Der wandelbare Holz-Hybride

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Soziale und ökologische Verantwortung lässt sich architektonisch vielfältig ausdrücken. Mit der mehrfach preisgekrönten Geschäftsstelle der GWG Tübingen zeigt das Stuttgarter Büro VON M, dass man dies auch mit höchsten ästhetischen Ansprüchen verknüpfen kann.

Die deutsche Stadt Tübingen ist nicht nur für ihre Universität und die liebevoll restaurierte Altstadt bekannt, auch im Städtebau hat sich die schwäbische Metropole verdient gemacht. Als 1991 die französische Garnison abzog, entwickelte man das Kasernenareal zu einer „Stadt der kurzen Wege“, nach den lange hier stationierten Franzosen "Französisches Viertel" benannt. In deutschen Geographie-Schulbüchern steht es heute als gutes Beispiel für nachhaltige Stadtentwicklung. Als einer der kommunalen Bauträger spielte die Gesellschaft für Wohnungs- und Gewerbebau Tübingen (GWG) bei der preisgekrönten Quartiersentwicklung eine wichtige Rolle. So ist es nicht verwunderlich, dass der Neubau ihrer Geschäftsstelle auf dem Areal des ehemaligen Güterbahnhofs ein Vorzeigeprojekt an sozialer und ökologischer Verträglichkeit wurde.

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Die aussteifenden Erschließungskerne wurden in Sichtbeton errichtet, alles Andere in Holzrahmenbauweise.

Ein Solitär als Bindeglied

Die Quartiersentwicklung Alter Güterbahnhof ergab sich einerseits durch die Verlegung der Stückgut-Abfertigung nach Reutlingen, andererseits – ebenfalls – durch den Abzug des französischen Militärs. So entstanden südlich der Bahnlinie rund 570 Wohnungen, 40 Büros und kleinere Betriebe. An einem neuralgischen Punkt zwischen dem neuen Stadtteil und der Hauptzufahrt zur Altstadt steht heute ein kubischer Solitär, in dem die Wohnbaugesellschaft ihren neuen Hauptsitz hat.

Der Neubau versteht sich grundsätzlich als vermittelndes Element inmitten der heterogenen Bebauung.

von VON M, Architekturbüro

Der viergeschossige Neubau gibt sich sehr zurückhaltend und wirkt harmonisierend auf die umliegenden Bebauungen aus unterschiedlichen Epochen. Er nimmt die Traufhöhe des benachbarten Wohngebäudes auf und orientiert sich mit seiner rhythmisch gegliederten Holzfassade an den neu entwickelten Quartiersbauten. „Der Neubau versteht sich grundsätzlich als vermittelndes Element inmitten der heterogenen Bebauung zwischen Reutlinger Strasse und Eisenbahnstraße“, formuliert es das Architekturbüro VON M, das sich mit seinem Entwurf im Wettbewerb durchsetzen konnte.

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Auch an der Fassade dominiert die natürliche Holzoberfläche, auf der Grünfläche davor soll ein "Klimawäldchen" heranwachsen.

An das kubische Volumen schließt eine öffentlich zugängliche Grünfläche an, die mit einem „Klimawäldchen“ als Feuchtigkeitspuffer dient und das städtische Mikroklima positiv beeinflusst. Dieser intensiv bepflanzte Außenbereich befindet sich gegenüber des künftigen Quartierplatzes und bildet mit diesem eine grüne Brücke im neuen Stadtteil.

Holz und Beton im Tagwerk

Bei der Konstruktion handelt es sich um einen Holz-Hybridbau. Die beiden zentralen Erschließungskerne und das Untergeschoss sind in Stahlbeton errichtet und dienen der Queraussteifung des Gebäudes sowie dem konstruktiven Brandschutz.

Der Vorteil der Holz-Hybrid-Bauweise ist, dass sich die guten Eigenschaften beider Materialien optimal ergänzen.

von Holzbau Schaible, ausführendes Holzbauunternehmen

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Die horizontal und vertikal verlegte Holzlattung schafft ein spannendes Spiel an der Fassade.

Alles Übrige ist in Holzrahmenbauweise errichtet, die Geschossdecken bestehen aus Holz-Beton-Verbundelementen. „Der Vorteil der Holz-Hybrid-Bauweise ist, dass sich die guten Eigenschaften beider Materialien optimal ergänzen“, erklärt das ausführende Holzbauunternehmen Schaible. „Die Verbunddecken bieten so Vorteile bei der Tragfähigkeit und beim Schallschutz.“

Eine abgesoftete Kulisse

Dass die beiden Materialien auch ästhetisch gut harmonieren, zeigt ein Blick ins Innere des Büro- und Verwaltungsbaus. Die tragenden Beton- und Holzelemente sind in Sichtqualität ausgeführt und müssen so weder verspachtelt noch verbaut werden. Die weiche Haptik des Holzes bildet zusammen mit der matten Textur des Betons eine abgesoftete Kulisse, die Ruhe ausstrahlt.

Der Neubau steht exemplarisch für eine maximal offene und flexible Arbeitswelt.

von VON M, Architekturbüro

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Das eigens kreierte, modulare Möbelsystem lässt sich flexibel konfigurieren und verschmilzt mit der Konstruktion zu einer Einheit.

Das eigens entwickelte modulare Möbelsystem aus Holz stört diesen ruhigen Backdrop nicht, sondern ergänzt ihn im hellen Ton und der matten Oberfläche. Auf diese Weise verschmilzt das Mobiliar mit der Konstruktion zu einer räumlichen Einheit und wirkt an keiner Stelle nachträglich hineingesetzt. Da jede und jeder beim Arbeiten unterschiedliche Anforderungen an die Größe der Arbeitsfläche, den Stauraum sowie das Maß an Privatheit hat, lassen sich die Möbel unterschiedlich konfigurieren.

Nachhaltigkeit, das Must-Have der Büroplanung

Die Grundrissstruktur und das Fassadenraster sorgen dafür, dass sich die Flächen mit unterschiedlichen Layouts bespielen lassen. Überraschende Sichtbezüge schaffen die horizontale und vertikale Durchlässigkeit, die sich durch das gesamte Gebäude zieht. „Der Neubau steht exemplarisch für eine maximal offene und flexible Arbeitswelt“, heißt es in der Projektbeschreibung des Architekturbüros.

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Beton und Holz in sichtbarer Eintracht: Auch in der Teeküche zeigt sich die gelungene Umsetzung des Holz-Hybrid-Systems.

Dass der Arbeitsplatz nicht nur Kommunikation und konzentriertes Arbeiten ermöglicht, sondern auch eine Identifikation mit dem Arbeitgeber schafft, ist im Zeitalter von Fachkräftemangel und dem Kampf um Nachwuchstalente wichtiger denn je. So kommt man bei einer zeitgemäßen Büroplanung um das Thema Nachhaltigkeit nicht herum, wie es der kommunale Bauträger auch bei Wohnbauten seit langem propagiert.

Die neue Geschäftsstelle der GWG Tübingen wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Heinze Architektur Award und einer Anerkennung bei den Frame Awards 2024.

Text: Gertraud Gerst Fotos: Zooey Braun

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