01-Living-Landscape-JacobMacFarlane-1024x576
UBM Development | Anzeige
11/30/2021

Superblock für die Klimawende

Living Landscape heißt das zukunftsweisende Projekt von Jakob+MacFarlane, das eine Mülldeponie in Reykjavík transformiert. Hier entsteht Islands größtes Holzgebäude und eine Natur-Oase mitten im Industriegebiet.

Auf einem kleinen, verschmutzten Stück Land wird exemplarisch das Rad der Zeit zurückgedreht. Anstelle einer Mülldeponie am industriellen Stadtrand von Reykjavík wird in den kommenden Jahren ein festungsgleicher Holzbau mit einer Landschaft in seiner Mitte entstehen, wie man sie zu vorindustriellen Zeiten hier vorfand. Das Projekt mit dem programmatischen Namen Living Landscape ist einer der Siegerprojekte des internationalen Wettbewerbs „Reinventing Cities“.

Die Müllhalde hat in diesem Projekt durchaus auch symbolischen Charakter. Sie ist die reale und ideelle Endstation unserer linearen Produktionsketten. In einer kreislauffähigen Wirtschaft, wie sie auch von Vertretern des Prinzips Cradle-to-Cradle gefordert wird, schafft sich der Müll selbst ab. Ein Prinzip, das von der Natur abgeschaut ist.

Architektur als heilendes Pflaster

Das französische Architekturbüro Jakob+MacFarlane klebt mit seinem Entwurf eine Art heilendes Pflaster über das industrielle Wasteland. „Das Projekt will auf einem verschmutzten Gebiet ein Stück authentische Naturlandschaft wiederherstellen. Damit sollen Jahre der Umweltzerstörung wiedergutgemacht und eine ehemals schöne Küstenlandschaft wieder heil werden“, heißt es von den Verantwortlichen des Projektes, das vom isländischen Studio T.ark unterstützt wird.

02-Living-Landscape-JacobMacFarlane-aerial

Intakte isländische Landschaften standen für das Projekt Modell. In dieser möglichst naturnahen Landschaft sollen sich heimische Tierarten wieder ansiedeln. „Diese grüne Oase wird durch geothermische Wärme vor dem Zufrieren geschützt. So entsteht ein eigenes Mikroklima und – so hoffen wir – ein neuer Lebensmotor.“

Islands größtes Holzgebäude

Umrahmt wird die Naturidylle von einem Holzgebäude, das wie ein Superblock die Oase umschließt. Es wird die bislang größte Holzkonstruktion ihrer Art in Island sein. Auch die angepeilte Bilanz auf ihrem CO₂-Konto kann sich sehen lassen. In Summe: null Komma null. Der Null-Emissionsblock wird auf einer Fläche von 26.000 Quadratmetern Wohnungen, Büros, Kinderbetreuungseinrichtungen und Geschäfte beherbergen.

Die Holzbauweise reduziert den in Außenwänden verbauten Kohlenstoff um fast 80 Prozent verglichen mit einem typischen Betonbau in Island.

Jacob + MacFarlane, Architekturbüro

Das Projekt Living Landscape war unter den 49 Siegerprojekten des „Reinventing Cities“-Wettbewerbs, der vom globalen Netzwerk C40 Cities ausgerufen wurde. Ziel der Initiative ist es, bisherige Schubladen zu verlassen und die Stadt neu zu denken. Wenig genutzte Flächen im urbanen Raum sollen als Leuchtturmprojekte der Nachhaltigkeit und Resilienz erstrahlen. Die Müllhalden-Transformation in Reykjavík soll 2026 abgeschlossen sein und als Prototyp für weitere Developments in der isländischen Hauptstadt dienen.

03-Living-Landscape-JacobMacFarlane-farming

Verbaute und betriebliche Kohlenstoff-Emissionen

Das siegreiche Projekt soll einen Kompass liefern auf dem Weg zur Klimaneutralität und Wege der CO₂-Einsparung aufzeigen. Bei dem geplanten Holzbau soll verbauter Kohlenstoff – also Emissionen, die bei der Baustoffherstellung und im Bauprozess anfallen – ebenso minimiert werden wie Emissionen im laufenden Betrieb des Gebäudes.

Die meisten Nachhaltigkeitszertifikate, die es derzeit im Baubereich gibt, legen das Augenmerk hauptsächlich auf die Energieeffizienz eines Gebäudes. Doch das ist laut Umweltexperten zu kurz gegriffen. Ein möglichst ganzheitliches Bewertungssystem will dieInternational Organization for Standardizationnun mit einem neuen ISO-Standard schaffen.

Holzbauweise und CO₂-Kompensation

Jakob+MacFarlane und T.ark streben mit ihrem Projekt CO₂-Neutralität an. Das heißt, wo es möglich ist, sollen Emissionen vermieden werden. Living Landscape wird durch die Holzbauweise mit vorgefertigten CLT-Elementen schon einen großen Teil an Emissionen einsparen, so das Architekturbüro. „Die Holzbauweise reduziert den in Außenwänden verbauten Kohlenstoff um fast 80 Prozent verglichen mit einem typischen Betonbau in Island.“

Wo es nicht möglich ist, soll CO₂ kompensiert werden, entweder durch Renaturierung von Feuchtgebieten oder durch Aufforstung. Eine weitere Kompensationsmöglichkeit bietet Orca. Es ist die weltweit größte Anlage, um Kohlendioxid aus der Luft zu filtern und in Gestein umzuwandeln. Sie ist kürzlich in der Nähe von Reykjavík in Betrieb gegangen und soll im Jahr 4.000 Tonnen CO₂ aus der Luft filtern.

Text: Gertraud Gerst Visualisierungen:Jacob + MacFarlane

Lesen Sie weiter im UBM Magazin, der Plattform für Immobilienwirtschaft, Stadtplanung und Design.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.