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12/28/2020

Top-Award für Visionär Tschapeller

Der österreichische Architekt Wolfgang Tschapeller wurde mit dem European Prize for Architecture 2020 ausgezeichnet. Die Jury des begehrten Awards lobt den Visionär als Genie und „großen Träumer“. Und sie würdigt explizit auch seine nicht realisierten Ideen und Werke.

Wenn die Jury eines derart bedeutenden Awards Worte wie „einzigartiges architektonisches Genie“ oder „brillant verblüffend“ in den Mund nimmt, hat das Gewicht. Wird ein begehrter Architekturpreis obendrein explizit auch für unverwirklichte Entwürfe verliehen, ist die Entscheidung umso interessanter. Im Fall des European Prize for Architecture 2020 trifft beides zu. Und dieser geht an den österreichischen Architekten Wolfgang Tschapeller, der sich damit in illustrer Gesellschaft befindet. Denn zu den bisherigen Empfängern des höchsten Architektur-Awards Europas zählen unter anderen Größen wie Henning Larsen, Bjarke Ingels, Santiago Calatrava oder Manuelle Gautrand.

Preis für große Ideen

Verliehen wird der Europäische Architekturpreis jährlich vom Chicago Athenaeum und dem European Centre for Architecture Art Design and Urban Studies. Er würdigt Architekten, deren Arbeit die höchsten Ideale der europäischen Zivilisation widerspiegelt und eine Vision, Engagement und tiefen Respekt für Menschheit und soziale und physische Umwelt verkörpert.

Zukunft im Fokus

Der Award ist keine „Auszeichnung fürs Lebenswerk“. Er soll vielmehr dazu anregen, neue Ideen zu unterstützen und zukunftsorientiertes Denken zu fördern. Gern auch durchs Ausreizen üblicher Grenzen, wenn sich dadurch Größeres erreichen lässt. Vorgaben, die Tschapellers Werk in jedem Punkt erfüllt.

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Kein Wunder also, dass die Jury den gebürtigen Tiroler Tschapeller mit überschwänglichem Lob bedenkt. So urteilt etwa Architekturkritiker Christian Narkiewicz-Laine, Präsident des Chicago Athenaeum: „Dies ist ein seltener Könner von höchstem Intellekt und Vision. Und obwohl er bis heute bedauerlicherweise nur sehr wenig gebaut hat, sind seine Werke viel größere Entwürfe, Ideale und Visionen dessen, was die reinste und tugendhafteste architektonische Idee wirklich erreichen kann“. Wolfgang Tschapeller sei „ein Architekt, der träumt und groß träumt“.

Kreativer Philosoph

Betrachtet man Entwürfe des 1956 in Dölsach geborenen Preisträgers, wird rasch nachvollziehbar, was Narkiewicz-Laine meint. Seit den Anfängen in den 1990er Jahren konzentrierte sich Tschapeller aufs intellektuelle Phänomen des architektonischen Entwurfs.

Projekte wie das Musiktheater Linz (1998 und 2006) und das Linzer Krematorium (1999) scheinen keine reale Struktur zu haben. Sie schweben vielmehr majestätisch als abstrakte und strenge geometrischekonstruktivistische Form. Diese zeuge vom Versuch des Architekten, seine Theorien über die moderne Industriegesellschaft und den urbanen Raum zu reflektieren, meint das Auswahlkomitee.

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„Die Gebäude sind teils Literatur, teils Futurismus, wobei die Unterscheidung zwischen beiden völlig verschwimmt“, schreibt Narkiewicz-Laine. Und er fügt hinzu: „Wie die russischen Konstruktivisten lehnt Tschapeller die dekorative Stilisierung zugunsten der industriellen Assemblage von Materialien und Bauteilen der Gebäude ab“. Dieses Phänomen sei allen Entwürfen dieses Architekten gemeinsam.

Die meisten von Tschapellers Gebäuden scheinen zu schweben, der Schwerkraft zu trotzen oder einfach Teil eines schwer fassbaren Traumzustands zu sein

Christian Narkiewicz-Laine, Präsident des Chicago Athenaeum

„Schwebende“ Strukturen

In Tschapellers mit Jesper Bork entwickeltem Wettbewerbsbeitrag für die Nationalbibliothek der Tschechischen Republik (Prag, 2006) sieht die Jury „ein Spiel mit der Geometrie, das auf der alles beherrschenden leeren Fläche der Letná-Ebene schwebt“. Die Oberfläche des Geländes ist an drei Seiten aufgeschlitzt und aufgeklappt. Dadurch entstehen zwei Bezugsfelder: Eines horizontal und in den Boden eingelassen, das andere aus dem Boden gedreht und regalartig.

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Auch Wolfgang Tschapellers Beitrag zum Bauhaus-Europa-Wettbewerb in Aachen wird in der Lobrede erwähnt. Der Entwurf errang 2006 den ersten Platz. Fürs Auswahlkomitee des Top-Awards 2020 zeigt er, welchen Raum zeitgenössische Architektur einnehmen kann, wenn sie die kulturelle Entwicklung Europas reflektiert. Das Projekt kam allerdings nach einem Bürgerentscheid nicht zustande.

Tschapellers architektonischer Ausdruck entsteht nicht direkt aus der Realität der Welt, wie wir sie sehen, sondern aus Bildern in seinem kreativen Kopf. Und aus mehreren Ebenen einer Realität, wie er sie sich vorstellt

Christian Narkiewicz-Laine, Präsident des Chicago Athenaeum

Der Entwurf fürs Europäische Kulturzentrum in Aachen lässt die Verbindungslinien der historischen Ordnung des Stadtraums aufleben. Von der römischen über die karolingische bis zur postindustriellen. Wie eine riesige, gefaltete und begehbare Landkarte. Ein „unendliches Dokument“, das sich mit der Aufzeichnung europäischer Geschichte über das gesamte Gelände erstreckt. Die Preisrichter bezeichnen es als „eine Art Mobile, das den Besucher mit ständig wechselnden Positionen konfrontiert“.

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Ein anderer Entwurf, auf den der Europäische Architekturpreis eingeht, ist jener für das Einfamilienhaus St. Joseph in Niederösterreich (2007). Dort konzipierte Tschapeller ein asymmetrisches, bewegliches Wohnhaus aus Beton, das auf vier eigenwillig disproportionalen Stützen steht.

Freundlich, aber nicht „angepasst“

Schräg und minimalistisch „wie ein Raumschiff“, werde das Haus zum stilisierten Ausdruck seiner selbst, beschreibt die Award-Jury: „Facettierte Wände und unkonventionell geformte Fenster ergeben die ungewöhnliche, futuristische Geometrie der Räume. Das eigenwillige Endprodukt nickt den dörflichen Nachbarn zwar quasi freundlich zu, passt sich seiner Umgebung aber sonst nicht an“.

Diese frühen Projekte sind kühne, mutige Unternehmungen: Wenn keines den Anschein erweckt, Sinn zu ergeben oder einer einfachen, pragmatischen Lösung des architektonischen Problems zu ähneln, hat dieser Architekt sein Ziel erreicht

Christian Narkiewicz-Laine, Präsident des Chicago Athenaeum
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Auch die neueren Arbeiten des Österreichers, die das Auswahlkomitee hervorhebt, brillieren durch außergewöhnliche Ideen. Da wäre etwa das Projekt, das Tschapeller für den Wettbewerb zum Grazer Med-Campus entwarf (2009 / 2010).Mit Tragwerksplaner Ernst Mayer und SGLW-Architekten wurde ein Gebäude für die Schnittstelle von Stadt und Landschaft konzipiert.

Schwungvoll und monumental

Zwei robuste Komplexe ragen aus einer fragmentierten Gebäudelandschaft. Ein hoher, geschwungener Raum erstreckt sich über 325 Meter Länge und 30 Meter Höhe. Begrenzt wird er von zwei gleich hohen Flanken. Damit scheint das Bauwerk den sich verjüngenden Raum des Tals zu verewigen.

Kontrovers und futuristisch

Zwischen 2010 und 2020 ließ Tschapeller weitere, viel diskutierte Werke folgen. Diese verkörpern einige seiner wesentlichsten Ideen. So, wie sein Vorschlag zur Neugestaltung des Campus der Wiener Universität für Angewandte Kunst, der 2012 Platz eins im internationalen Wettbewerb errang. Tschapeller präsentierte „sechs Punkte“ zur Rekonstruktion – einschließlich Abriss, Dislokation, Entfernung und Wiederherstellung.

Das Ergebnis lobt die Jury des European Prize for Architecture 2020 als „ätherisch anmutendes Gebäude“. Besondere Erwähnung fanden die „in einer Geste des Futurismus“ auf dem Gebäude positionierten „pneumatischen Ballons“.

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Im selben Jahr gewann Tschapeller einen Wettbewerb für ein Projekt in Belgrad. Sein Masterplan für das dortige neue Zentrum zur Förderung der Wissenschaft präsentierte eine vom Boden losgelöste, auf Podesten ruhende Anlage. Dieses Konzept der „schwebenden Stadt“ taucht auch in seinem Projekt Via Flaminia Rom (2015) auf, wo die erhöhten Gebäude als „wissenschaftlicher Himmel“ verstanden werden.

Poet und Architekt Tschapeller

Die Gebäude „schützen“ den öffentlichen Raum, statt ihn zu „besetzen“, heißt es in der Erklärung zum European Prize for Architecture . Für den Athenaeum-Chef sind Projekte wie dieses Anlass zur Frage: „Poesie oder Architektur oder beides, Poesie als Architektur?“

In diesem rücksichtslosen, COVID-geprägten und eintönigen zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gibt es Gott sei Dank noch Visionäre

Christian Narkiewicz-Laine, Präsident des Chicago Athenaeum

Für Science Island Kaunas in Litauen entwarf Wolfgang Tschapeller 2016 ein neues Nationales Wissenschafts- und Innovationszentrum (siehe Beitragsbild). Es schwebt zwischen einer Insel und der Stadt und schafft einen unerwarteten Außenraum. Mit einer Größe von 9000 Quadratmetern GIA ist der Fußabdruck des Gebäudes auf der Insel Nemunas minimal. Das Projekt besteht aus zwei Säulen, einem Aufzug, einer Rolltreppe und einer Treppe – alles zusammen weniger als 50 Quadratmeter. Das Zentrum dockt an ein Netz zusammenlaufender Wege an, die Besucher in sein Inneres leiten.

Ein „Raumschiff“, ganz in Weiss

Für die Jury des europäischen Architekturpreises 2020 wirkt das Science Center „wie ein majestätisches weißes Raumschiff“. Eines, „dessen schweres, skulpturales Dach ein atemberaubendes, völlig minimalistisches, abstraktes Interieur enthält“.

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Auch Wolfgang Tschapellers Entwurf für den Andreas-Hofer-Platz in Graz wird im Zuge der heurigen Ehrung detailliert hervorgehoben. Herzstück ist ein spektakulärer zylindrischer und vertikal gedrehter Turm.Das Projekt errang Platz drei im Wettbewerb (2013/2015).

Die „hängende“ Bibliothek

Eines der jüngsten Projekte des Preisträgers ist die neu renovierte Bibliothek der Cornell University. Tschapeller designte in der neuen Mui Ho Fine Arts Library der Universität faszinierende Hängeregale für über 100.000 Bücher. Um Platz für die massive Regalstruktur zu schaffen, entfernte der Architekt das bestehende dritte Stockwerk des Gebäudes. Sein Ziel: Eine Interpretation der großen, mit Forschungssammlungen verbundenen Lesesäle des 21. Jahrhunderts.

„Schwindelerregender“ Tschapeller

Die Ebenen der Regale bestehen aus Stahlgitterrosten. Gehwege verbinden die Büchergänge und die Bibliothek mit Seminarräumen und Büros. Die Regaleinheiten sind ohne Wände gestaltet um „Transparenz“ zu schaffen. Das gesamte Volumen von mehr als 125.000 Büchern hängt von den Dachbalken herab, ohne den Boden zu erreichen. Eine Struktur, die „selbst Piranesi Schwindel verursachen würde“, wie Narkiewicz-Laine urteilt.

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Der Präsident des Chicago Athenaeum bedauert, dass „die meisten Arbeiten von Tschapeller unrealisierte Papierprojekte“ sind: „Es wäre interessant zu sehen, ob seine hochkonzeptionellen Arbeiten in den Mülltonnen-Archiven der großen westlichen Architektur neben jenen von Ledoux und Boullée landen. Oder ob sie tatsächlich eines Tages vollständig gebaut und realisiert werden und die prophetischen Möglichkeiten eines echten architektonischen Denkens demonstrieren."

Viel Lob von höchster Stelle, das vorerst ohne feierliche Zeremonie übermittelt werden muss: Die Gala zur Verleihung des European Prize for Architecture kann der Covid-Pandemie wegen erst im Herbst 2021 stattfinden. Was der Ehre freilich keinen Abbruch tut.

Mit Wolfgang Tschapeller hat das Auswahlkomitee einen Baukünstler ausgezeichnet, der neben seiner Tätigkeit als Architekt umfangreich forscht und lehrt.

Tschapeller ist ein 'denkender Architekt' in einer Linie mit Piero della Francesca, Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer, Wenzel Jamnitzer, Abraham Bosse, Girard Desargues und Père Nicon

Christian Narkiewicz-Laine, Präsident des Chicago Athenaeum
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Der Intention des Preises alle Disziplinen zu fördern, die positive Wirkung auf die gebaute Umgebung haben, entspricht der in Wien lebende Tiroler auch sonst perfekt: Vor seinem Architekturstudium an der Universität für angewandte Kunst absolvierte der Meister eine Tischlerlehre. Und die Cornell University war ihm von früher wohlbekannt. Schließlich war er vor Jahren Student des Masterprogramms der renommierten US-Universität und später dort auch Gastprofessor.

Forscher, Lehrer & Star-Architekt

Seit 2005 ist Wolfgang Tschapeller Professor für Architektur an der Akademie der bildenden Künste Wien. Dort leitet er seit 2012 das Institut für Kunst und Architektur.Aktuell arbeitet er unter anderem an einem Brückenprojekt für Graz.

Text: Elisabeth Schneyder Bilder: Wolfgang Tschapeller, Christian Grass / The European Centre

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