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08/11/2021

Smarte Baustoffe vom Webstuhl

Neue 3D-Webtechniken könnten die Baubranche revolutionieren, sagt die niederländische Designerin Hella Jongerius. Beton und Zement könnten so durch leichte und smarte Baumaterialien ersetzt werden. Textilien sind das leichteste und zugleich stärkste Konstrukt, das es gibt.

Das Weben und die Digitalisierung haben viel gemeinsam. Manche gehen sogar so weit und sagen, ohne diese jahrtausendealte Kulturtechnik gäbe es keine Digitalisierung. Der Grund liegt im binären Code, auf dem beide Systeme beruhen. Der Schussfaden ist entweder unter oder über dem Kettfaden, der Code ist also entweder Null oder Eins. Die Verbindung dieser beiden Disziplinen in Form von computergestützten 3D-Webtechniken könnte gänzlich neue Baustoffe hervorbringen und die Architektur revolutionieren. Davon ist Hella Jongerius überzeugt.

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Die niederländische Künstlerin und Designerin zeigt derzeit in einer Einzelausstellung im Berliner Gropius Bau, wie diese neuen Baustoffe aussehen und funktionieren könnten. „Kosmos Weben“ ist der Titel der Ausstellung, die im Rahmen des 70-jährigen Jubiläums der Berliner Festspiele läuft. Dafür hat sie ihre Design-, Kunst- und Forschungswerkstatt Jongeriuslab für die Dauer der Ausstellung in den Gropius Bau verlegt.

Gewebte Baustoffe statt Beton

In einem Raum hängen gewebte, dreidimensionale Objekte an der Wand. Sie wirken wie Requisiten aus einem Science-Fiction-Film. Manche sind mit Photovoltaikbändern und leitfähigen Garnen verwoben, die die Strukturen zum Aufpoppen oder zum Leuchten bringen. Diese textilen Gebilde gehen der Frage nach, wie Weberei und Technologie sich miteinander verbinden und neue, nachhaltige Baustoffe hervorbringen können.

Textilien sind das leichteste und zugleich stärkste Konstrukt, das es gibt. Damit könnten wir Beton und Zement in der Baubranche ersetzen.

Hella Jongerius, Künstlerin und Designerin

Jongerius experimentiert seit einigen Jahren auf diesem Gebiet. Sie hat einen eigenen computergestützten Webstuhl kreiert, den Space Loom #2, mit dem sie das Weben von dreidimensionalen und multiaxialen Strukturen erforscht. Die so entstandenen Arbeiten definiert sie als Vorläufer einer neuen Art von „Pliable Architecture“ (biegsame Architektur).

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Gewebte Strukturen und Baustoffe, das wirkt im ersten Moment wie ein Gegensatz. Aber die Designerin erklärt: „Textilien sind das leichteste und zugleich stärkste Konstrukt, das es gibt.“ Gewebte Strukturen benötigen weniger Material, daher sind sie wirtschaftlich sinnvoll und umweltschonend. „Damit könnten wir Beton und Zement in der Baubranche ersetzen“, sagte sie in einem Talk mit dem Dezeen-Magazin.

Smarte Baumaterialien der Zukunft

Das 3D-Weben steckt derzeit noch in seinen Kinderschuhen, wird aber bereits für hochtechnische Verbundwerkstoffe und im Flugzeugbau verwendet. Die Technologie könnte durchaus auch in einem größeren Maßstab angewendet werden, etwa im Bau von Gebäuden, argumentiert Jongerius.

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Genau wie in ihren experimentellen Webkonstrukten könnten Baustoffe künftig mit Photovoltaikgarnen verwoben und so zu smarten Materialien werden. Es würde den Weg für eine Architektur ebnen, die auf Wetterverhältnisse reagiert. Mit Solargarnen könne man die Solarpaneele auf Dächern oder in Feldern durch Strukturen oder Skulpturen ersetzen. „Das ist die Zukunft“, ist Jongerius überzeugt. „Es könnte Balkone geben, die aufpoppen, wenn die Sonne scheint.“

Design mit Weitblick

Hella Jongerius betreibt seit 1993 ihre Design- und Forschungswerkstatt Jongeriuslab in Berlin. Für Kunden wie Vitra, Maharm oder Danskina entwirft sie Möbel, Textilien und Keramikarbeiten. Sowohl in ihrer kommerziellen als auch in ihrer künstlerischen Arbeit beschäftigt sie sich mit Themen wie nachhaltige Innovation und verantwortungsvolle Produktion.

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Im Designen sei es wichtig, immer den Zeitgeist im Blick zu haben, sagt Jongerius. „Wir sind mit einer Klimakrise konfrontiert, und in der Folge mit einer globalen Pandemie. Als Designerin fühle ich mich verantwortlich und folge meinem moralischen Kompass. Das war immer schon ein sehr wichtiger Aspekt meiner Arbeit.“

Die Ausstellung Kosmos Weben konnte bis 14. August 2021 im Berliner Gropius Bau besichtigt werden. Eine virtuelle Besichtigung ist auch nach dem Ende der Ausstellung noch möglich. Auf der Website der Berliner Festspiele führt Hella Jongerius in einem Video-Rundgang durch die unterschiedlichen Bereiche mit zum Teil interaktiven Elementen. Zudem können Interessierte die einzelnen Räume über eine 3D-Animation auf eigene Faust erkunden.

Text: Gertraud Gerst Fotos: Laura Fioro, Jongeriuslab

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