KI 2026: Diese Entwicklungen verändern das digitale Business

ChatGPT, OpenClaw und smarte AI-Agenten: KI-Expertin Dr. Isabel Dregely über den Durchbruch von einfachen Chatbots zu autonomen KI-Systemen.
Frau und humanoider Roboter geben sich im Büro einen freundschaftlichen Faustgruß.

Zusammenfassung

  • KI-Agenten entwickeln sich rasant von einfachen Chatbots zu autonomen Systemen, die komplexe Aufgaben bis zu einem gewissen Grad auch eigenständig erledigen können.
  • Innovative Projekte wie OpenClaw und neue Ansätze wie KI-assisted Coding verändern Softwareentwicklung und digitale Assistenz grundlegend.
  • Der Mensch bleibt durch das Prinzip „Human in the loop“ zentral, während Unternehmen gezielt mit konkreten KI-Anwendungsfällen starten sollten.

Die Künstliche Intelligenz entwickelt sich in einem atemberaubendem Tempo weiter. Was gestern noch Science-Fiction war, ist heute Realität – und morgen bereits Standard. Doch welche Entwicklungen sind wirklich relevant für Unternehmen? Und wie können Fach- und Führungskräfte mit diesem rapiden Wandel Schritt halten?

Dr. Isabel Dregely, Kompetenzfeldleiterin für Artificial Intelligence & Data Analytics an der Technikum Wien Academy, beobachtet die neuesten Trends der KI-Branche aus nächster Nähe. Im Interview erklärt die KI-Expertin, warum wir gerade den Sprung vom Chatbot zum autonomen Agenten erleben, was OpenClaw kann und wie sich die Softwareentwicklung durch KI-assisted Coding fundamental verändert.

KI 2026: Diese Entwicklungen verändern das digitale Business

KURIER: Die KI-Landschaft entwickelt sich rasanter denn je. Was sind die wichtigsten Trends, die Unternehmen 2026 kennen sollten?

Isabel Dregely: Wir erleben gerade einen fundamentalen Wandel. Seit ChatGPT 2022 auf den Markt kam, sprechen alle von generativer KI. Aber jetzt passiert der nächste große Schritt: Wir bewegen uns von einfachen Chatbots zu sogenannten Agenten. Der Unterschied ist enorm: ein Chatbot beantwortet Fragen, ein Agent erledigt Aufgaben. Er plant selbstständig, nutzt verschiedene Tools und kann prinzipiell komplexe Aufgabenketten autonom abarbeiten. Das ist die neueste Revolution, die wir seit Ende 2025 beobachten. Dabei wird eine Frage immer wichtiger: Wie viel Autonomie ist sinnvoll – und wie viel menschliche Kontrolle muss bleiben? Das betrifft nicht nur Technik, sondern auch Recht, Ethik und vor allem Cybersecurity. Denn je mehr Zugriffsrechte ein Agent erhält, desto größer wird die Angriffsfläche für Cyberkriminelle.

Was genau macht diese AI-Agenten so besonders?

Isabel Dregely: Agenten können zwei Dinge mehr als ein simpler Chatbot: 1. „reason" (dt.: logisch denken, schlussfolgern) und 2. „act" (dt.: handeln) und nutzen diese Fähigkeiten in einer sogenannten „agentic loop" bis sie ein Problem zufriedenstellend gelöst haben. Sie denken quasi nach, durchlaufen mehrere Schritte im Hintergrund, lesen Quellen, programmieren bei Bedarf und treffen Entscheidungen. Man kann sich das wie das Onboarding eines neuen Mitarbeitenden vorstellen: Er benötigt Zugriff auf Firmendokumente, um Unternehmensprozesse zu verstehen und lernt, welche Tools zum Einsatz kommen. Diese Fähigkeiten – sogenannte Skills – kann man dem Agenten gezielt vermitteln. Die Herausforderung: Man muss klar definieren, wann eine Aufgabe zufriedenstellend „gelöst" ist, sonst läuft die Loop endlos weiter – das kann sehr viele „Tokens" verbrauchen und das kostet Geld und bringt keine sinnvollen Ergebnisse. Zu dieser Schwierigkeit kommen unter anderem Fragen zu Cybersecurity und menschlicher Kontrolle. Deshalb stehen viele Unternehmen mit KI-Agenten erst am Anfang.

OpenClaw aus Österreich sorgt gerade für Aufsehen. Was steckt hinter diesem Projekt?

Isabel Dregely: OpenClaw ist wirklich faszinierend und zwar aus mehreren Gründen: Erstens wurde es von einem einzelnen Österreicher, Peter Steinberger, entwickelt. Zweitens hat er das gemeinsam mit einem Coding-Agenten gemacht, also Mensch und KI haben zusammengearbeitet. Und drittens war es weitgehend ein öffentliches Open-Source-Projekt, das heißt jede:r konnte sehen, wie es entsteht und sich entwickelt. Und das alles innerhalb kürzester Zeit! 

Was kann OpenClaw, was bisherige Agenten noch nicht konnten?

Isabel Dregely: Das Interessante ist: Technisch ist gar nicht so viel komplett Neues dabei. Steinberger selbst sagt, er hat Standardtechnik aus der Softwareentwicklung clever kombiniert. Aber das Ergebnis ist dennoch innovativ. OpenClaw wird über Messenger wie WhatsApp gesteuert und erledigt dann lokal am Computer Routineaufgaben – etwa E-Mails verwalten oder Dateien organisieren. Dabei fungiert er als Brücke („Gateway") zwischen dem persönlichen Computer und großen Sprachmodellen. Er nutzt dabei auch einen sogenannten „Heartbeat": Das kann man sich wie einen regelmäßigen Check vorstellen, bei dem der Agent schaut, was es zu tun gibt. Wenn zum Beispiel eine E-Mail reinkommt und ein Meeting im Kalender einzutragen ist, dann arbeitet er das Schritt für Schritt ab. Das ist schon sehr nah dran an eine:r:m digitalen Assistent:in, hat aber noch entsprechende Sicherheitsrisiken. Mittlerweile haben auch die großen KI-Firmen reagiert und entwickeln auf ähnlichen Konzepten basierende KI-Assistenten. 

Porträt von Dr. Isabel Dregely

Isabel Dregely erklärt, warum OpenClaw die Tech-Welt begeistert.

Können solche Agenten bereits Personal Assistants ersetzen?

Isabel Dregely: Wir sehen erste Ansätze davon, aber um richtig produktiv zu sein fehlen noch einige Entwicklungsschritte. Sie können prinzipiell schon E-Mails beantworten, Termine planen, Routineaufgaben erledigen. Aber – und das ist wichtig – wir stehen erst am Anfang. Offene Probleme rund um Datenschutz und Cyber-Security sind noch nicht gelöst. Aber es lassen sich Ansätze erkennen, wie sich in unserem Arbeitsalltag die Art und Weise der Interaktion zwischen uns und dem PC grundlegend verändern wird. Bald steuern wir Computer häufiger mit natürlicher Sprache – weniger Klicken, weniger Formulare ausfüllen. KI-Agenten übersetzen unsere Absichten im Hintergrund in konkrete Schritte und fragen nach, wenn etwas unklar ist. Programmierung bleibt wichtig, verlagert sich aber von Handarbeit zur Orchestrierung und Kontrolle – etwa für Freigabeprozesse, Protokolle und Datenschutz.

Wenn AI-Agenten mittlerweile so autonom arbeiten – wie stellt man sicher, dass der Mensch die Kontrolle behält?

Isabel Dregely: Das ist eine zentrale Frage und hier kommt das Prinzip „Human in the loop" ins Spiel. Das bedeutet: Der Mensch muss bei kritischen Entscheidungen die Kontrolle behalten. In der Anfangsphase war dieses Hin und Her zwischen Mensch und Agent sehr engmaschig. Mittlerweile gebe ich detailliertere Spezifikationen an den Agenten, dieser arbeitet dann autonom – vielleicht über Nacht – und am nächsten Tag reviewe ich den großen Codeblock oder das Arbeitsergebnis. Der Mensch agiert eher so als Manager:in und steht ganz am Anfang bei der Zielsetzung und ganz am Ende bei der Bewertung im Mittelpunkt. Dazwischen übernimmt der Agent die oft mühsamen Schritte.

Mehrere bunte Puzzleteile mit Begriffen wie Cloud & IT, Datenanalyse und Projektmanagement, daneben Menschen bei einer Präsentation.

Stichwort Vibe Coding: Wie verändert KI die Softwareentwicklung?

Isabel Dregely: Vibe Coding ist ein Begriff, den Andrej Karpathy, der ehemalige Tesla-AI-Chef, geprägt hat. Es beschreibt eine neue Art des Programmierens: Ich sage in natürlicher Sprache, was ich möchte, und der Agent generiert den Code. Das funktioniert deshalb so gut, weil Programmiersprachen sehr logisch aufgebaut und strukturiert sind – genau das, was Large Language Models gut können. Außerdem gibt es im Internet enorm viele Codes, an denen diese Modelle trainiert werden konnten. KI-unterstütztes Programmieren wird heute differenzierter betrachtet. Es gibt „Vibe Coding" – für schnelle Prototypen, oft ohne Sicherheitsabsicherung. Dann „Agentic Coding", wo Agenten Teilaufgaben übernehmen, und „Spec-Driven Development", bei dem Entwickler:innen klare Vorgaben machen und der Agent diese abarbeitet.

Wird damit das klassische Programmieren überflüssig?

Isabel Dregely: Nein, aber es verändert sich. Früher hatten wir ein intelligentes Coding-System, das – ganz vereinfacht ausgedrückt – die nächste Codezeile vorgeschlagen hat. Mittlerweile wird es immer autonomer, Claude Code zum Beispiel. Hier spricht man von „Spec-driven Coding". Das bedeutet: Ich gebe die genauen Spezifikationen vor und der Agent entwickelt daraus schrittweise Teilaspekte meiner Applikation. Das ist wie eine Schreibmaschine, die einfach schneller tippt als ich.

Dr. Isabel Dregely sitzt an einem Tisch mit einem Laptop vor ihr.

„Die nächste Generation wächst mit KI-Tools auf und bringt neue Kompetenzen in die Softwareentwicklung mit", ist sich Isabel Dregely sicher.

Welche Risiken birgt diese Entwicklung für den Nachwuchs in der IT?

Isabel Dregely: Das ist eine berechtigte Sorge. Früher gab es einen klar vorgegebenen Weg: Junior Developer arbeiten einem Senior zu, lernen dabei und wachsen. Heute lassen sich viele typische Junior Aufgaben von Agenten erledigen. Aber woher sollen dann die Seniors von morgen kommen? Ich glaube, die Antwort liegt darin, dass Juniors heute andere Fähigkeiten entwickeln müssen. Sie wachsen mit diesen Tools auf, haben ein intuitives Verständnis dafür und bringen Offenheit mit. Die Juniors von heute werden nicht die Seniors von heute, sondern die Seniors von morgen – sie brauchen andere Skills.

Welche weiteren KI-Trends sehen Sie für die nächsten Monate?

Isabel Dregely: Ein großer Trend ist die Integration von KI-Agenten mit bestehenden Systemen und auch Hardware, z.B. auch in der Robotik. Da sind wir noch weit davon entfernt, unter anderem fehlt noch viel Entwicklungsarbeit in Bezug auf Sicherheit und wie genau sinnvolle „Human in the loop“-Konzepte aussehen, aber die Integration läuft. Im industriellen Bereich sehen wir schon adaptive Manufacturing-Prozesse, wo die KI Entscheidungen innerhalb von Produktionsabläufen trifft – smarter und ressourcenschonender. Und natürlich: In drei Monaten gibt es wahrscheinlich schon wieder etwas völlig Neues.

Was raten Sie Unternehmen, die mit KI starten wollen?

Isabel Dregely: Die rasante Entwicklung hat auch einen Vorteil: Alle stehen stets irgendwo am Anfang. Suchen Sie sich einen konkreten Use Case (dt.: Anwendungsfall) aus, einen Workflow, den Sie ganzheitlich betrachten und erarbeiten Sie dafür eine KI-Strategie mit Anforderungserhebung, Testing und Integrationsphase. Es muss nicht gleich das ganze Unternehmen sein, das auf die KI-Nutzung umgestellt. Und wenn Sie einmal den ganzen Prozess durchexerziert haben, wird es für die nächsten deutlich einfacher.

Leuchtende AI-Taste mit Roboter-Symbol auf einer schwarzen Computertastatur.

Keine Angst vor dem Einstieg: Bei der rasanten KI-Entwicklung stehen alle irgendwo am Anfang – der beste Zeitpunkt ist jetzt.

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Fazit

Der Wandel vom Chatbot zum autonomen Agenten ist mehr als ein technischer Fortschritt – er verändert die Arbeitswelt fundamental. KI-Agenten bewältigen bereits heute komplexe Aufgabenketten, von der Softwareentwicklung bis zur digitalen Assistenz. Dennoch bleibt der Mensch unverzichtbar, davon ist Isabel Dregely überzeugt. Für Unternehmen stellt sich nicht mehr die Frage, ob sie KI nutzen sollten, sondern wie schnell sie den Einstieg schaffen. Am Ball bleiben und sich weiterbilden lohnt sich!