freizeit
06.10.2018

B. Pachl-Eberhart: "Es gibt Menschen, die mir mein Glück nicht gönnen"

Barbara Pachl-Eberhart hat ein Buch über Wunder verfasst. 2008 verlor die Autorin ihre Familie bei einem Verkehrsunfall.

2008 verliert Barbara Pachl-Eberhart ihre beiden Kinder und ihren Mann bei einem Autounfall. Fünf Tage danach wendet sie sich in einem bewegenden offenen  Brief an Verwandte und Freunde. Ihre Gedanken werden in zahlreichen Zeitungen abgedruckt und machen sie zur öffentlichen Person. Ich treffe Barbara Pachl-Eberhart 2012 zum ersten Mal. Kurz zuvor hat sie  ihr Buch „Vier minus drei“ veröffentlicht, indem sie  ihren Weg zurück ins Leben beschreibt. 2018 sehen wir einander wieder. Es gibt viel zu besprechen.  Pachl-Eberhart hat das Buch „Wunder warten gleich ums Eck“ geschrieben, den Schauspieler Ulrich Reinthaller geheiratet und ist vor eineinhalb Jahren wieder Mutter geworden.

Frau Pachl-Eberhart, Sie haben 2015 geheiratet und vor eineinhalb Jahren Ihre Tochter Erika bekommen. Haben Sie sich bewusst so viel Zeit gelassen?

Wer sich hier Zeit gelassen hat, weiß ich  nicht  – das Leben, mein Körper oder meine Seele.  „Es“ hat sich Zeit gelassen. Just in dem Moment, als ich mit 42 gesagt habe: Ich glaube, mein Körper will nicht mehr, ich muss akzeptieren,  dass sich mein größter Wunsch nicht mehr erfüllt, ist es noch passiert. Aber ich wäre  von Anfang an offen gewesen.

Kurz nach dem Tod Ihrer Kinder? Dabei heißt es oft, Betroffene würden dadurch eventuell unbewusst ein Kind durch das andere ersetzen.

Das war auch das Argument meines Mannes. Er hat gesagt: „Jetzt gleich sicher nicht!“ Es gibt  die Geschichte von Rainer Maria Rilke, der eigentlich René Maria hieß. Das bedeutet so viel wie der Wiedergeborene. Seine Eltern hatten zuvor ein kleines Mädchen verloren und haben Rilke als Kind in Mädchenkleider gesteckt. Das hat ihm das Leben sicher nicht leichter gemacht.

Denken Sie, Ihnen hätte Ähnliches passieren können?

Das Hauptproblem wäre gewesen, was ich unbewusst an Hoffnung und Glücksdruck in dieses Kind hineingelegt hätte. Dem Kind  aufzuoktroyieren, mich wieder glücklich zu machen. Auch, wenn man  reflektiert ist, bleibt ein Rest an Schicksal, das man weitergibt. Jedes Kind, das geboren wird, bekommt ein Stück Familiengeschichte mit. Das Gute ist, sich dessen bewusst zu sein und später, anstatt den Mantel des Schweigens darüber zu hüllen, mit seinem Kind darüber zu reden.  

Meine Mutter ist vor einigen Tagen gestürzt und im wahrsten Sinne des Wortes mit einem blauen Auge davongekommen. Dennoch hat sie nun  Angst, dass ihr dasselbe wieder passieren könnte. Haben Sie Angst, Ihr Kind wieder zu verlieren?

Ich stelle erstaunt fest, dass ich nicht mehr Angst habe, sondern meiner Tochter sehr viel Freiheit lasse. Ich kann mir das nur so erklären: Grundsätzlich bin ich ein sehr vertrauensvoller Mensch. Ich glaube, das ist mir geblieben. Ich durfte 2008 Zeuge dessen sein, dass meine Tochter Fini in ungefähr dem Alter, in dem Erika jetzt ist, in einem Auto saß, das von einem Zug erfasst wurde. Von diesem Auto ist fast nichts übrig geblieben, aber mein Kind war bis auf ein Schädel-Hirn-Trauma unversehrt. Ich denke mir, wenn ein kleines Kind so etwas fast überleben kann, dann überlebt ein Kind wirklich viel.   

Eine bewundernswerte Einstellung.

Ich sehe das auch wirklich als Geschenk. Es ist aber was anderes, wenn Erika  krank ist. Da hole ich mir ganz schnell viel Hilfe. Ich möchte bei diesem Kind nichts falsch machen und nichts übersehen. Das habe ich ganz stark und das ist sicher mein Schicksal. Das hängt mit meiner Biografie zusammen und dem Umstand, was für ein Riesen-Schatz und Geschenk sie ist.

Man könnte auch sagen: Für Sie ist Erika ein Wunder. Ihr neues Buch heißt „Wunder warten gleich ums Eck“. Es geht um kleine Dinge, die den Alltag verzaubern. Heißt das, man solle sich an Dingen erfreuen, die man sonst nicht beachtet?

Das sagen Sie ganz richtig, wobei es kein belehrendes Buch sein soll. Aber es könnte eine erwünschte Nebenwirkung sein, den Blick auf die kleinen Wunder des Alltags zu schärfen.  Das Buch soll auch erforschen, ob das, was ich 2008 so flapsig dahingesagt habe, stimmt.  

Was haben Sie denn gesagt?

Dass die Welt voller Wunder ist und uns das Leben Zeichen schickt. 2008 hatte ich stark den Wunsch, dass mir meine Familie Zeichen schickt. Ich glaube das nach wie vor, aber ich fasse das jetzt größer. Das, was über das Leben hinausweist, findet sich unter uns. Ich habe es zusammengefasst in dem Satz: Wunder warten immer und überall, man muss nur mit offenen Augen durchs Leben gehen. 

Unter Wunder versteht  jeder Mensch etwas anderes. Was sind Ihre Wunder?

Begonnen hat es mit Wunderspaziergängen, bei denen ich mir vorgenommen habe, so lange zu gehen, bis mir ein Wunder begegnet. Merken tu’ ich’s, wenn mir etwas Unerwartetes passiert, das mir ein Lachen oder  Staunen schenkt. Eines der ersten Wunder war, dass mir immer, wenn ich vollbepackt heimgekommen bin, jemand das Haustor aufgemacht hat.  Das ist verlässlich.    

Es gibt das Buch „Bestellungen beim Universum“, das auch besagt, man könne sich Dinge herbeiwünschen.  

Mein Buch ist ganz anders. Ich sage fast, ein Vergleich wäre paradox. Wenn ich mir Dinge wünschen könnte, wären sie kein Wunder mehr, sondern Erwartungen. Man kann Wunder nicht bestellen.

Die Autorin Bärbel Mohr war damals der Ansicht, man könne Parkplätze bestellen. Das ist mir bei Ihrem Beispiel mit  der Türe  wieder eingefallen.  

Als 2010 mein Buch „Vier minus drei“ vor der Veröffentlichung stand, haben wir alle gemerkt, dass das Buch von großem Interesse sein könnte. Mein Verlag hat aber auch davor gewarnt, sich zu  viel zu erwarten. Und ich habe gesagt: Ich erwarte nichts, schließe aber auch nichts aus! Das ist auch meine Einstellung, wenn es um Wunder geht. Wenn ich  bei einem Spaziergang ein Wunder erwarte, meine ich damit, dass meine Sinne beim Gehen immer offener werden und ich erkenne, was sowieso da ist. Ich kann aber nicht sagen: Ich erwarte mir, dass ich ums Eck 20 Euro finde. Vielleicht gackt mir auch eine Taube auf den Kopf.

Das ist dann kein Wunder, sondern eine Sauerei zum Wundern.  

Da muss man das Wunder erst suchen. Vielleicht wird mir durch dieses Missgeschick etwas klar. Ich bin immer mehr zu der Überzeugung gelangt, dass ein Wunder etwas ist, was einen aufrüttelt und die eigenen Glaubenssätze in Frage stellt. Bärbel Mohr bzw. ihr Team musste nach ihrem Tod herbe Kritik einstecken (Anm.: Mohr starb 2010 an Brustkrebs). Die Leute sagten: „Wenn es stimmen würde, was sie geschrieben hat, wäre sie jetzt nicht tot.“

Das ist nachvollziehbar. Schließlich hat Frau Mohr damals propagiert, man könne sich alles wünschen, wenn man nur fest daran glaubt.

Ich habe ihre Bücher nicht gelesen. Ich glaube einfach, dass  es wichtig ist, sich die  Dinge  mit Sinn und Verstand zu wünschen. Die Unsterblichkeit gehört sicher nicht dazu.

Was ist zusammengefasst Ihre Message?

Auch, wenn wir Wunder nicht planen können: Wir dürfen daran glauben, dass sie möglich sind.

Es heißt oft, dass ein schweres Schicksal nur diejenigen  trifft, die es  tragen können. Wie stehen Sie als Betroffene dazu?

Das glaube ich nicht. Dazu habe ich zu viele Menschen getroffen, die wirklich zerbrochen sind, an Dingen, die ihnen widerfahren sind. Zerbrechen kann  auch eine Wunderqualität haben. Das Ego, das ich mir gebaut habe, bricht auf und es entsteht vielleicht eine neue Version meiner Selbst daraus. Ich bin unterwegs auch manchmal zerbrochen und musste mich neu zusammensetzen. Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist Verbitterung. Das heißt nämlich, dass ich meinen Glauben an Wunder und an eine positive Entwicklung verliere. Das ist mir immer wieder begegnet.

Kann man verbitterten Menschen  helfen?

Meine Erfahrung aus der Zeit, in der ich trauernde Menschen begleitet habe, ist, dass ich Menschen nicht helfe, wenn ich versuche, sie woanders abzuholen, als da, wo sie gerade stehen. Einem verbitterten Menschen zu erlauben, verbittert zu sein, kann das sein, was ihm gerade am meisten hilft. Wenn man sagt: „Was dir passiert ist, ist ganz schrecklich. Das kann man nicht schaffen“, kann das etwas bewegen. Aber wenn ich das Ziel habe, etwas zu bewegen, funktioniert’s schon nicht mehr.

Ihr Agent hat mir im Vorfeld gesagt, dass Sie nicht mehr  gerne über die Vergangenheit sprechen möchten. Was ist der Grund dafür?  

Die Tiefe und Schwere meiner Geschichte von 2008 ist für die Menschen, die mit dieser Geschichte konfrontiert sind, so gewichtig, dass das  Glück, das ich mir seither erarbeitet habe, keinen Platz hat. Deshalb möchte ich dem, was vor zehn Jahren passiert ist, nicht zu viel Gewicht geben, damit die Waagschale in Balance sein kann. Es gibt immer noch  Menschen, die mir mein Glück bis heute nicht glauben und vielleicht sogar nicht gönnen. Ganz einfach, weil sie sagen: „Man kann nicht glücklich sein nach so etwas.“ Ich möchte sagen: Doch, man kann!  Es ist nicht selbstverständlich, aber man darf daran glauben. Ich bin so viel mehr, als dieser eine Moment, in dem mein Mann in den Zug gefahren ist.   

Können Sie sich an den Moment erinnern, in dem Sie nach dem Unfall zum ersten Mal wieder glücklich waren?

Das gehört auch zu meiner Geschichte und meinem Glauben, der sich gerade im Tod meiner Familie sehr verstärkt hat. Während meine Tochter Fini eine Notoperation hatte, bei der sie dann gestorben ist, bin ich im Wald spazieren gegangen. Heute darf ich sagen: Nie zuvor oder danach habe ich so große Lebensfreude empfunden. Ich wusste nicht, dass sie gerade stirbt. Aber ich war wie aufgepumpt vor Freude und Glück und wäre wie ein Heißluftballon fast in den Himmel gestiegen.

Als Sie ins Spital zurückgekommen sind, muss ihr Tod ein Riesen-Schock gewesen sein.  

Es war ein Schock, aber das Glücksgefühl war schon in meinem Körper gespeichert. Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass ich  in dem Moment empfunden habe, was meine Tochter während des Sterbens empfunden hat. Es war ihr Geschenk an mich, das mitzuerleben. Das vergisst man nie mehr.

Barbara Pachl-Eberhart, 44, wurde 1974 in Wien geboren und maturierte 1992 mit Auszeichnung. Sie studierte fünf Jahre Querflöte, beendete aber ihr Studium zwei Monate vor Ende, weil ihr im Publikum lachende Gesichter fehlten. Pachl-Eberhart begann, Straßentheater zu spielen und zu jonglieren. Parallel dazu absolvierte sie die Ausbildung zur Volksschullehrerin, änderte aber ihren Plan, weil die Schüler ihr zu wenig ernsthaft erschienen. Zu Beginn der 2000–Jahre wurde die Wienerin zur Steirerin, Ehefrau und Mutter – außerdem "Rote Nasen Clowndoctor". Am 20. März 2008 starben Pachl-Eberharts Mann Heli (39 †), Sohn Thimo (6 †) und Tochter Fini (2 †) bei einem Verkehrsunfall. Seit 2015  ist Pachl-Eberhart mit dem Schauspieler Ulrich Reinthaler verheiratet und Mutter einer eineinhalbjährigen Tochter.