythmus hat. Ich kann nicht darauf warten, dass mich die Muse küsst.

Man stellt sich vor, der Schriftsteller schläft lange, macht sich um elf Kaffee und denkt dann mal nach.

Nein, kein Laisser-faire. Ich beginne in der Früh, mache eine Mittagspause, arbeite am Nachmittag weiter und habe am Abend mein Tagwerk vollbracht. Ich finde das angenehm, es hat etwas von Verlässlichkeit und  ist eine durchaus lustvolle Arbeitsdisziplin.  Das hängt auch mit meinen Geschichten zusammen, die in einer  Art Parallelwelt stattfinden, in die ich mich jedes Mal mit Schreibbeginn begebe. Ich bin ein Chronist dieser Welt, die ja nicht stillsteht. Ich begleite die Figuren immer weiter, wodurch bei mir weniger eine Schreibhemmung als ein Schreibzwang entsteht. Ich muss mir auch manchmal vergegenwärtigen, dass ich einen nicht geringen Teil meines Lebens eigentlich in einer anderen Welt verbringe.

Diese Welt muss man einmal erschaffen. Wie haben Sie „Die Büglerin“  begonnen? War Ihnen anfangs schon klar, dass eine Frau nach einem Vorfall ihr altes Leben hinter sich lässt, um sich zu bestrafen?   

Ich habe den Roman begonnen, wie Kinder oft eine Fantasiereise beginnen. Ich  bin  blind mit dem Finger über eine Landkarte gefahren und irgendwo im Meer gelandet – was kein Zufall ist, bei einem Planeten, der zu zwei Dritteln aus Wasser besteht. Damit war der Anfang gegeben: eine Geburt auf einem Boot. Dann wächst die Geschichte. Aber es war mir schon klar, dass es um Selbstbestrafung und vor allem Verlust gehen wird.  

Sie stellen dabei die These auf, dass sich  ein Mensch opfern kann, um einen anderen Menschen vor dem Tod zu bewahren. Wie kamen Sie darauf? 

Das weiß ich auch nicht immer. Ich verfolge beim Schreiben einen Automatismus, habe keinen Plot, sondern lasse die Gedanken der Figuren  oder des Erzählers einfach zu. Ich könnte mir vorstellen, dass ich nicht der Erste bin, der auf so etwas kommt. Das hat natürlich etwas Symbolhaftes. Es geht um das Bedürfnis, andere  schützen zu wollen. Mich hat immer bewegt, wenn die Eltern von sterbenden Kindern artikuliert haben, anstelle der Kinder sterben zu wollen. „Warum nimmt der Tod nicht mich? “ Ich glaube, die meisten Eltern wären schnell bereit, sich zu opfern.  

Ihr Bruder ist mit 23 Jahren beim Bergsteigen tödlich verunglückt. Ist der Verlust in Ihren Büchern deshalb so präsent?  

„Der Allesforscher“ hat sich stark darauf bezogen, obwohl es kein  autobiografischer Roman ist. Aber die Geschichte darin spiegelt den Verlust wieder. Es hat 30 Jahre gedauert, dass ich so direkt darüber schreiben konnte.  Aber dass uns der Verlust  beschäftigt, ist ja nicht ungewöhnlich.

Es ist aber doch ein Unterschied, wenn man so unmittelbar von Verlust betroffen ist, wie Sie es waren.

Das war natürlich ein traumatisches Erlebnis, wie das immer ist, wenn ein junger Mensch stirbt. Wenn man selbst Kinder hat, verstärkt sich diese Angst noch einmal. Man kann das auch nicht abschalten, aber kann vernünftig reagieren. Zur Vernunft gehört eben auch, diese Angst nicht allzu mächtig werden zu lassen und vor allem die Kinder damit nicht zu bedrängen. Mein Sohn ist 16 und ich musste auch loslassen. Aber in diesem Spannungsfeld zwischen vernünftigem Reagieren und Angstvorstellungen bewegen sich meine Geschichten. Ich meine, das Leben ist unglaublich zerbrechlich und das macht mich auch ein bisschen  wütend auf das Leben.

Mir geht es besser, seit ich mir den Gedanken angeeignet habe, dass alles im Leben Schicksal und vorherbestimmt ist – auch, der Tod.

In einer meiner Geschichten würde ich das so beschreiben: Jemand steigt  vor lauter Angst nicht in ein Flugzeug, entscheidet sich stattdessen für die Bahn und verunglückt dabei. Im Schicksal und in dieser Zwangsläufigkeit von Entwicklungen steckt manchmal eine Ironie. Aber ich habe auch den Eindruck, dass wir uns auf einen bestimmten Punkt präzise zu bewegen.

Es gibt einen Cartoon, in dem Woodstock und Snoopy auf einem Steg sitzen und Woodstock sagt: „Eines Tages werden wir alle sterben.“ Snoopy antwortet: „Aber an allen anderen Tagen leben wir.“ Reden wir lieber vom Leben.  Wie kam es, dass Sie in Australien geboren sind?

Es klingt dramatisch: Geboren in Australien, aufgewachsen in Wien, lebt in Stuttgart. Aber ich betone immer, dass ich eher ein Nesthocker  bin und nicht wahnsinnig gerne herumfahre. Ich bin gerne zuhause, wo halt gerade zuhause ist. Zu Australien habe ich nicht wirklich einen Bezug.  Meine Eltern waren Auswanderer, sind Ende der 50er-Jahre nach Australien gegangen, aber nach ein paar Jahren zurückgekehrt.

Mittlerweile leben Sie in Deutschland und sind passionierter Läufer. Ist das auch so ein Zwang?  

Ich brauche zumindest jeden Tag Bewegung, was für mich schon alleine aus psychischen Gründen wichtig ist. Ich sage aber auch immer, dass mir beim Laufen oft der Knoten aufgeht. Wenn ich beim Schreiben an einer Stelle zu wenig Klarheit habe, hilft mir wahrscheinlich eine gewisse Atemlosigkeit, Dinge zu lösen.

Sie tragen zum Anzug ein Lauf-Shirt wie Ihre aktuelle Roman-Figur Karl Dyballa.  

Es fließen immer autobiografische Aspekte in meine Bücher ein, aber die Figuren haben auch Leidenschaften, Obsessionen und Berufe, mit denen ich überhaupt nichts am Hut habe. Das Schöne am Schreiben ist ja, dass man verschiedene  Charaktere durchspielen kann.  

Wie geht es eigentlich Ihrem einarmigen Detektiv Cheng, mit dem Ihnen 1999 der Durchbruch als Schriftsteller gelungen ist, und den Sie nach seinem letzten Fall 2010 in Pension geschickt haben?

Ich habe damals gesagt, das vierte Buch ist das letzte. Ich arbeite gerade am fünften  – und das ist jetzt eben das allerletzte. Es war wirklich so, dass mir sehr viele Leser gesagt haben, sie würden gerne wieder einen Cheng lesen. Daneben schreibe ich aber noch an einer Gebrauchsanweisung für das Scheitern.

Oh, warum das denn?

Es gibt die Buch-Reihe „Gebrauchsanweisung für ...“ und da wollte ich eigentlich eine „Gebrauchsanweisung für das Leben nach dem Tod“ schreiben. Aber ein anderer Autor hatte den Vertrag dafür schon in der Tasche.  So wurde es  das Scheitern.

Haben Sie denn das Gefühl, Sie wären schon einmal richtig gescheitert?

Für mich ist das Scheitern ein sehr starkes Gefühl, gerade beim Schreiben. Das ändert aber nichts daran, dass ich weitermache. Ich habe das Gefühl, dass aus dem Scheitern manchmal eine Trotzhaltung entsteht, erst recht weiterzumachen. Es gibt ja diesen wunderbaren Satz von Beckett: „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“

Wo ist das Scheitern, wenn ein Schriftsteller mit all seinen Büchern Erfolg bei den Lesern hat?  

Das ist so eine Grundhaltung, wie man auch oft ein Gefühl des Versagens hat und es manchmal nicht konkret fassen kann. Jeder empfindet das Scheitern ja anders. Es gibt auch Leute, die Zweiter werden und weinend nach Hause fahren, weil es nur Silber geworden ist.

Sie waren schon auf der Shortlist des deutschen Buchpreises. Erfolg oder Scheitern?  

Ja, da kann man sich auch fragen: Ist es eine Niederlage, dass ich den Preis nicht bekommen habe oder ein Triumph, überhaupt auf der Liste zu sein? Letztlich ist es wahrscheinlich beides. Die Frage ist, was man selbst als stärker empfindet und wie man damit umgeht.  Ich werde in meinem Buch aber sicher nicht dazu aufrufen, sich  umzubringen, wenn man versagt. Ich werde versuchen, den Humor, der in allen Dingen steckt, herauszuarbeiten.

Sie sind vor einigen Tagen 57 Jahre alt geworden. Was ist das  Wichtigste, das Sie bisher vom Leben gelernt haben?

Das wäre ja die Weltformel, wenn man das so genau sagen könnte. Gleichzeitig fallen mir so viele Sachen ein, die wieder ein bisschen kitschig sind. Ich denke, es ist die Freude am Weitermachen. Ich bin durchaus, wenn ich das so offen sagen darf, eher schwermütig, um nicht zu sagen  depressiv. Aber da gibt es auch diese starke Freude, die ich aus dem Weitermachen beziehe. Das ist der pure Widerspruch, aber aus diesem Zustand der Verzweiflung nicht paralysiert zu sein, sondern die Verzweiflung fast wie eine Kraft zu nutzen, aus der heraus man wieder einen Schritt macht, empfinde ich als freudvoll. Das führt aber natürlich zwangsläufig  in die nächste Verzweiflung.

Ab einem gewissen Alter wird einem klar, dass das Leben eben so läuft. Auf und Ab, Auf und Ab, Auf und ...

Ja, so ist es. Deshalb habe ich auch gemeint, man muss weitermachen – in dem Sinne, in Bewegung zu bleiben.

© Bild: Kurier/Juerg Christandl

Ihr Bruder ist mit 23 Jahren beim Bergsteigen tödlich verunglückt. Ist der Verlust in Ihren Büchern deshalb so präsent?  

„Der Allesforscher“ hat sich stark darauf bezogen, obwohl es kein  autobiografischer Roman ist. Aber die Geschichte darin spiegelt den Verlust wieder. Es hat 30 Jahre gedauert, dass ich so direkt darüber schreiben konnte.  Aber dass uns der Verlust  beschäftigt, ist ja nicht ungewöhnlich.

Es ist aber doch ein Unterschied, wenn man so unmittelbar von Verlust betroffen ist, wie Sie es waren.

Das war natürlich ein traumatisches Erlebnis, wie das immer ist, wenn ein junger Mensch stirbt. Wenn man selbst Kinder hat, verstärkt sich diese Angst noch einmal. Man kann das auch nicht abschalten, aber kann vernünftig reagieren. Zur Vernunft gehört eben auch, diese Angst nicht allzu mächtig werden zu lassen und vor allem die Kinder damit nicht zu bedrängen. Mein Sohn ist 16 und ich musste auch loslassen. Aber in diesem Spannungsfeld zwischen vernünftigem Reagieren und Angstvorstellungen bewegen sich meine Geschichten. Ich meine, das Leben ist unglaublich zerbrechlich und das macht mich auch ein bisschen  wütend auf das Leben.

Mir geht es besser, seit ich mir den Gedanken angeeignet habe, dass alles im Leben Schicksal und vorherbestimmt ist – auch, der Tod.

In einer meiner Geschichten würde ich das so beschreiben: Jemand steigt  vor lauter Angst nicht in ein Flugzeug, entscheidet sich stattdessen für die Bahn und verunglückt dabei. Im Schicksal und in dieser Zwangsläufigkeit von Entwicklungen steckt manchmal eine Ironie. Aber ich habe auch den Eindruck, dass wir uns auf einen bestimmten Punkt präzise zu bewegen.

Es gibt einen Cartoon, in dem Woodstock und Snoopy auf einem Steg sitzen und Woodstock sagt: „Eines Tages werden wir alle sterben.“ Snoopy antwortet: „Aber an allen anderen Tagen leben wir.“ Reden wir lieber vom Leben.  Wie kam es, dass Sie in Australien geboren sind?

Es klingt dramatisch: Geboren in Australien, aufgewachsen in Wien, lebt in Stuttgart. Aber ich betone immer, dass ich eher ein Nesthocker  bin und nicht wahnsinnig gerne herumfahre. Ich bin gerne zuhause, wo halt gerade zuhause ist. Zu Australien habe ich nicht wirklich einen Bezug.  Meine Eltern waren Auswanderer, sind Ende der 50er-Jahre nach Australien gegangen, aber nach ein paar Jahren zurückgekehrt.

Mittlerweile leben Sie in Deutschland und sind passionierter Läufer. Ist das auch so ein Zwang?  

Ich brauche zumindest jeden Tag Bewegung, was für mich schon alleine aus psychischen Gründen wichtig ist. Ich sage aber auch immer, dass mir beim Laufen oft der Knoten aufgeht. Wenn ich beim Schreiben an einer Stelle zu wenig Klarheit habe, hilft mir wahrscheinlich eine gewisse Atemlosigkeit, Dinge zu lösen.

Sie tragen zum Anzug ein Lauf-Shirt wie Ihre aktuelle Roman-Figur Karl Dyballa.  

Es fließen immer autobiografische Aspekte in meine Bücher ein, aber die Figuren haben auch Leidenschaften, Obsessionen und Berufe, mit denen ich überhaupt nichts am Hut habe. Das Schöne am Schreiben ist ja, dass man verschiedene  Charaktere durchspielen kann.  

Wie geht es eigentlich Ihrem einarmigen Detektiv Cheng, mit dem Ihnen 1999 der Durchbruch als Schriftsteller gelungen ist, und den Sie nach seinem letzten Fall 2010 in Pension geschickt haben?

Ich habe damals gesagt, das vierte Buch ist das letzte. Ich arbeite gerade am fünften  – und das ist jetzt eben das allerletzte. Es war wirklich so, dass mir sehr viele Leser gesagt haben, sie würden gerne wieder einen Cheng lesen. Daneben schreibe ich aber noch an einer Gebrauchsanweisung für das Scheitern.

Oh, warum das denn?

Es gibt die Buch-Reihe „Gebrauchsanweisung für ...“ und da wollte ich eigentlich eine „Gebrauchsanweisung für das Leben nach dem Tod“ schreiben. Aber ein anderer Autor hatte den Vertrag dafür schon in der Tasche.  So wurde es  das Scheitern.

Haben Sie denn das Gefühl, Sie wären schon einmal richtig gescheitert?

Für mich ist das Scheitern ein sehr starkes Gefühl, gerade beim Schreiben. Das ändert aber nichts daran, dass ich weitermache. Ich habe das Gefühl, dass aus dem Scheitern manchmal eine Trotzhaltung entsteht, erst recht weiterzumachen. Es gibt ja diesen wunderbaren Satz von Beckett: „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“

Wo ist das Scheitern, wenn ein Schriftsteller mit all seinen Büchern Erfolg bei den Lesern hat?  

Das ist so eine Grundhaltung, wie man auch oft ein Gefühl des Versagens hat und es manchmal nicht konkret fassen kann. Jeder empfindet das Scheitern ja anders. Es gibt auch Leute, die Zweiter werden und weinend nach Hause fahren, weil es nur Silber geworden ist.

Sie waren schon auf der Shortlist des deutschen Buchpreises. Erfolg oder Scheitern?  

Ja, da kann man sich auch fragen: Ist es eine Niederlage, dass ich den Preis nicht bekommen habe oder ein Triumph, überhaupt auf der Liste zu sein? Letztlich ist es wahrscheinlich beides. Die Frage ist, was man selbst als stärker empfindet und wie man damit umgeht.  Ich werde in meinem Buch aber sicher nicht dazu aufrufen, sich  umzubringen, wenn man versagt. Ich werde versuchen, den Humor, der in allen Dingen steckt, herauszuarbeiten.

Sie sind vor einigen Tagen 57 Jahre alt geworden. Was ist das  Wichtigste, das Sie bisher vom Leben gelernt haben?

Das wäre ja die Weltformel, wenn man das so genau sagen könnte. Gleichzeitig fallen mir so viele Sachen ein, die wieder ein bisschen kitschig sind. Ich denke, es ist die Freude am Weitermachen. Ich bin durchaus, wenn ich das so offen sagen darf, eher schwermütig, um nicht zu sagen  depressiv. Aber da gibt es auch diese starke Freude, die ich aus dem Weitermachen beziehe. Das ist der pure Widerspruch, aber aus diesem Zustand der Verzweiflung nicht paralysiert zu sein, sondern die Verzweiflung fast wie eine Kraft zu nutzen, aus der heraus man wieder einen Schritt macht, empfinde ich als freudvoll. Das führt aber natürlich zwangsläufig  in die nächste Verzweiflung.

Ab einem gewissen Alter wird einem klar, dass das Leben eben so läuft. Auf und Ab, Auf und Ab, Auf und ...

Ja, so ist es. Deshalb habe ich auch gemeint, man muss weitermachen – in dem Sinne, in Bewegung zu bleiben.

Die Büglerin, erschienen bei Piper um 20, 60 Euro © Bild: Piper

Heinrich Steinfest, 57, wurde 1961 in Australien geboren. Seine Eltern  waren Auswanderer, kehrten aber wieder nach Österreich zurück.  Steinfest wuchs in Wien  auf und brach kurz vor der Matura die Schule ab, um „brotloser Künstler“ zu  werden.  Mitte der 1990er-Jahre übersiedelte er nach Stuttgart, wo er seither als Schriftsteller arbeitet. Dort erfand er auch den einarmigen Detektiv Cheng, mit dem er im deutschsprachigen Raum 1999 seinen Durchbruch feierte. Steinfest wurde mehrfach ausgezeichnet: vom Deutschen Krimi Preis bis zum Bayrischen Buchpreis - zweimal war er auch  für den Deutschen Buchpreis nominiert und kam 2014 mit „Der Allesforscher“ auf die Shortlist. Das Buch ist seinem Bruder Michael gewidmet, der mit 23 Jahren beim Bersteigen verunglückt ist. Steinfest ist verheiratet und hat einen 16-jährigen Sohn.