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08/01/2022

Vertikaler Wald wächst nach China

Vor acht Jahren eröffnete der erste vertikale Wald unter dem Namen Bosco Vertikale in Mailand. Nun ist das visionäre Wohnkonzept von Stefano Boeri in China angekommen.

Die Idee, ein Hochhaus als senkrechten Wald zu denken, hatte Stefano Boeri schon zu Beginn dieses Jahrtausends. Seine Überlegung resultierte aus dem Wunsch, urbanen Raum möglichst effektiv zu nutzen. Ihn also nicht weiter zu zersiedeln. Dabei wollte er aber gleichzeitig die Biodiversität in seiner Heimatstadt Mailand verbessern. Als 2014 sein erster Vertical Forest unter dem italienischen Namen Bosco Verticale öffnete, wurde Stefano Boeri international gefeiert.

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Vor allem Biologen, die sich mit Architektur beschäftigten, orteten überraschend viele Vorteile in dieser Bauweise. Mit der Bepflanzung der Türme würden neue Lebens- und Nahrungsräume für Insekten und Vögel geschaffen. So können die Wohntürme als so genannte Trittsteinbiotope zwischen öffentlichen Parks, Alleen und innerstädtischen Brachflächen fungieren.

Mikroklima wird verbessert

Durch die Bäume und Pflanzen an der Fassade wird das Mikroklima in den Wohnungen und auf den Balkonen verbessert werden. Da war man sich schnell einig. Außerdem würden die Pflanzen Einflüsse von Lärm, Staub und Hitze mildern. „Dadurch wird die Lebensqualität der Bewohner verbessert und der Bezug zur Natur in einer städtischen Umgebung hergestellt“, postulierte damals schon Visionär Stefano Boeri.

Erster Bau von Stefano Boeri in China

Und er sollte Recht behalten. Sein architektonischer Wald wächst langsam, aber stetig. Inzwischen wurden unter seiner Regie mehrere große und viele kleinere derartige Projekte realisiert. Jetzt wurde mit dem „Easyhome Huanggang Vertical Forest City Complex“ sein erster Waldturm in China eröffnet. Für Stefano Boeri ein besonderer Meilenstein.

Boeri ist nämlich der Meinung, dass diese Art von Gebäuden für dieses Land besonders geeignet ist: „In China erleben wir in den letzten Jahren ein großes Interesse an Grünflächen und städtischen Wäldern. Sie sind das perfekte Mittel zur Absorption von Feinstaub, der einer der Hauptfaktoren für die Luftverschmutzung in chinesischen Städten ist“, sagt er. So würde die hier integrierte Vegetation laut seinen Berechnungen 22 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr absorbieren und elf Tonnen Sauerstoff pro Jahr produzieren.

Lokale Baumarten auf der Fassade

Für die 404 Bäume, die das Gebäude verkleiden, verwendete das Studio natürlich lokale Baumarten. Ginkgo, Zimt-Ahorn, Liguster und Chinesische Winterblüte – nur um einige zu nennen. Der Easyhome Huanggang Vertical Forest City Complex verfügt außerdem über 4.620 Sträucher und 2.408 Quadratmeter, die von Gräsern, Blumen und Kletterpflanzen bewachsen sind.

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Spannend ist, dass Stefano Boeri nicht einfach sein Mailand-Konzept kopiert. Stattdessen passt er es stets an die jeweiligen Gegebenheiten an. Und damit ist nicht bloß die Adaption der Pflanzenarten gemeint. Vielmehr hat er die Struktur des chinesischen Komplexes so entworfen, dass sich das Blattwerk besonders gut in die Balkone der Fassadengestaltung einfügt. „Die Huanggang-Version zeichnet sich durch Balkonfenster aus, die mit Zimmerpflanzen versehen sind,“ sagt er. Hintergrund: Aufgrund der teilweise schlechten Luftqualität in der Region müssen selbst Freiflächen so konzipiert werden, dass man sie abkapseln kann.

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Auf die von ihm gewählte Art und Weise würde der „Entwurf aber jederzeit einen hervorragenden Blick auf die von Bäumen gesäumten Fassaden ermöglichen. So wird die sensorische Erfahrung des Grüns verstärkt und die Pflanzenlandschaft in die architektonische Dimension integriert“, so Boeri. Und weiter: „So haben die Bewohner der Wohntürme die Möglichkeit, den städtischen Raum aus einer anderen Perspektive zu erleben und gleichzeitig den Komfort zu genießen, von Natur umgeben zu sein.“ Also, selbst bei geschlossenen Fenstern.

Auch Büroflächen im Vertical Forest

Was uns wieder zu Stefano Boeris Wahrnehmung führt, warum gerade in China seine Vertical Forests so viel Sinn machen würden. Und das sieht man wohl auch in der Volksrepublik selbst so – der nächste senkrechte Wald wird demnächst in Nanjing gen Himmel wachsen. In beiden Komplexen sind übrigens nicht bloß Wohnungen integriert, sondern Hotels und vor allem Büroflächen. „In China entwerfen wir viele verschiedene Versionen von vertikalen Wäldern in unterschiedlichen Höhen und von unterschiedlicher Beschaffenheit“, so Boeri.

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Und dabei bekommt er von seinem chinesischen Bauherrn kräftigen Rückenwind: „Die Fertigstellung des Huanggang Vertical Forest City Complex ist ein großer Schritt in der Umsetzung des grünen Konzepts von Stefano Boeri in China“, sagt Xu Yibo in einer offiziellen Pressemitteilung. „Dieses Projekt ist eine sehr beruhigende Nachricht für uns alle: Wir hoffen, dass eines Tages jeder von uns die Möglichkeit haben wird, in seinem eigenen privaten Bereich und nicht nur in öffentlichen Gebäuden naturnah zu leben.“

Vision besonderer Qualität

Eine Aussage, die zwischen den Zeilen vor allem den offenbar recht hohen Leidensdruck in Sache Umweltverschmutzung zum Ausdruck bringt. Und wohl deutlich macht, wie richtungsweisend die Vision von Stefano Boeri wirklich ist.

Text: Johannes Stühlinger Bilder: RAW Vision Studio; Paolo Rosselli

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