freizeit
09.08.2018

Bestseller-Autor Strelecky: "Du kriegst im Leben immer wieder Zeichen"

John Strelecky, 48, hat mit „Das Café am Rande der Welt“ Millionen Leser begeistert. Ein Gespräch über Leidenschaft und die Kunst, einen Bestseller zu schreiben.

Nobel, nobel, denke ich, als mich Bestseller-Autor John Strelecky in der Prince of Wales Suite im  Hotel Bristol in Wien erwartet.  Luxus, wohin das Auge reicht – auf plüschigen 230 Quadratmetern. Irgendwie passt das nicht zum Mann im schlichten Outfit mit dem Safari-Hut  am Kopf. Später stellt sich heraus, dass Strelecky, der 2002 mit seinem ersten Buch „Das Café am Rande der Welt“ die Bestseller-Listen stürmte, nur für das Interview ins noble Bristol gekommen ist. Er selbst wohnt im Motel One, „weil das  wundervoll ist. Es gibt ein Bett, eine Dusche, mehr  brauche ich nicht.“  Das passt zu dem Mann, der seit Jahren den Sinn des Lebens zwischen zwei Buchdeckel packt. Millionen Leser hat er inspiriert, doch was weiß er wirklich – über das Leben, das Glück und die Zufriedenheit?    

Herr Strelecky, Ihre Bücher dienen als Inspirations-Quellen für ein besseres Leben. Als Leser hat man das Gefühl, Sie wissen mehr darüber als andere. Ist das so?

Ich bin der Erste, der zugibt, weit entfernt von perfekt zu sein und demütig ist, wenn mir jemand eine Frage stellt oder meine Meinung hören will. Ich bin auch nur ein Mensch auf diesem Planeten, aber  ich helfe und teile gerne, was ich gelernt habe.  Jeder von uns hat seine eigenen Lebenserfahrungen  und Herausforderungen. Das Universum hat uns beide heute zusammengeführt, damit wir aneinander wachsen können.   

Brauche ich dazu auch einen Safarihut?   

Ich  gehe nicht auf Safari, für mich ist das ein Abenteuerhut, weil das Leben voller Abenteuer ist. Ich trage  ihn  immer, auch wenn ich zuhause bin und nehme ihn nur ab, wenn ich schlafe.

Er ist also eine Art Erkennungsmerkmal wie zum Beispiel die Brillen von Elton John oder die Frisur von Mireille Mathieu?

Am Anfang habe ich gar nicht an so etwas gedacht, auch wenn mein Hut mittlerweile ein bisschen ein Markenzeichen geworden ist. Unlängst wurde ich am Flughafen von jemandem abgeholt und mit den Worten begrüßt:  „Ah, ich habe Sie am Hut erkannt.“ Aber eigentlich trage ich ihn nur, weil ich ihn mag.

Sie waren Unternehmensberater, haben  aber nach  einer Auszeit Ihr erstes Buch  „Das Café am Rande der Welt“ geschrieben. Wann wurde Ihnen klar, dass es ein großer Wurf ist?   

Nachdem die erste Person das Manuskript gelesen hat.  Wollen Sie wirklich die ganze Geschichte hören?

Dazu bin ich gekommen.

Okay. Als ich  nach meiner neunmonatigen Auszeit wieder zuhause war, hatte ich die Eingebung für ein Buch und habe 21 Tage durchgeschrieben. Meine Frau hat mich damals gefragt: „Was machst du da?“ Und ich konnte nur sagen: Ich weiß es nicht. Aber wenn nur ein Mensch dadurch sein Leben verändern kann, ist es das wert! Du kriegst im Leben immer wieder Zeichen. Man weiß nicht,  woher und warum, aber es lohnt sich, hinzuschauen.  

Was war Ihr Zeichen?

Als ich als Backpacker in China in einem Zug unterwegs war, wurden eines Abends gegen zehn ohne Vorwarnung alle  Lichter ausgeschaltet. Gerade hatte ich noch ein Buch gelesen, plötzlich war alles dunkel und nur das Klack-Klack der Schienen zu hören. In der Dunkelheit ist ein Film in meinem Kopf abgelaufen. Es waren vor allem Bilder von Dingen, die in meinem Leben schief gegangen sind.

Konnten Sie den Film abstellen?

Ja, weil mir damals etwas in den Sinn gekommen ist, was mir im Alter von   fünf Jahren passiert ist. Mir wurde schlagartig klar, dass dieses Erlebnis der Ursprung meiner Angst vor Erfolg und Scheitern war. Erst als  32-jähriger Erwachsener  konnte ich die Falschinterpretation von mir als   fünfjährigem Kind erkennen. Von da an war meine  Angst weg. Nicht nur vor  dieser Erfahrung, vor allem.

Diesen Erlebnissen liegt  „Das Café am Rande der Welt“ zugrunde. Sie wollten erzählen, wie daraus ein Bestseller wurde.

Ich wollte, dass möglichst viele Menschen davon erfahren. So kam ich auf die Idee mit dem Interview in einem Magazin.

Großartige Idee.

Das fand die Chefredakteurin des Magazins, die ich damals angerufen habe, anfangs nicht. Als ich mich als John Strelecky vorgestellt habe, meinte sie nur: „Wer bitte?“  Sie war an meinem Buch nicht interessiert, auch wenn  sie mich gebeten hat, ihr mein Manuskript zu schicken.  

Wie konnten Sie sich da so sicher sein?

Ich habe sie eine Woche später angerufen, um zu fragen, wie es ihr gefallen hat. Sie konnte sich aber nicht mehr an mich erinnern. Drei Tage später hat sie sich aber noch einmal gemeldet und wollte mich treffen. Obwohl wir uns noch nie zuvor begegnet waren, sagte sie mir  dann: „Ihr Buch hat mein Leben verändert.“

 

Veränderung ist eines der großen Themen Ihrer Bücher. Finden Sie nicht, dass das eine der schwierigsten Übungen ist? Das dauert oft Jahre.  

Manchmal hat man aber auch sogenannte Aha-Momente. Dinge, die flashen und das Potenzial haben, ein Leben zu verändern.  

Haben Sie ein Beispiel für einen persönlichen Aha-Moment?

Während einer Autofahrt hatte ich meine damals zweijährige  Tochter auf dem Rücksitz. Plötzlich wurden wir von einem anderen Auto geschnitten und hätten beinahe einen Unfall gehabt. Ich war so wütend und dachte nur: Was hätte nicht alles passieren können? Aus irgendeinem Grund  habe ich mir dann überlegt, warum ich so wütend bin? Da wurde mir klar, dass  Wut die Manifestation von Angst ist.

Was fängt man mit der Erkenntnis an?

Man macht sich bewusst, wovor man Angst hat. Ich hatte Angst um meine Tochter Sophia und dachte nur: Wie kann der Fahrer so rücksichtslos sein? Aber  mit der Zeit habe ich erkannt, dass der Fahrer ja nicht wissen konnte, wer im Auto sitzt. Er ist nur gefahren wie ein Idiot und dieser Moment war  längst vorbei. Das alles war vor neun Jahren. Wenn ich heute Angst in  mir spüre, frage ich mich: Wovor?  Das hat sehr viel Kraft.

Ist das ein Patent-Rezept gegen Angst?  

Manchmal wird mir die Angst dadurch so bewusst, dass ich sie gehen lassen kann, manchmal ändert sich nichts. Wenn ich dann noch immer aufgebracht bin, sage ich mir: John, Wut  ist die Manifestation von Angst. Du weißt, wovor du Angst hast, warum hältst du daran fest? Es dauert dann, ehe ich etwas gehen lassen kann.

Was dann?

Ich habe mich einmal über ein Gespräch geärgert, das vor 20 Jahren stattgefunden hat. Es ist damals schlecht gelaufen und ich habe überlegt, was ich besser gesagt hätte – bis mir bewusst wurde, wie dumm diese Gedanken sind. Egal, wie sehr ich das Gespräch im Kopf perfektioniere, ich werde es nie mehr führen können. Da ist mir die Idee eines Mantras gekommen. Wenn ich geistig bei Dingen bin, die längst gelaufen sind, rufe ich mein Mantra ab.

Das ist also Ihre Form der Meditation?

Es ist so etwas geworden und ich praktiziere das immer und überall. Morgens, bevor ich aufstehe, abends, bevor ich schlafen gehe und sogar, wenn ich irgendwo  warten muss. Wenn meine Gedanken vom Mantra abschweifen, versuche ich, dahin zurückzukehren. Ich weiß nicht, warum, aber es funktioniert!

Ist der Druck nicht groß, wenn man auf die großen Fragen der Menschen à la „Wie soll ich leben, um glücklicher zu sein?“, eine Antwort haben muss?

Ich war früher selbst sehr unsicher und brauche mich nur an den Tag zu erinnern, als ich zu meinem ersten Vortrag eingeladen wurde. Ich dachte nur: Wer  bin ich, dass ich auf einer Bühne stehen und sprechen kann? Ich bin kein Redner und ich weiß nicht, wie das geht. Aber die Frage lautet nicht: „Wer bin ich?“, sondern: „Wer bin ich nicht?“ Jeder Mensch hat der Welt etwas zu geben, worin er wirklich gut ist.

Wie kann jeder seinen Wert erkennen?

Ich habe einmal etwas sehr Wichtiges von einem Langstreckenschwimmer gelernt. Seine Name ist mir entfallen, aber er hat viele Flüsse in Europa durchschwommen, aber auch den Mississippi und den Amazonas. Auf dieser Reise hatte er einen Doktor dabei, jemanden, der die Reise dokumentiert hat, einen Fotografen, einen Kameramann und ein PR-Team. Sie alle waren nicht die im Wasser. Aber wer hätte davon erfahren, wenn sie nicht gewesen wären? Jeder von uns hat die Möglichkeit, etwas von Wert beizutragen.

Und Sie meinen, es spielt keine Rolle, wie groß der eigene Anteil an einer Sache ist?

Manchmal ist man ein kleinerer Teil des Puzzles, manchmal ein größerer, manchmal ist man gar nicht dabei. Aber das macht nichts. Am Ende wird es sich ausgehen.

Sie haben auch den Bestseller „The Big Five For Life“ geschrieben. Es geht darum, dass man zufrieden wird, wenn man tut, was man liebt. Nicht jeder  kann Bestseller-Autor oder Schauspielerin sein. Was ist mit Fabriksarbeitern?

Die Wahrheit ist, dass ich die Geschichte dieser Menschen nicht kenne und auch keine  Pauschal-Antwort für alle geben kann, aber: Ich kann jedem Einzelnen helfen, Punkte in seinem Leben zu verknüpfen und etwas zu finden, was ihm Freude macht. Die Frage lautet: Was würde mein  Leben mehr mit meinem Herzen synchronisieren?  Wen jemand Lampen  verkauft, aber Blumen liebt, sollte er Blumen verkaufen. Man sollte ein Hobby nehmen und es mit seiner Karriere verbinden. Ein Buchhalter, der Buchhaltung nicht mag, dafür aber Kayaking, könnte Buchhalter in einem Kayak-Unternehmen werden. Das ist der erste Schritt, um reinzukommen.   

Und dann?  

Setzt man sich mit den Leuten zusammen, die das machen, wovon man träumt. Wie war ihr Weg? Wie schaut ihr Tag aus? Trefft euch zum Lunch und redet. Oft sehen die Dinge von außen anders aus als sie sind.  

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Wenn jemand klar erkennt, was er tun möchte und Leute anspricht, die den Weg schon gegangen sind, tut man sich vielleicht leichter, als man denkt. Als ich als Backpacker unterwegs war, bin ich anfangs davon ausgegangen, dass meine Frau und ich 150 bis 200 Euro pro Tag für Unterkunft und Verpflegung brauchen werden. Ich hätte 20 Jahre warten können, um genug Geld für die Reise zu haben oder einfach loszulegen. Auch hier ist es am besten, Leute zu finden, die schon als Backpacker unterwegs waren.  

Wie viel haben Sie gebraucht?

40 Euro pro Tag für uns beide. Es gibt genug Länder wie Südostasien oder Südamerika, die sich günstig bereisen lassen. Damals habe ich aufgehört, meine Lebensentscheidungen von Dingen abhängig zu machen, die ich nicht weiß. 

DER SINNSUCHER

John Strelecky 48, wurde 1969 in Chicago/Illinois geboren und wollte schon als Kind Pilot werden. Seine Ausbildung zum Verkehrspiloten hat er  abgeschlossen, konnte den Beruf aber aufgrund eines Herzfehlers, der während eines Gesundheitschecks festgestellt wurde, nicht ausüben. Auch eine Karriere als Profi-Volleyballer ließ sich aus Geldgründen nicht umsetzen.  Nach einer Management-Ausbildung war Strelecky fünf Jahre als Strategieberater für große Unternehmen tätig. Nach einer Auszeit als Backpacker, in der er gemeinsam mit seiner Frau pro Tag nur 40 Euro benötigte, begann er zu schreiben und landete mit seinem ersten Buch „Das Café am Rande der Welt. Eine Erzählung über den Sinn des Lebens“ einen Bestseller. Strelecky ist Autor von acht Büchern und lebt heute mit Frau und Tochter Sophia, 11, in Florida.

Info: Das Café am Rande der Welt & „The Big Five for Life“ sind bei dtv erschienen und kosten 9,90 Euro

www.johnstrelecky.com