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UBM Development | Anzeige
09/15/2022

„Holzbau ist der größte CO₂-Hebel"

Seit der Jahrtausendwende erlebt einer der ältesten Baustoffe der Menschheit ein großes Revival. UBM CEO Thomas G. Winkler und Erich Wiesner, geschäftsführender Gesellschafter der Wiehag Holding, haben sich zum UBM Klimaschutzdialog getroffen, um über diese Bauwende zu sprechen.

Wie sehr der Holzbau derzeit boomt, zeigt sich unter anderem an diesem Lagerplatz. Das angelieferte Grünholz, das noch nicht getrocknet ist, liegt in hunderte Meter langen Reihen aufgestapelt. Demnächst wird es für Holzbauprojekte auf der ganzen Welt weiterverarbeitet. Um der enorm gewachsenen Auftragslage der letzten Jahre gerecht zu werden, hat der Holzbau-Pionier Wiehag im oberösterreichischen Altheim seine Kapazitäten und sein Gelände erweitert. Einer dieser Aufträge ist das Projekt Timber Pioneer, das die UBM Development derzeit im Frankfurter Europaviertel entwickelt.

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Thomas G. Winkler, CEO der UBM Development AG, und Erich Wiesner, geschäftsführender Gesellschafter der Wiehag Holding, erklären im Gespräch ihr gemeinsames Projekt, und was der Holzbau für den Klimaschutz leisten kann.

Die Firma Wiehag und die UBM Development verbindet ja ein gemeinsames Bauprojekt, das den Titel Timber Pioneer trägt. Herr Winkler, können sie kurz erklären, worum es dabei geht?

Thomas G. Winkler: Es ist ein Bürohaus in direkter Nachbarschaft zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung und deren Headquarter im Frankfurter Europaviertel. Es entstehen dort über 14.000 Quadratmeter in Holzbauweise und dadurch werden mindestens 1.800 Tonnen CO₂ langfristig gebunden, worauf wir sehr stolz sind.

Welche Rolle spielt die Wiehag bei diesem Projekt?

Erich Wiesner: Wir sind das ausführende Holzbauunternehmen und unterstützen den Architekten und den Statiker bei der Optimierung der Holzbaudetails, um das Gebäude auch montagefreundlich und montagetauglich zu gestalten. Wir machen die Werkplanung und wir produzieren die Bauteile hier in Altheim in unserer Produktion.

Warum hat sich die UBM für einen Holz-Hybridbau entschieden?

Winkler: Wir haben uns mit der strategischen Neuausrichtung „green. smart. and more.“ die Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben. Sie ist bei uns kein Trend, sondern eine Haltung. Und in konsequenter Umsetzung dieses „green“ haben wir gesagt, das bedeutet für uns Holzbau, weil das der größte Hebel bei der Errichtung von Gebäuden ist, um CO₂ einzusparen.

Auch das Bauen selbst ist kompakter. Laut einer Studie sind die LKW-Fahrten zu einer Holzbaustelle sieben mal weniger als zu einer konventionellen Baustelle. Und das ist auch klar, weil alles vorgefertigt ist und nur einmal dorthin gebracht werden muss.

Holzbau ist der größte Hebel bei der Errichtung von Gebäuden, um CO2 einzusparen.

Thomas G. Winkler, CEO UBM Development
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Was passiert vom Baum im Wald bis zum fertigen Produkt für dieses Frankfurter Bürogebäude?

Wiesner: Der Baum wird im Wald geschlägert und sofort wieder aufgeforstet. Der Baumstamm kommt in ein Sägewerk, das daraus Schnittholz schneidet. Das sehen wir hier hinter uns in Brettern. Wir produzieren aus den Brettern Holz-Leim-Träger mittels Verleimtechnologie auf modernen CNC-Maschinen. Die komplett vorgefertigten Teile kommen auf die Baustelle, und dadurch können wir die Bauzeiten immens verkürzen. Das ist einer der wesentlichen Vorteile, die der Holzbau zu bieten hat. 

Gibt es noch weitere Vorteile, die der Holzbau bietet?

Winkler: Aufgrund der geringeren Wandstärken gewinnt man auch an Nutzfläche. Aber das Wichtigste ist eben diese Verkürzung der Bauzeit, die auch zu einer Verkürzung der Finanzierung führt. Man sieht das am Beispiel F.A.Z.-Tower – ein konventionell erstellter 18 Stockwerke hoher Turm – und dem acht Stockwerke hohen Timber Pioneer. Von außen wird man glauben, dass beide gleichzeitig fertig geworden sind. Doch in Wahrheit wurde mit dem Timber Pioneer erst eineinhalb Jahre später begonnen. 

Wie sieht es beim Holzbau mit der Digitalisierung aus?

Wiesner: Der Holzbau hat in Bezug auf die Digitalisierung schon sehr früh begonnen, weil wir zur Ansteuerung unserer Maschinen in der Produktion 3D-Modelle konstruieren mussten. Das heißt, als BIM und Digitalisierung in der Bauwirtschaft eigentlich noch gar kein Thema waren, hat der Holzbau bereits die ersten Digitalisierungsschritte gesetzt. Das heißt, diesen berühmten „digitalen Zwilling“ gibt es im Holzbau schon seit über zwei Jahrzehnten. Und insofern ist das jetzt ein Vorteil.

Diesen berühmten 'digitalen Zwilling' gibt es im Holzbau schon seit über zwei Jahrzehnten.

Erich Wiesner, Geschäftsführer Wiehag

Macht es da einen Unterschied, ob die Baustelle in Singapur oder in Deutschland ist?

Wiesner: Der einzige Unterschied besteht in der Logistik, weil wir die Bauteile, die wir über See verschicken, in Seecontainer verfrachten. Vom Hafen in Hamburg gehen die dann zum Beispiel nach Singapur oder nach Amerika.

Nachdem alle Bauteile vorgefertigt und die Stahlverbindungsteile bereits angebracht sind, ist es auf der Baustelle ziemlich einfach. Montageunternehmen müssen die Bauteile, ähnlich einem Baukastensystem, nur mehr zusammensetzen. Im Gegensatz zur herkömmlichen Baustelle ist man bei der Produktion in einer Halle den Witterungsbedingungen nicht ausgesetzt, und gleichzeitig kann man wesentlich genauer, exakter und qualitätsvoller produzieren.

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Was ist denn ihrer Einschätzung nach, Herr Winkler, der Treiber hinter diesem aktuellen Holzbauboom?

Winkler: Das ist eindeutig ESG, also Environment Social Governance. Die Finanzströme werden ganz eindeutig – und ich würde sagen mit einer unglaublichen Konsequenz – in diese Richtung getrieben. Und bei einem Gebäude, das zumindest teilweise aus einem nachwachsenden Rohstoff entsteht, der so viel Tradition wie Holz hat, braucht es da nicht mehr sehr viel Erklärung.

Es halten sich ja hartnäckige Vorurteile was Stabilität und Brandschutz des Baumaterials Holz angeht. Was entgegnen sie da als Experte?

Wiesner: Das war in der Vergangenheit auch wirklich schwierig, und wir hatten einen sehr hohen Erklärungsbedarf. In der Zwischenzeit ist das Thema erledigt. Nur ein Beispiel: Wir bauen in Singapur ein Fakultätsgebäude mit 45.000 Quadratmetern. Singapur ist ein sehr regulierter Staat, und die wollten in Bezug auf Sicherheit keine Kompromisse eingehen. Daher mussten wir sämtliche Brandschutz- und Statik-Nachweise erbringen, und wir haben das bravourös bestanden.

Winkler: Und man muss dazu sagen, das ist, weil man Holz mit Verbrennen in Verbindung bringt. Das wirkliche Problem, das es beim Holzbau gibt, ist eigentlich der Schallschutz. Deshalb ist diese Holz-Hybrid-Bauweise beliebt, bei der die Zwischendecken zum Beispiel in Beton gemacht werden können. Und Holz darf eben nicht feucht werden. Das ist das zweite große Problem.

Wiesner: Nochmal zurück zum Thema Brandschutz. Gegenüber Stahl hat der Holzbau einen großen Vorteil: Es ist zwar so, dass Holz brennt und Stahl nicht. Aber Stahl verliert seine Festigkeit unter großer Hitzeeinwirkung. Das heißt, eine Stahlkonstruktion stürzt relativ rasch unter Hitzeeinwirkung ein, während die Holzkonstruktion sehr kontrolliert und sehr langsam abbrennt. Im Notfall habe ich bei einem Holzbau wesentlich mehr Zeit, um Menschen in Sicherheit zu bringen. Dadurch ist er auch sicherer als ein Stahlbau.

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Welche Aspekte rücken jetzt im Sinne der Klimaziele bei Immobilienprojekten mehr in den Vordergrund?

Winkler: Das ist zum einen die möglichst hohe Vermeidung von CO₂-Ausstoß, der bei der Produktion von Zement und Stahl besonders hoch ist. Man muss auch dazu sagen, wir verdammen Beton nicht. Wir brauchen Beton weiterhin, und es ist keine Frage von entweder –oder, sondern von sowohl – als auch.

Aber dieser Aspekt Holzbau ist eben jetzt ganz stark in den Vordergrund gerückt. Wir kriegen die entsprechende Forderung der Investoren und geben sie als Bauherr dann weiter an den Architekten.

Darüber hinaus ist sicherlich die Kreislaufwirtschaft das zweite große Thema: die Wiederverwendung von Baustoffen. Und wie wir bei unserer letzten Abbrucharbeit im Leopoldquartier nachgewiesen haben: Man kann 96% des Materials wiederverwenden. Allerdings wird es nicht immer dort eingesetzt, wo es am besten eingesetzt ist. Es macht nämlich wenig Sinn, das Abbruchmaterial für den Straßenunterbau zu verwenden. Besser wäre es, das Material wieder als Baustoff einzusetzen. Und das ist aus meiner Sicht „cradle to cradle“ wie es so schön auf Neudeutsch heißt – das zweite große Prinzip, mit dem wir heute in der Immobilienwirtschaft arbeiten.

Wir bei der UBM haben uns vorgenommen, eine 50-prozentige Holzbauquote zu erreichen.

Thomas G. Winkler, CEO UBM Development

Das nächste große Thema ist ja der Altbestand, der energetisch saniert und nachverdichtet gehört. Wie sehen sie diese Entwicklung?

Winkler: Die nachhaltigste Art zu bauen ist nicht (neu) zu bauen. Das ist jetzt für den Erich vielleicht nicht so gut, aber der hat sowieso genug zu tun. Der adaptive Re-Use wird ein ganz entscheidendes Thema sein. Wir haben jetzt in Prag mit unserem Andaz Hotel ein 100-jähriges Palais in einer wunderbaren Weise neu adaptiert.

Wiesner: Also gerade in der Nachverdichtung hat der Holzbau immense Vorteile, weil er sehr leicht ist, und dadurch ist es wesentlich besser möglich, auf dem Bestand weitere Geschosse aufzusetzen. Und das wird auch der Einzug des Holzes in den urbanen Raum sein, neben dem einen oder anderen Neubau als Holz-Hochhaus.

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Welches Potential hat denn der Holzbau in der gesamten Bauwirtschaft?

Wiesner: Der Ingenieur-Holzbau kommt derzeit aus der Nische, ist aber begrenzt durch die Nachhaltigkeit, denn wir können ja nur das Material verbauen, das nachhaltig wieder nachwächst. Und das ist in Österreich ganz klar vorgegeben. Hier wachsen jährlich 22 Millionen Festmeter nach, die für den Bau geerntet werden können.

Was man noch dazu sagen muss: 70 Prozent des eingeschnittenen Holzes geht derzeit noch in den Export. Das heißt, für Österreich selber hätten wir natürlich noch ein großes Potential, das Volumen für den Holzbau auszubauen und aufzustocken.

Winkler: Eine Studie der Uni Darmstadt geht davon aus, dass 10 Prozent aller Gebäude in Holzbau errichtet werden könnten, was einer Einsparung von über 200 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr bedeuten würde. Ich glaube, dass jede Tonne hilft. Dennoch wird es eine Nische bleiben. Wir bei der UBM haben uns vorgenommen, eine 50-prozentige Holzbauquote zu erreichen, und sind mit dem von uns bereits in Umsetzungsplanung befindlichen 100.000 Quadratmetern und den vorgenommenen 200.000 Quadratmetern auf einem guten Weg.

Vor fünf bis acht Jahren hätte sich nie jemand vorstellen können, dass ein 100-Meter-Hochhaus aus Holz gebaut wird.

Erich Wiesner, Geschäftsführer Wiehag

Als Anbieter von Holzbauelementen und Engineering ist die Firma Wiehag weltweit sehr gefragt. Warum ist das so?

Wiesner: Der wirkliche USP von Wiehag besteht in diesem herausragenden Engineering-Wissen, das sich über Generationen bei uns aufgebaut hat. Der Holzbau war in diesen großen Dimensionen in der Vergangenheit auch nicht nachgefragt. Wir hatten als Firma durchaus schwierige Zeiten, um unsere Produktionen auszulasten. Das hat sich aber in den letzten Jahren komplett gedreht.

Und es ist eine neue Dimension dazu gekommen: Früher haben wir eher in der Horizontalen gebaut, also weit gespannte Tragwerke, und jetzt geht es in die Vertikale. Wir bauen Hochhäuser. Vor fünf bis acht Jahren hätte sich das nie jemand vorstellen können, dass ein 100-Meter-Hochhaus aus Holz gebaut wird. Das eröffnet für den Holzbau in Zukunft eine komplett neue Perspektive.

Das Projekt Timber Pioneer ist ihr erstes Hochhausprojekt in Holzbauweise im deutschsprachigen Raum. Sind noch weitere geplant?

Wiesner: Wir haben bereits mehrere Projekte im fernen Ausland errichtet, in Singapur, Australien, in den Niederlanden und in Schweden. Der Holzbau wird in unserem Heimmarkt erst jetzt langsam entdeckt und gesehen. Was interessant ist, weil ja das gesamte Know-How für solche Holzhochbauten ursprünglich aus Österreich und Deutschland stammt. Für uns ist es daher eine große Freude, dass wir gemeinsam mit der UBM dieses Pionierprojekt in Frankfurt umsetzen können. Das ist für uns extrem wichtig.

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Winkler: Das ist ja oft so mit dem Propheten im eigenen Land…

Wir planen jetzt im Mainzer Zollhafen das höchste Gebäude von Mainz in Holzbauweise. Das zweithöchste wird dann das der Stadtwerke Mainz sein, die aber ein Partner von uns im Zollhafen sind, und deshalb voller Stolz schon darauf warten.

Die Firma Wiehag ist ja auch bestrebt, im eigenen Betrieb CO₂ einzusparen.

Wiesner: Wir sind als großer Produktionsstandort energetisch faktisch autark und erzeugen unsere gesamte Energie –ob das jetzt Wärmeenergie oder Stromenergie ist –aus nachwachsenden Rohstoffen. Wir haben vor drei Jahren ein Biomasseheizkraftwerk in Betrieb genommen, mit dem wir die Wärme, die wir zur Holztrocknung brauchen, selbst erzeugen. Zusätzlich haben wir im letzten Jahr für die eigene Stromerzeugung eine Holzvergasungsanlage in Betrieb genommen und auf unsere neue Produktionshalle eine Photovoltaik mit einer Leistung von 1 Megawatt Peak gesetzt. Diese Eigenversorgung ist in Zeiten wie diesen, wo der Energiepreis volatil und die Versorgung unsicher ist, ein wirkliches Asset.

Winkler: Die Amerikaner sagen ja immer: „Eat you own dog food.“ Man soll also das, was man produziert, auch selbst anwenden. Das ist eben das, was ich gemeint habe. Nachhaltigkeit ist eine Haltung, viel mehr noch als eine Strategie. Und das geht dann so schrittweise auch durch die eigenen Mannschaft und wird die Welt zumindest in Europa verändern.

Moderation: Gertraud Gerst Fotos: Philipp Horak

Lesen Sie weiter im UBM Magazin, der Plattform für Immobilienwirtschaft, Stadtplanung und Design.

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