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10/20/2020

Forum für mehr Menschlichkeit

Weil klassische Wahrzeichen wie die Freiheitsstatue nicht zur Interaktion einladen, will das chinesische Studio ZAI nun mit dem "Projekt Forum" eine architektonische Ikone errichten, die den Austausch fördert. Und das ausgerechnet im Silicon Valley ...

Diese Statistik hat durchaus etwas für sich: Der klassische Pariser besucht in seinem Leben nur einmal den Eiffelturm. Und zwar auf dem im Schulsystem verankerten Ausflug zum Wahrzeichen der französischen Hauptstadt. Sonst bleibt das 324 Meter hohe Monument ausschließlich den Touristen überlassen.

Dieses Schicksal teilt der Stahlkoloss übrigens mit ähnlich berühmten Bauten: Sowohl das Opernhaus von Sydney als auch die Freiheitsstatue vor New York werden von der einheimischen Bevölkerung nahezu ignoriert und wenn dann nur von außen wahrgenommen.

Imposant allein reicht nicht

Eben diese Tatsache brachte offenbar die Architekten des in Peking ansässigen Studios ZAI zum Grübeln. Das Ergebnis des Denkprozesses: Diese architektonischen Ikonen sind zwar allesamt imposant anzusehen und werden wohl auch als historische Marker einer Gesellschaft verstanden, allerdings fehlt ihnen allen die Interaktion mit der lokalen Bevölkerung. Ergo: Da ist Luft nach oben!

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Unter dem Namen „Projekt Forum“ möchten die chinesischen Planer nun eine Landmark schaffen, die eben dieses Kluft schließt. Ein Bauwerk also, das nicht nur von außen betrachtet beeindruckt und auf Postkarten einen Ort aufwertet, sondern das die Menschlichkeit, die Interaktion untereinander fördert.

Modernes Forum Romanum

Woran sich die Konzeptionisten dabei orientiert haben, verrät übrigens der Projektname „Forum“. Dieser nimmt Anleihe am wohl berühmtesten öffentlichen Ort der historischen westlichen Welt – am „Forum Romanum“. Dieses war Mittelpunkt des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Lebens im antiken Rom.

Wenn man so will, entstanden an diesem Ort für unser heutiges Zusammenleben essenzielle Kernwerte wie Staatsbürgerschaft, Demokratie und der moderne politische Diskurs. Aber auch auf einer profaneren Ebene gilt dieser Ort als wegweisend und beispielgebend: Handel fand hier statt und entwickelte sich weiter. Menschen kamen zusammen, um sich auszutauschen. Klatsch und Tratsch wurden im Forum Romanum genauso perfektioniert, wie philosophische Gedankenwelten.

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Diese – zugegeben etwas verklärende Sicht der Dinge – nahm jedenfalls das Team von ZAI als Grundlage, um ihr modernes „Forum“ zu entwickeln. Zitat aus der Projektbeschreibung:

„Die Welt, in der wir heute leben, ist kompliziert und voll von vielen unterschiedlichen Stimmen. Eine öffentliche Ikone kann demnach nicht mehr nur eine Sprache sprechen, sondern muss eine offene Bühne für alle darstellen. Nur so können sinnvolle Dialoge geführt werden. Ein Wahrzeichen mit einem engen Fokus ist sowohl rückschrittlich als auch letztlich bedeutungslos für künftige Generationen.“

Wahrzeichen müssen interagieren

Die logische Schlussfolgerung: Eine bloß schöne Landmark, der es aber an Nützlichkeit fehlt, ist schlichtweg unter Themenverfehlung einzuordnen. Ohne echtes Engagement kann keine Verbindung zu einem Ort hergestellt werden, sind sich die Architekten sicher.

Ihr Projekt Forum soll im Umkehrschluss also der erste Ort sein, der als Wahrzeichen gedacht, den Menschen dennoch Möglichkeiten bietet. Und zwar echt viele, wenn man dem offiziellen Schreiben glaubt:

„Das Forum wird jener Ort sein, an den man in der Früh auf den Treppen sein Workout macht. Der Ort, an dem man zu Mittag sein Essen kauft oder gar einnimmt. Der Ort, an dem man mit Freunden zusammenkommt und am Freitag zur Happy Hour geht. Das Forum wird der Ort sein, an dem man die Liebe seines Lebens kennen lernt und an dem man mit ihr regelmäßig wiederkehrt. Um Kunst zu entdecken, sich politisch in Szene zu setzen oder Konzerten zu lauschen.“

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Dass die ganze Sache nachhaltig gedacht wurde, ist nicht sonderlich überraschend. Ein kleines Detail aus dem Öko-Paket des Forums ist jedoch wirklich charmant: Die vielen Treppen sind mit Drucksensoren ausgestattet, die bei jedem Schritt Strom erzeugen. Je mehr Menschen also das Forum betreten, umso mehr Energie wie frei.

Eierlegende Wollmilchsau der Architektur

Aber kommen wir zurück zum großen Ganzen. Dieses stellt sich vereinfacht ausgedrückt so dar, als wollten die Chinesen eine eierlegende Wollmilchsau errichten. Und das im Übrigen nicht etwa vor den Toren Pekings, sondern im westlichsten alle westlichen Länder – in den USA! Ganz konkret hat man ein Areal im kalifornischen San Jose im Auge, das aus chinesischer Sicht ideal passen würde. Begründet wird die Wahl des Ortes zwar nicht, aber man darf zwischen den Zeilen lesen: Die Stadt liegt am Südende der San Francisco Bay – also innerhalb des Silicon Valley. Wenn man so will, würde das Monument genau dort errichtet werden, von wo die uns aktuell als Gesellschaft so fesselnde Digitalisierung ausgeht.

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Also jener Zeitgeist, der uns voneinander distanziert, wie die Forum-Entwickler an anderer Stelle anklingen lassen: „Das Forum wird ein Experiment zur Wiederherstellung der öffentlichen und persönlichen Interaktion sein. Mehr als ein klassisches Wahrzeichen. Ein Ort, an dem sich die Völker der neuen globalen Gemeinschaft persönlich treffen, um Ideen auszutauschen. Um wertvolle Erinnerungen weiterzugeben. Ein Ort, an dem die Visionen einer besseren Zukunft gepflegt werden können.“

Und was sagt der US-Präsident?

Auch wenn das alles sehr idealisierend und vielleicht sogar in gewisser Weise naiv klingt, ist die Vorstellung davon jedenfalls romantisch und beruhigend schön. Bleibt nur abzuwarten, was der nächste US-Präsident zu diesem weltoffenen Vorhaben sagen wird …

Text: Johannes Stühlinger Bilder: ZAI, Getty Images

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