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UBM Development
04/23/2020

Zaha Hadids intelligente Dünen

Inmitten der arabischen Wüste pflanzen Zaha Hadid Architects die neue Firmenzentrale des Müllentsorgungs-Unternehmens Bee’ah. Ein ökologisches Mega-Projekt, vollgepackt mit künstlicher Intelligenz.

Wenn National Geographic für die Dauer von mehreren Jahren monatlich ein TV-Team vorbeischickt, dann darf man schon hellhörig werden. Schließlich begleitet das international renommierte Medienunternehmen nur wirklich außergewöhnliche Projekte. Und der Neubau der Firmenzentrale von Bee’ah in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist wahrlich außergewöhnlich. Und zwar aus mehreren Gründen.

Der Auftraggeber von Zaha Hadid

Bevor wir uns dem futuristischen Konzept von Zaha Hadid Architects widmen, das sich seit einigen Monaten im Bau befindet, werfen wir einen Blick hinter die Kulissen des Megabaus inmitten der arabischen Wüste. Denn um dieses Bauwerk final verstehen zu können, muss man erst einmal den Auftraggeber unter die Lupe nehmen.

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Dieser ist nämlich genau so wenig alltäglich, wie der von ihm in Auftrag gegebene Komplex: Unter dem Namen Bee’ah wurde das Unternehmen als Umwelt- und Abfallentsorgungsunternehmen im Jahr 2007 gegründet. Und zwar per Erlass des Emirs, seiner Hoheit Scheich Dr. Sultan Bin Mohammed Al Qasimi, Mitglied des Obersten Rates der Vereinigten Arabischen Emirate und Herrscher des Emirats Schardscha.

Überraschende Entwicklung

Unter seiner Oberaufsicht hat sich Bee’ah dann jedoch in eine für die Vereinigten Arabischen Emirate ungewöhnliche und umso erfreulichere Richtung entwickelt. Man setzte recht bald intensiv darauf, die Abfallentsorgung auf international einzigartige, nachhaltige Beine zu stellen!

Heute arbeitet man bei Bee’ah konkret darauf hin, die in der Kommune anfallenden Abfälle zu 100% wiederzuverwerten und dabei zusätzlich erneuerbare Energie zu gewinnen. Man will "nachhaltige Umweltlösungen entwicklen, um den Herausforderungen der Gemeinschaft gerecht zu werden“, heißt es offiziell.

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Somit ist es nicht weiter verwunderlich, dass die neue Zentrale auf diese im Unternehmen omnipräsenten Kernwerte einzahlen muss. Doch mit diesem Ziel gab man sich bei der Konzeption auch noch nicht zufrieden. Vielmehr sollte das neue Gebäude der Bee'ah-Zentrale darauf abzielen, die Einstellungen und Verhaltensweisen von Einzelpersonen, Gemeinden, Unternehmen und Städten zum Positiven zu verändern. Man will die Infrastruktur bereitstellen und die Möglichkeiten schaffen, die nötig sind, um die Gesellschaft darin zu unterstützen, aktiv am Erreichen der jeweiligen Umweltziele mitzuwirken.

Zaha Hadid Architects binden KI ein

Was dieses offizielle Statement am Ende im Detail bedeutet, kann man aus heutiger Sicht noch nicht genau sagen. Allerdings lassen die bis dato veröffentlichten Details zum Projekt darauf schließen, dass nicht nur aus architektonischer Sicht die modernsten Möglichkeiten im Sinne des Umweltschutzes ausgereizt werden. So wird jedenfalls das Thema „Künstliche Intelligenz“ (KI) eine große Rolle spielen. Aber dazu später.

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Bleiben wir einmal beim Offensichtlichen – dem Gebäude selbst. Dieses verkörpert konzentriert die ökologisch hochstehenden Prinzipien von Bee’ah. Das bedeutet, Zaha Hadid Architects entwarfen ein Vorzeigeprojekt, dessen Bau mit minimiertem Materialverbrauch errichtet wird und das mit ultra-niedrigem Kohlenstoff- und Wasserverbrauch betrieben werden kann.

Dünen als Form der Wahl

Trotzdem aber wurde natürlich auf die Örtlichkeit eingegangen. Und diese ist mit der Wüste genau so wenig alltäglich, wie die restlichen Grundbedingungen. Also beschreiben die Architekten von Zaha Hadid Architects ihre optische Herangehensweise so: „Die formale Zusammensetzung des neuen Bee'ah-Hauptquartiers wurde durch seinen Wüstenkontext als eine Reihe von sich kreuzenden Dünen bestimmt.“ Diese wurden übrigens so ausgerichtet, dass sie die mehrfach im Jahr vorherrschenden Shamal-Winde optimieren, sie also nutzen, um sich selbst zu kühlen. Außerdem wurden die künstlichen Dünen so positioniert, dass die Innenräume mit möglichst viel qualitativ hochwertigem Tageslicht versorgt werden, ohne zu große Glasflächen der intensiven Sonneneinstrahlung auszusetzen.

Zudem kreuzen sich die beiden zentralen Dünen des Hauptgebäudes und bilden so an ihrem Schnittpunkt einen oasenartigen Innenhof. Dieser dient der natürlichen Belüftung beider Komplexe und maximiert die indirekte Sonneneinstrahlung in die weiter innen liegenden Räumlichkeiten.

100% grüne Energie

Bei der Auswahl der verbauten Materialien hat man sich ein zusätzlich hohes Ziel gesteckt: Man will nicht nur zu 100% grüne Energie für den Bau nutzen, sondern fast ausschließlich mit aus Abfällen recycelten Materialien arbeiten! Das gelingt unter anderem durch die parallel vorangetriebenen Ausbauten des bestehenden Abfallwirtschaftszentrums. Das bedeutet: Die Materialrückgewinnungsanlage wurde zur drittgrößten der Welt ausgebaut. Die Recyclinganlage für Bau- und Abbruchabfälle zählt inzwischen zu einer der international modernsten und die Reifenrecyclinganlage ist nicht nur die erste ihrer Art in der Region, sie nutzt zudem ein Tieftemperaturverfahren, das besonders umweltschonend ist.

Es geht um Effizienz

Ebenfalls auf dem neuesten Stand sind die Kompostieranlage, die Industrie- und Abwasserlagunen zur Verarbeitung von Flüssigabfällen, die Altfahrzeug- und Metallschredderanlage und so weiter. All diese Facetten sollen wiederum durch den Bau der neuen Zentrale ein weiteres Upgrade erfahren. Man wird sie noch effizienter betreiben können, ist man sich sicher.

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Was uns wieder zum Neubau selbst führt. In den milderen Monaten kann dessen Fassade so betrieben werden, dass eine natürliche Belüftung möglich ist. So kann die Notwendigkeit der Kühlung des Gebäudes minimiert werden. Wenn aber doch eine Klimatisierung erforderlich ist, wird eine besondere Form der Energierückgewinnung genutzt. Diese ermöglicht, dass Frischluft in die Räume mit geringerer Energiebelastung einströmen kann, und die Abwärme, die normalerweise von den Kältemaschinen an die Atmosphäre abgegeben würde, abtransportiert. Allerdings wird diese infolge dafür genutzt, die Warmwasserversorgung kostenlos zu ermöglichen.

Reflektierende Dach-Struktur

Der wohl wärmetechnisch relevanteste Aspekt bei einem Wüstenbau ist aber ohne Frage die Außenfassade. Für diese wurde ein eigenes Material gewählt, das die Sonnenstrahlen zu einem großen Teil reflektiert. Das macht eine weitere Senkung des Energieverbrauchs möglich. Konkret bedeutet das, die Dachflächen der künstlichen Dünen werden ein ähnliches Wärmeprofil aufweisen, wie die echten Dünen in der Nachbarschaft.

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Diese aktiven und passiven Energieansätze sind so berechnet, dass sie den Energieverbrauch des gesamten Objekts um 30% reduzieren. Und die verbleibenden 70% wiederum werden entweder aus der Umwandlung von Siedlungsabfällen (die sonst auf der Deponie verrotten würden) in Energie gedeckt oder durch die vor Ort errichtete Photovoltaik-Anlage.

Computer übernimmt Kontrolle

Was die unterschiedlichen Nutzungsketten von Energie, Trinkwasser und dessen Aufbereitung, Kühlung und so weiter betrifft, könnte man hier wohl noch viel Details anführen. Allein, man würde wohl recht schnell die Übersicht verlieren. Tatsache ist, dass dieser Bau seinesgleichen sucht. Und: Dass kein klassisches Hausmeister-Team die unterschiedlichen Aspekte und Systeme zu regulieren in der Lage wäre. Unter anderem aus diesen Überlegungen heraus, vor allem aber um die Funktionalitäten bis zum Maximum auszureizen, holte man sich Microsoft als Partner an Bord. Ziel: Mit möglichst viel Künstlicher Intelligenz das futuristische Wüstenschiff zu schaukeln.

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Und so postulierte Bee'ahs Group CEO Khaled Al Huraimel: „Umweltverträglichkeit und digitale Technologien sind Faktoren, die ineinandergreifen und die Wirtschaft der Zukunft antreiben. Unser Hauptsitz verkörpert unsere Vision für diese Zukunft und steht beispielhaft für nachhaltige Lösungen und modernste Technologien, ohne Kompromisse bei strategischen Partnerschaften, Innovation oder Umsetzung. Dies wird das erste Gebäude in der Region und eines der ersten in der Welt überhaupt sein, das vollständig KI-integriert ist, um eine neue nahtlose Praxis zur Optimierung von Effizienz, Leistung und Funktionalität zu ermöglichen.“

Concierge ist die KI

Das heißt im Klartext, dass jede noch so kleine Einheit des 7.000 Quadratmeter großen Komplexes ständig Daten sammelt, aus denen der in Sachen Rechenleistung überdimensionale „Heimcomputer“ ständig Entscheidungen trifft. Über Raumtemperaturen. Wassertransporte. Fensteröffnungen und -schließungen. Und. So. Weiter.

Der gleiche Computer wird jedoch auch das komplette Concierge-Service übernehmen. Er wird Mitarbeitern Einlass gewähren, Gäste durchs Gängelabyrinth lotsen und bei der Suche von freien Besprechungsräumen helfen. Er soll ein „angenehmes Umfeld für die Anwesenden schaffen“, heißt es.

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Was das System genau können wird, bleibt allerdings bis zur Fertigstellung noch ein Geheimnis von Microsoft und der ausführenden Firma Johnson Controls. Auf jeden Fall aber werden wir alle auf Knopfdruck Einblicke in dieses „Büro der Zukunft“ bekommen können. Schließlich gibt’s garantiert bald nach der noch nicht terminierten Eröffnung eine ausführliche National Geographic-Dokumentation.

Zum bequemen Streamen zuhause, selbstverständlich.

Text: Johannes Stühlinger

Bilder: Zaha Hadid Architects/Luke Hayes

Lesen Sie weiter im UBM Magazin, der Plattform für Immobilienwirtschaft, Stadtplanung und Design.

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