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11/23/2020

Obel Award 2020 für Anna Heringer

Architektin Anna Heringer baut mit Lehm, Bambus und gutem Gewissen. Nachhaltig. Mit und für Menschen, deren Leben dadurch besser werden soll. Preisgekröntes Engagement, das jetzt auch von der hochkarätigen Jury des neuen Obel Award 2020 gewürdigt wurde.

Im Norden von Bangladesch, inmitten grüner Reisfelder, verbirgt sich ein neues architektonisches Juwel. Aus Lehm und Bambus gebaut. Und nur zwei Etagen hoch. Eine große Rampe windet sich zum ersten Stock der geschwungene Wände. Darunter bieten Erdhöhlen Kindern geborgenen Raum für Ruhe oder Spiel. Der Name des mit dem Obel Award 2020 ausgezeichneten Gebäudes lautet „Anandaloy“. Im lokalen Dialekt steht dies für „Ort der tiefen Freude“. Aufs Erste wirkt das jüngste Meisterwerk der deutschen Architektin Anna Heringer unscheinbar. Doch was sie hier, in Rudrapur im ländlichen Dinajpur, geschaffen hat, ist bedeutender als viele nachhaltige Prachtbauten dieser Zeit.

Architektur, die Leben besser macht

Für Anna Heringerist „Architektur ein Werkzeug, das Leben besser macht“. Ob im europäischen, asiatischen oder afrikanischen Kontext: Die Architektin setzt auf lokale Materialien, Energiequellen und Handwerk. Und sie verbindet all dies mit globalem Know-how. Lehm gibt es vor Ort reichlich und kostenlos. Errichtet wurde „Anandaloy“ von Bauern aus der Umgebung. Bambusholz wurde bei nahen Gehöften eingekauft. So wurde der Großteil des Budgets in der Region investiert und deren Entwicklung gefördert.

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Der von der Henrik-Frode-Obel-Stiftung verliehene Award ist selbst noch neu. Dass sich seine Jury für Anna Heringer und „Anandaloy“ entschied, kommt nicht von ungefähr. Denn die internationale Ehrung würdigt herausragende architektonische Beiträge zur menschlichen Entwicklung. Schwerpunkt des zweiten, 2020 vergebenen Preises war „kreative Besserung durch klimafreundliches Bauen oder Gestalten“.

Neuer Award mit Top-Jury

Mag sein, dass der Obel Award abseits von Fachkreisen noch Bekanntheit gewinnen muss. Seine Jury indes könnte kaum prominenter besetzt sein: Mit Snøhetta-Mitbegründer Kjetil Trædal Thorsen und Henning Larsen-Partner Louis Becker zählen berühmte Architekten zum Team der Entscheider. Ebenfalls dabei sind DnA Architects Gründerin XU Tiantian und der deutsche Philosophie-Professor Wilhelm Vossenkuhl. Und den Vorsitz führt die renommierte US-Landschaftsarchitektin, Harvard Professorin und Studio Gründerin Martha Schwartz.

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„Anna Heringer gelingt es, all ihre Werte zu integrieren. Sie baut nachhaltig und nutzt vorhandene Materialien, um Menschen zu beteiligen, damit sie lernen können, für sich selbst zu bauen“, begründet Schwartz die Entscheidung der Obel Award Jury. „Anandaloy“ sei ein herausragendes Original, das neue Möglichkeiten schafft. Man spüre Heringers Respekt vor Kultur, Volk und Land. Und: „Anna ist absolut engagiert bei dem, was sie tut“.

Hohes Lob für Anna Heringer

Es sei, so Schwartz, wie bei der Betrachtung eines großen Kunstwerks: „Man sieht, dass eine gute, zielgerichtete Absicht dahintersteht.“ Was das preisgekrönte Projekt für in seiner Standort-Region sonst benachteiligte Menschen leistet, beeindruckte die Jury umso mehr.

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„Anandaloy“ beherbergt ein Therapiezentrum für Menschen mit Behinderungen. Mit seiner Rampe ist es ungewöhnlich für diese Region, in der Behinderung oft als Gottesstrafe oder schlechtes Karma gilt. Im obersten Stock befindet sich ein Atelier. Dort produzieren Schneiderinnen aus umliegenden Dörfern faire Mode und Kunst: „Dipdii Textiles“ schafft Arbeitsplätze und damit Chancen, die Frauen hier sonst fehlen.

Es gibt viel schöne Architektur. Aber Schönheit ist nicht genug. Architektur muss den Menschen einen Sinn geben. Und sie muss zur Gesundheit des Planeten und zur sozialenGerechtigkeit beitragen. Das ist, was ich mit meiner Arbeit zu tun versuche

Architektin Anna Heringer

Die Architektur des Gebäudeserforscht die plastischen Fähigkeiten von Lehm, um stärkere Identität zu schaffen. Bislang gilt Schlamm als schlechtes, altmodisches Material und ist etwa dem Ziegel unterlegen.

Comeback für den Baustoff Lehm

Doch das Studio Anna Heringer sieht’s anders: „Für uns spielt es keine Rolle, wie alt das Material ist. Es ist eine Frage unserer kreativen Fähigkeit, es auf zeitgenössische Weise zu nutzen. Um die Schönheit und Kapazität von Lehm zu zeigen, ist es notwendig, das Beste aus ihm herauszuholen und ihn nicht nur als billigere Version des Ziegels zu behandeln“. Eine Ansicht, die inzwischen auch andere bekannte Architekten vertreten. Dies beweist aktuell etwa der neue Alnatura-Firmensitz in Darmstadt.

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Als Berater in Sachen Lehmbau stand Heringer der österreichische Experte Martin Rauch zur Seite. Die besondere Lehmtechnik, die beim Bau von „Anandaloy“ angewendet wurde, wird als „cob“ bezeichnet. Schalung ist dabei nicht erforderlich. Und Kurven sind damit ebenso einfach herzustellen wie gerade Wände. Im Gegensatz zu anderen Gebäuden in diesem Bereich ist Anandaloys Grundriss nicht rechteckig. Das Haus „tanzt“ in Kurven und die Rampe windet sich spielerisch um seine innere Struktur.

Symbol für Freude an Vielfalt

Mit dieser ungewöhnlichen Form wird auch ein Signal gesetzt. Ein Symbol für eine Weltsicht, die Architektin Anna Heringer am Herzen liegt: „Es ist großartig, dass wir Menschen alle verschieden sind. Mit seinen freudigen Kurven sendet das Gebäude die Botschaft aus: Vielfalt ist wunderbar!“

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Das faszinierende Projekt basiert auf Lernprozessen fünf früherer Projekte, die Anna Heringer in Rudrapur verwirklicht hat. Doch während andere unter deutscher Aufsicht standen, wurde die „Anandaloy“-Baustelle von Montu Ram Shaw, einem Bauunternehmer aus Bangladesch geleitet. Und zwar gemeinsam Lehm- und Bambusarbeitern des Dorfes. Auch Menschen mit Behinderung waren mit im Team.

Auf diesem Weg konnte ein weiteres Ziel des Studios Anna Heringer erreicht werden: Know-how-Transfer, der den Menschen vor Ort neue „Werkzeuge“ in die Hand legt, die ihr Leben besser machen können.

Großes aus einfachsten Mitteln

„Es ist mir wichtig, zu zeigen, dass man mit einfachen Ressourcen ein modernes zweistöckiges Haus bauen kann“, erklärt die Architektin. Schlamm sei nicht einfach „nur Schmutz“: „Lehm ist Baumaterial von hoher Qualität, das Sie zum Bau sehr genauer Strukturen nützen können. Nicht nur für kleine Hütten, sondern auch für große Anlagen und sogar öffentliche Gebäude. Lehmbauten können gesund, nachhaltig, umwelt- und menschenfreundlich und schön sein“.

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Vor allem auch die Einfachheit der Umsetzung ihres Projekts „Anandaloy“ habe wahre Glücksmomente beschert, schildert Obel-Preisträgerin Anna Heringer: „Lehm ist ein Material, das wirklich Integration ermöglicht. Alle haben vor Ort gearbeitet: Männer und Frauen, jung und alt, gesund und mit Behinderungen. Es war wunderbar für mich, dass die Arbeiter die Struktur in Eigenregie erstellt haben. Normalerweise würden sie warten, bis ihnen gesagt wird, was sie tun sollen. Aber hier waren alle damit beschäftigt, ihre eigenen Lösungen zu finden“.

Sinnvoller Wissenstransfer

Mit Erfolg. Und trotz der komplexen Geometrie des Entwurfs. Heringer: „Als sie mich dann herumführten, strahlten sie vor Stolz. Für mich ist es die größte Belohnung, wenn der Architekt nicht mehr gebraucht wird und Techniken und Know-how lokal verankert sind“.

Anna Heringer gelingt es, all ihre Werte zu integrieren. Sie baut nachhaltig und nutzt vorhandene Materialien, um Menschen zu beteiligen, damit sie lernen können, für sich selbst zu bauen

Martha Schwartz, Architektin und Jury-Vorsitzende
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Auch das, was in ihrem Projekt künftig vor sich gehen wird, ist der Architektin wichtig. Dass Menschen mit Behinderung ein Ort zur Verfügung steht, der ihren Bedürfnissen gerecht wird und Geborgenheit bietet. Und dass Frauen aus den Dörfern ihren Lebensunterhalt durch „Anandaloy“ vor Ort selbst verdienen können.

Projekte, die Chancen bieten

„Wir müssen Arbeit dorthin bringen, wo die Menschen sind. Dahin, wo sie ihre eigenen Ressourcen nutzen, ihre Häuser mit eigenen Händen errichten, ihre Nahrungsmittel anbauen und sich um ihre Familien kümmern können“. Denn wer – wie viele Bewohner ruraler Zonen – in ferne Städte pilgern muss, um seinen Lebensunterhalt zu erarbeiten, verliert all diese Unabhängigkeit.

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Für Anna Heringer ist es mit dem Design innovativer Bauwerke noch lange nicht getan. „Neben der Architektur sind wir auch für das Programm verantwortlich“, betont die Absolventin der Kunstuniversität Linz. Und fügt hinzu: „Normalerweise bauen Sie als Architekt das Behältnis. Was sich im Inneren abspielt, geht Sie nichts mehr an. Für uns ist allerdings auch das sehr wohl unsere Sache. Das Projekt überschreitet die Grenzen meiner Arbeit. Ich sehe mich selbst vor allem als Architektin. Aber auch als Sozialarbeiterin und Aktivistin".

Schönheit mit Sonnenkraft

Mit „Anandaloy“ demonstriert Heringer, dass „das Material unter unseren Füßen und die Dinge, die um uns herum wachsen, genügen, um Schönes zu schaffen“. Das mit dem Obel Award gekrönte Projekt wird vollständig mit Solarenergie betrieben.

Wiener Muster für Bangladesh

Inspiration für den Entwurf kam aus Bangladesch, aber auch aus Europa: So hat etwa die Fassade ein Wiener Webmuster, weil die Arbeiter dieses Design liebten und es sich leicht auf lokalen Bambus übertragen ließ. Ein schönes Detail, das perfekt zum Konzept passt. Schließlich wünscht sich Anna Heringer, dass Kreativität, Wissen und Fertigkeiten keine Grenzen kennen, sondern überall zugänglich sind.

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Als essenziell betrachtet die in der Kleinstadt Laufen aufgewachsene Baukünstlerin auch das Bewusstsein, dass die Welt sich stetig ändert. „Anandaloy“ ist so gebaut, dass es eines Tages wieder zu Staub wird: „Ich will abbaubare Gebäude machen. Ich will keinen Abfall zurücklassen. Wir können niemals voraussehen, was die kommenden Generationen brauchen“.Nur Wissen müsse von Dauer sein. Und davon hat die 1977 geborene Ausnahme-Architektin bereits viel gesammelt.

Ich will abbaubare Gebäude machen und keinen Abfall zurücklassen. Wir können niemals voraussehen, was die kommenden Generationen brauchen

Architektin Anna Heringer

Im Alter von 19 Jahren zog es die angehende Architektin nach Bangladesch. Fast ein Jahr lang lernte Anna Heringer vor Ort Bengali, machte sich mit nachhaltiger Entwicklungsarbeit, lokaler Kultur, Architektur und vorhandenen Ressourcen vertraut. Kenntnisse, die sie später auch als Honorarprofessorin des UNESCO-Lehrstuhls für Lehm-Architektur, Baukulturen und nachhaltige Entwicklung nützte.

Mehrfach ausgezeichnete Meisterin

Im Lauf der Jahre realisierte die junge Deutsche Projekte in Asien, Afrika und Europa. Ihre Arbeit ist längst mehrfach preisgekrönt. So etwa mit dem Global Award for Sustainable Architecture 2011, AR Emerging Architecture Auszeichnungen 2006 und 2008 und dem Aga Khan Award for Architecture 2007.

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Heringers Werke wurden unter anderem im MoMA und MAM São Paulo gezeigt. Ebenso, wie bei der Architekturbiennale Venedig. Dort erntete ihr Engagement zudem besonderes Lob von Pritzker-Preisträgerin und Grafton Architects Co-Gründerin Yvonne Farrell. Als Professorin gibt die engagierte Baukünstlerin Heringer ihr Wissen an Studenten in Harvard, der ETH Zürich, UP Madrid, TU München und der Linzer Universität der Künste weiter.

Bald mehr von Anna Heringer

Derzeit arbeitet Anna Heringer an Projekten in Ghana und an einem Zentrum für Nachhaltigkeit in Deutschland. Der Obel Award für „Anandaloy“ bestätigt einmal mehr die Bedeutung ihrer Intentionen und Leistungen. Die hochkarätige Jury bezeichnet das nur 253 Quadratmeter Grundfläche umfassende Lehmbauwerk als „bahnbrechend“.

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Dass es keiner gewaltigen Budgets und riesigen Gebäude bedarf, um grandiose Architektur zu schaffen, will Anna Heringer auch angehenden Baukünstlern vermitteln. Oft werde sie gefragt, wie man mit ethisch vertretbarer, nachhaltiger Architektur seinen Lebensunterhalt bestreiten könne.

Für Umwelt, Menschen & Gerechtigkeit

Und die Antwort der erfolgreichen Architektin macht Mut: „Folge deinem Herzen. Tust du etwas fürs Leben, für soziale Gerechtigkeit und einen gesunden Planeten, dann vertraue darauf, dass das Leben auch deinen Weg unterstützen wird“. Der mit 100.000 Euro dotierte Obel Preis helfe auch ihr selbst das fortzusetzen, was ihr Herz ihr sagt.

Text: Elisabeth Schneyder Bilder: Studio Anna Heringer, Stefano Mori, Kurt Hoerbst, Günter König, Benjamin Stähli

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