freizeit
02/20/2016

30 Jahre "Müllers Büro"

Wiener Wunder: Vor 30 Jahren wurde eine schrill-schräge Krimi-Parodie aus Wien zum Sensationserfolg im deutschsprachigen Kino - "Müllers Büro".

Wie heißt es so schön: Wer sich an die Achtziger Jahre erinnern kann, war nicht dabei. Die FREIZEIT machte die Probe aufs Exempel und traf eine Reihe von Menschen, die ein besonderes Ereignis eint: Sie alle waren Teil eines Kults, der sich zwar langsam entwickelte, aber bis heute anhält. Sie zählten zum Personal eines Büros, das am Höhepunkt der Neuen Deutschen Welle besungen, bejubelt und beklatscht wurde – „Müllers Büro“.
Der Werbefilmer Niki List hatte es eröffnet, mit einer illustren Besetzung, die von der sehr erotischen Barbara Rudnik, mit dem gewitzten Rollennamen Bettina Kant, über die heimischen Newcomer Andreas Vitasek und Christian Schmidt bis zur schrägen New-Wave-Kapelle "Wiener Wunder" reichte.

Nicht zu vergessen, die tollen, atmosphärisch ausgeleuchteten Drehorte vom New-Wave- Lokal Blue Box bis zum in Neonlicht getauchten Fabriksgelände. Die um die mysteriöse Klientin einer an Bogart-Filme erinnernde Krimiparodie war mit knapp 450.000 Besuchern der österreichische Kinohit des Jahres 1986. Mehr noch aber wurde „Müllers Büro“ in der damaligen DDR abgefeiert. Produzent Veit Heiduschka: „Da hatten wir an die zwei Millionen Besucher.“


30 Jahre sind seither vergangen. Verändert haben sich dabei nicht nur ganze politische Landschaften und Pop-Stile, selbst die urbanen Szenelokale schauen jetzt anders aus. Auch die Blue Box im nach wie vor angesagten siebten Wiener Bezirk. Neben „Müllers Büro“ wurde dort auch eine Sequenz des legendären Clips zu Falcos Welthit „Rock Me Amadeus“ gedreht. „Bei der Übernahme der Blue Box waren wir uns darüber im Klaren, eine 30-jährige Legende weiterzuführen“, sagen die heutigen Besitzer. Und: "Unsere Aufgabe ist es, dieses Wiener Juwel im Sinne seiner Herkunft weiterzuführen."

Das wirkt. Denn immer wieder kommen Touristen aus Berlin, Leipzig und sogar Tokio vorbei, um einschlägiges Lokalkolorit zu atmen. Ja, „Müllers Büro“ war auch „Big in Japan“. Beim Tokyo International Film Festival wurde Regisseur Niki List 1986 mit dem „Young Cinema Tokyo Award“ ausgezeichnet. Ein Jahr später erschien im Reich der aufgehenden Sonne sogar eine japanisch untertitelte VHS-Kassette von „Müllers Büro“. Und drei Jahrzehnte später bleibt die Attraktivität des Wiener Krimiwunders selbst auf Shopping-Portalen im Internet ungebrochen. „Der Film ist so schräg, dass er schon wieder gut ist“, vermerkte ein gewisser Thorsten auf der Seite des Online-Vermarkters Amazon. Und weiter: „Für mich ist er Österreichs Antwort auf die ,Rocky Horror Picture Show’, was den Kultstatus angeht.“

Insgesamt lief „Müllers Büro“ sensationelle 64 Wochen lang im Kino. Länger als ein Jahr also. „Vor 20 Jahren fand ein Jubiläumsfest statt“, erinnert sich Ernie Seuberth, Produzent des Soundtracks mit Perlen wie „Ich will mehr“ und „Männer sind wie Marzipan“. „Da waren nahezu alle Schauspieler, unzählige Vertreter österreichischer und deutscher Fanklubs und sogar Müllers Büro-Lookalikes dabei – viele davon aus der ehemaligen DDR.“ Seuberth: „Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht richtig realisiert, dass der Film vor allem im Osten einen derartigen Kultstatus erlangt hatte.“


Der Film ist 80er-Jahre pur, doch „Müllers Büro“ geht auch mit der Zeit. Der moderne Klassiker des österreichisschen Films ist ab sofort auch in einer BluRay-Version erhältlich. Und Komponist Seuberth verrät, dass zum 30-Jahr-Jubiläum all die alten Hits und Evergreens aus dem Film genau ab dem 28. Februar in einer digitalen Version zum Downloaden bereits stehen werden, von "Joe, noch einen" bis "Weil ich so sexy bin."

Bleibt nur noch zu sagen: "Ich will mehr"...