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04/19/2022

Mit Locals an einem Tisch

Im Kopenhagener Viertel Christianshavn hat ein Hotel eröffnet, das viele Konventionen hinter sich lässt. Im historischen Kanalhuset treffen sich Gäste und Locals beim Fællesspisning – nach Hygge der neueste dänische Lifestyle-Export.

Dass dies kein gewöhnliches Hotel ist, wird schon bei der Ankunft klar. Ein großes Schild mit dem Hotelnamen sucht man ebenso vergeblich wie eine Lobby oder Rezeption. Im Kopenhagener Hotel Kanalhuset lernt man schnell, das gelernte Verhalten abzulegen. Dem einzigen Schild mit der Aufschrift „Bar / Spisestuen“ folgend, trifft man schließlich im zweiten Stock auf ein Café und Personal, das sich ganz zwanglos um alle Anliegen kümmert: die Zimmerkarte überreicht, Tipps über die Gegend gibt und hausgemachtes Smørrebrød sowie Barista-Kaffee kredenzt.

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Wir wollten ein Hotel schaffen, in dem sich die Menschen wieder begegnen.

Lennart Lajboschitz, Unternehmer und Hotelgründer

Das Hotel liegt direkt am Kanal, im historischen Marineviertel Christianshavn. Die Beschilderung am und im Hotel ist minimal, und das hat Strategie: „Am Anfang gibt es diesen Moment der Verunsicherung, aber dann trifft man immer jemanden, der einem weiterhilft. Es schafft einen Anknüpfungspunkt“, erklärt Suzanne Lajboschitz, die das Hotel gemeinsam mit ihrem Mann 2020 eröffnet hat. Lennart Lajboschitz, der Gründer der weltweiten Einzelhandelskette Flying Tiger Copenhagen, zählt zu den erfolgreichsten Geschäftsleuten in Dänemark.

Ein Hotel mit Nahbeziehung

„Wir haben beide keinen Hotelier-Background. Das einzige, was wir zu Beginn hatten, war eine klare Mission: Wir wollten ein Hotel schaffen, in dem sich die Menschen wieder begegnen“, sagt er. Die beiden sind beruflich viel gereist und wollten dem unnahbaren Ambiente so mancher Luxushotels etwas entgegenstellen. Ihr erstes Hotel übernahmen sie in Hornbaek, einem dänischen Badeort im Norden der Insel Seeland.

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Das Hornbaekhus war zuvor ein klassisch geführtes Hotel, bis die Lajboschitz hergingen, und alles daraus verbannten, was Distanz schafft: die Rezeption, den Zimmerservice, die standardisierte Einrichtung. Die Mitarbeiter sollten keine vorgegebene Rolle spielen, sondern Persönlichkeit zeigen und unbefangen mit den Gästen umgehen. „Wir haben versucht, das ‚Hotel‘ aus dem Hotel herauszunehmen.“

Fællesspisning ist das neue Hygge

Ein zentrales Element für die gelingende Interaktion in ihren Hotels ist Fællesspisning, das gemeinschaftliche Abendessen. Die Gäste kommen um 19 Uhr, sitzen zusammen am selben Tisch und bekommen dasselbe Essen serviert. Im Hotel Kanalhuset ist es Chefkoch Kristofer Josefsson, der dem Publikum vor jedem Mahl seine saisonalen Menü-Kreationen vorstellt.

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Beim Essen treffen Hotelgäste auf Einheimische, bei denen das Angebot sehr beliebt ist. Für die Lajboschitz ist das gemeinschaftliche Dinieren eine Art Gegenentwurf zur steigenden Vereinzelung in der Gesellschaft, die sie mit statistischen Daten belegen. In der Kirche Absalon, wo sie 2015 ein gemeinnütziges Kulturzentrum eröffneten, haben sie Fællesspisning zum täglich ausverkauften Gesellschaftsevent gemacht.

Wir haben versucht, das ‚Hotel‘ aus dem Hotel herauszunehmen.

Suzanne und Lennart Lajboschitz, Hotelgründer

Das Konzept hat sich in den letzten Jahren zu einem wahren Trend in Kopenhagen entwickelt. Die Bandbreite reicht dabei von günstigen Angeboten wie im Folkehuset Absalon zu hochpreisigen Events mit Starköchen. Nach Hygge könnte Fællesspisning zum nächsten Lifestyle-Konzept werden, das als dänischer Exportschlager die Welt erobert.

Persönlichkeit als Interior-Konzept

Die Hotelgründer wohnen im Trakt nebenan und sind regelmäßig zu Gast beim Social Dining im Kanalhuset. „Im Gespräch mit den Tischnachbarn ergeben sich immer Verbindungen und Gemeinsamkeiten“, schwärmt Suzanne Lajboschitz. Zusammen mit ihrer Firma EEN Kobenhavn ist sie für das Interior des Hotels verantwortlich.

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Im denkmalgeschützten Haus aus dem Jahr 1754 gibt es 12 Boutique-Zimmer für kürzere Trips. Längere Aufenthalte lassen sich gut in einem der 14 Apartments verbringen, die mit Küche, begehbarem Kleiderschrank und Waschmaschine ausgestattet sind.

Vom sorgsam restaurierten Vintage-Mobiliar über das Geschirr-Service bis hin zu den Kunstwerken – alles ist handverlesen und stammt von Auktionen, Flohmärkten und Privatsammlungen. Die Betonung liegt dabei auf dänischem Mid-Century-Design. Der markante Unterschied zu einer gewohnten Hoteleinrichtung liegt darin, dass alle Räume individuell und persönlich eingerichtet sind. Sie vermitteln den Eindruck einer belebten Umgebung, als wäre man bei jemandem zu Hause eingeladen.

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Sightseeing im Laufen

Jeden Donnerstagmorgen bietet das Hotel einen kostenlosen Lauf-Club an, der vom begeisterten Run Buddy Ole Sørensen geleitet wird. Hotelgäste können gemeinsam mit der nachbarschaftlichen Lauftruppe die geheimen Ecken der Stadt erkunden. Ole stellt individuelle Routen durch Kopenhagen zusammen und vermittelt dabei sein Wissen über Geschichte und Architektur der Stadt.

Je nach Interesse und Kondition kann er auch spezielle Themenrouten anbieten, wie zum Beispiel die „20 Brücken-Tour“. Sie führt über die berühmte Cirkelbroen (Circle Bridge) von Ólafur Elíasson und die bewegliche Inderhavnsbroen (Innere Hafenbrücke), die den Ortsteil Nyhavn mit Christianshavn verbindet.

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Diversität im Publikum

„Die Absicht Menschen zusammenzubringen ist nur ein abstrakter Gedanke im Kopf, bis man es wirklich in die Tat umsetzt“, sagt Lennart Lajboschitz. „Und dazu braucht es Aktivitäten.“ Neben dem gemeinschaftlichen Essen und dem Lauf-Club bietet das Hotel auch offene Gruppen für Yoga, Häkeln und Stricken an. Dabei hat man als Hotelgast tatsächlich die Gelegenheit, Locals aller Altersgruppen kennenzulernen.

„Wir wollten diese Diversität“, bekräftigt er, und seine Frau ergänzt: „Sie ist etwas, das alle unsere Projekte gemeinsam haben – Hornbaekhus, Kanalhuset und Absalon.“ Gibt es Pläne für weitere Hotels? „Nein, es geht uns nicht so sehr um die Quantität, denn darum, eine gewisse Qualität zu entwickeln. Wir hoffen, dass es andere Menschen inspiriert, etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen.“

Text: Gertraud Gerst

Fotos: Kanalhuset, Gertraud Gerst

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