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06/08/2021

„Der Klimawandel ändert alles“

Für das Architekturbüro Powerhouse Company hat Nachhaltigkeit höchste Priorität. Partner Stefan Prins schildert im Interview, warum achtsame Materialwahl und Energieeffizienz dabei noch nicht alles sind.

Es ist schon etwas Besonderes, wenn sich ein junges Architektenteam binnen weniger Jahre den Ruf eines der weltweit innovativsten seiner Zunft erarbeitet. So geschehen im Fall des 2005 „an Küchentischen“ in Rotterdam und Kopenhagen gestarteten Büros Powerhouse Company: Die kreativen Niederländer agieren heute längst auch von Studios in Peking, Oslo und München aus. Und sie gelten als Meister in Sachen Nachhaltigkeit. Projekte wie ihr schwimmendes Büro aus Holz oder ihr bewaldetes Stadtviertel „HOLT“ ernten international Applaus. Ebenso, wie ihr Holzwohnbau „Valckensteyn“, der nachhaltige Familienwohnungen für kleinere Budgets erschwinglich macht.

Architektur für Mensch & Umwelt

Architekt Stefan Prins vom Führungsteam des preisgekrönten Büros erklärt im Gespräch, warum es essenziell ist, alle Auswirkungen des Klimawandels beim Planen und Bauen stets im Auge zu behalten. Und der Powerhouse Company Partner schildert, was nötig ist, um Gebäude zu schaffen, die sowohl Mensch, als auch Umwelt eine gute Zukunft versprechen.

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Die Powerhouse Company ist bekannt für innovativ-lebenswerte, umweltfreundliche Projekte. Was sind die obersten Prioritäten bei der Planung solcher Neubauten?

Stefan Prins: Wir betrachten Nachhaltigkeit als fest in unseren Designprozess integrierten Gedanken. Sie spielt immer eine Rolle. Für unterschiedliche Anforderungen gibt es auch unterschiedliche Möglichkeiten. Entwicklung und Innovation finden zueinander. Wenn wir über oberste Prioritäten sprechen, ist das immer eine Art Momentum. Wir prüfen, welche Innovationen im Moment zur Verfügung stehen, was wir im jeweiligen Fall verwenden und optimal kombinieren können. Wichtig ist, dass das Projekt als Ganzes funktioniert. Es muss eine gute Antwort auf die Anforderungen des Kunden und der Benutzer ergeben.

Was bedeutet das für die Entwurfsarbeit?

Geht es zum Beispiel um einen Wohnturm in der Stadt, endet man normalerweise mit einer Betonstruktur. Aber man kann ihr mehr Flexibilität und Komfort geben, indem man etwa höhere Räume und möglichst wenige strukturelle Wände schafft. Ein Universitätsgebäude wie jenes hingegen, das wir aktuell für die niederländische Stadt Tilburg entwerfen, kann komplett aus Holz entstehen.

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Moderne Wohnungen in nachhaltigen Neubauten sind meist eher kostspielig. Ihr Büro schafft mit dem Holzkomplex „Valckensteyn“ in Pendrecht aber solche, die sich auch Familien mit kleinerem Budget leisten können...

Der Kunde war eine Wohnbaugesellschaft, die ein innovatives Pilotprojekt aus Holz haben wollte. Der Standort war dafür gut geeignet. Wir bekamen die Chance, ein Gebäude mit 82 Wohnungen in Holz zu entwerfen. Und wir haben alles darangesetzt, mit den vorhandenen Mitteln das Beste möglich zu machen. Schließlich hat eine Wohnbaugesellschaft ein anderes Budget als beispielsweise ein kommerzieller Entwickler, der die Wohnungen dann zum Kauf anbietet.

Wie wurde das Projekt trotzdem umsetzbar?

Wir haben eine sehr simple Struktur mit vielen wiederholt eingesetzten Elementen entwickelt. Eine, die die Kosten optimiert, aber auch als Design funktioniert. Mit vielen kleinen Lösungen. Stahlplatten an den Balkonen zum Beispiel ergeben einen speziellen Look. Zugleich lösen sie das Problem, dass Holz vor Regennässe geschützt werden muss.

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Seit einiger Zeit wird überall ständig von Nachhaltigkeit gesprochen. Aber wird wirklich genug getan?

Das Dilemma ist, dass es hier leider auch Missbrauch gibt und manches schiefzulaufen droht. Die Nachfrage ist auch in den Niederlanden groß. Es gibt unzählige Fabriken, die automatisierten Wohnungsbau anbieten, den sie als nachhaltig anpreisen. In gewisser Weise ist diese Art der Vorfertigung das auch. Aber sie ist extrem repetitiv. Und das kennen wir aus den 1990er Jahren: Plötzlich hatten wir überall diese Nachbarschaften, in denen ein und derselbe Haustyp das Bild bestimmt. Wie ein urbanes Setup mit trockener Fassade vorne und Garten dahinter. Nachbarschaften, in denen alles gleich aussieht – und die heute unbeliebt sind. Unsere große Sorge ist, dass die gewaltige Nachfrage nach Wohnraum und Nachhaltigkeit jetzt ähnliche Folgen haben wird.

Wie ließe sich das verhindern?

Natürlich müssen wir das Wohnungsproblem lösen. Aber auf intelligente Art. So, dass wir es in zehn oder 20 Jahren nicht bereuen. Wir müssen ernsthaft über den Kontext komfortablen Wohnens nachdenken. Flexibilität ist hier ein wichtiger Aspekt. Ebenso, wie Nachhaltigkeit. Jeder spricht von Ressourcenschonung und der Verwendung natürlicher Materialien. Was aber oft vergessen wird, ist der Grund, der all dies so wichtig macht: Der Klimawandel. Und dieser bringt, wenn auch langsam, Veränderungen in vielen Bereichen, die man nicht übersehen darf.

Jeder spricht von Ressourcenschonung und natürlichen Materialien. Was oft vergessen wird, ist der Grund, der all dies so wichtig macht: Der Klimawandel, der Veränderungen in vielen Bereichen bringt, die man nicht übersehen darf

Stefan Prins, Architekt und Powerhouse Company Partner
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Welche Folgen des Klimawandels sind es, die also übersehen werden?

Sagt man jemandem, dass wir in den Niederlanden bald ein Klima wie in Bordeaux haben werden, wird dies zum echten Augenöffner. Nehmen wir zum Beispiel unser Projekt „HOLT“ in Groningen: Der Klimawandel bewirkt, dass es innerhalb der nächsten zehn Jahre um eineinhalb Grad wärmer werden wird. Wir müssen uns also darauf einstellen, dass wir klimatische Bedingungen haben werden, wie man sie derzeit in Zentralfrankreich kennt. Dort werden Häuser völlig anders gebaut als bei uns. Die Folgen dieser Entwicklung zu verstehen war ein Hauptansatzpunkt unseres Entwurfs.

Wie hat sich dies aufs Projekt „HOLT“ ausgewirkt?

Wir mussten bedenken, dass man sich in Groningen in zehn Jahren wohl keinen Süd-Balkon mehr wünschen wird, weil es dafür einfach zu heiß wird. Man wird sich nach Außenbereichen im Schatten oder mit Beschattung sehnen. Das stellt alles auf den Kopf, weil wir in unseren Breiten bisher gelernt haben, Außenbereiche stets nach Süden oder Westen auszurichten. Wir brauchen neue Lösungen und müssen uns anpassen. Also bekommt dieses Stadtquartier einen eigenen neuen Wald. Und die vorhandenen, ausgewachsenen Bäume an der Südostseite schützen schon jetzt vor Hitze.

Bäume sind also quasi ein Garant für künftige Wohnqualität?

Ja. Fehlt im Winter das Laub, bekommen die Wohnungen viel Licht. Im Sommer sorgen die Blätter für angenehmen Schatten. Irgendwie ist in Vergessenheit geraten, wie unglaublich effizient Bäume sind. Im Schatten eines Baumes zu sitzen ist zehnmal effizienter als eine Klimaanlage. Wir versuchen, diese Qualitäten in unser Projekt zu integrieren. Ich finde es außerdem schön, in einem Haus zu leben, das sich den Jahreszeiten entsprechend verändert.

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Ist es in den vergangenen Jahren einfacher geworden, nachhaltig zu bauen?

Ich denke ja. Weil es bei Kunden, Architekten und Bauunternehmern ein gemeinsames Verständnis für bestimmte Lösungen gibt.

Und ist es inzwischen auch billiger?

Ich weiß nicht... In gewisser Weise sind die Installationskosten gestiegen. Aber auf lange Sicht reduzierendie Lösungen, die wir jetzt in ein Gebäude einbauen, die Energiekosten sehr stark. Betrachtet man also den Baupreis, ist es mitunter sogar erheblich teurer. Zieht man aber die Nutzung über 20 bis 30 Jahre heran, wird es zur rentablen Investition.

Baut man für den Endnutzer, ist es in der Regel einfacher, mehr nachhaltige Lösungen umzusetzen. Schließlich weiß dieser, dass er selbst davon profitieren wird. Andere Bauherren setzen manchmal andere Prioritäten, reduzieren lieber die Kosten des Gebäudes und nehmen geringere Energie-Effizienz in Kauf. Wenn unser Büro mit Bauträgern zusammenarbeitet, versuchen wir, den Wert des Projekts zu steigern. So, dass die eingesetzten Lösungen etwa den Verkauf des Gebäudes an einen Investor erleichtern. Es gibt viele Möglichkeiten, dem Kunden zu helfen.

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Sie waren ja auch schon Ihr eigener „Kunde“: Das energieautarke Holzhaus, das Sie für Ihre Familie gebaut haben, entspricht dem Traum von nachhaltiger Wohnqualität, den heute viele Menschen hegen...

Es ist auch ein wirklich schöner Ort. Wir fühlen uns gesegnet, hier zu leben. Es liegt in Rotterdam, auf einem ehemaligen Hockeyfeld. Auf einem Areal, das verlassen worden war. Wir skizzierten auf einem kleinen Blatt Papier Ideen und hatten das Glück, ein Grundstück dort zu bekommen. Durch Vorfertigung nach unseren Plänen konnten wir das Haus in wenigen Monaten errichten. Alles funktioniert rein elektrisch. Wir benutzen kein Gas. Sonnenkollektoren erzeugen Energie. Einen Großteil des Innenausbaus haben wir selbst gemacht.

Was war entscheidend fürs Design des Hauses?

Die Hauptidee war die große Glasfront. Es ist ein Gebäude, das auf Tages- und Sonnenlicht basiert. Im Sommer möchten wir die Sonne draußen halten. Aber im Winter fällt sie schön in Küche und Essbereich und wärmt das Haus. Unser Ziel war es, auch die passive Energie der jeweiligen Jahreszeit zu nutzen und ein komfortables Zuhause zu schaffen.

Wäre es günstiger gewesen, mit konventionellen Materialien und Techniken zu bauen?

Nein, ich denke nicht. Dass ich Architekt bin, hat uns geholfen, Sonderanfertigungen für einige Lösungen zu entwickeln. Simple Lösungen, die einfache, aber schöne Details ergeben. Man könnte sagen, das Haus sieht luxuriös aus, obwohl es relativ billig zu bauen war.

Als Laie müsste man dafür vermutlich tiefer in die Tasche greifen, oder?

Es ist natürlich schwieriger.Aber ein eigenes Haus zu entwerfen und zu bauen oder eines in einem größeren Wohnprojekt zu kaufen, ist preislich in etwa das Gleiche. Wenn man sich gut informiert, muss es nicht zu teuer werden.

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Was macht „alte“ Baumaterialien wie Holz heute wieder so interessant?

Bei Holz gab es wichtige Innovationen. Vor allem Brettsperrholz ist neben Stahl und Beton konkurrenzfähig geworden. Und natürlich wird die CO2-Belastung immens reduziert, wenn man Holz statt Beton verwendet. Man baut ein Holzgebäude auch nie genau so, wie man es mit Beton gemacht hätte. Bei Powerhouse Company bemühen wir uns immer etwas zu entwerfen, das zum jeweiligen Kontext passt.

Und Ziegel?

Ziegel bietet viele Gestaltungsmöglichkeiten. Wir haben zum Beispiel für die Innenstadt von Groningen ein zeitgemäßes Gebäude mit Backsteinfassade designt, weil es dort zum historischen Kontext und den bestehenden Ziegelgebäuden passt. Ich denke, dass dieser Ansatz auch hinter den vielen großartigen Ziegelneubauten steht, die man inzwischen sieht.

Wie gehen Sie und Ihr Team bei der Planung neuer Projekte vor?

Wir sprechen mit den Kunden, definieren deren Hauptziele und suchen nach Ideen und Innovationen, die dazu passen. Dann bemühen wir uns, aus den Vorstellungen des Kunden, unserer Design-Idee und den neuen Lösungen ein einzigartiges Projekt zu konzipieren. Umso schöner, wenn dieses dann – wie zum Beispiel „HOLT“ – super-nachhaltig ausfällt und obendrein positive Auswirkungen auf seine Umgebung hat.

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Ich nehme an, Digitalisierung und Building Information Modeling erleichtern diesen Prozess inzwischen sehr?

Oh ja! Ich bin jetzt 39, seit Jahren mit Leib und Seele Architekt, und unglaublich fasziniert von den immer neuen Möglichkeiten, die die Digitalisierung eröffnet. Man muss sich das vorstellen: Vor 100 Jahren bestand ein Architekturbüro aus einem großen Raum mit Zeichentischen, an denen 100 Leute in weißem Hemd und Krawatte für ein einziges Projekt zeichneten. Heute sind wir fast 100 Mitarbeiter, die an 20 bis 30 Projekten zugleich arbeiten. Und in Zukunft werden 20 Leute die Arbeit von 100 machen...

Wie – und vor allem: wobei – nützen Sie die neuen Technologien?

Bei Powerhouse Company arbeiten wir mit vielen parametrischen Design-Tools. Auch beim Engineering. Das hat enorme Vorteile. Zum Beispiel bei unserem Projekt „Loop of Wisdom“ in China: Wir konnten dem Hersteller 3D-Modelle für die Fertigung tausender einzigartig gebogener Elemente liefern. Durch solche Interaktion können wir Gebäude noch besser machen. Und es spart viel Zeit, was vor allem bei Projekten in China wichtig ist, wo alles immer extrem schnell gehen muss.

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Worauf sollte man bei zeitgemäßem Wohnbau besonders achten?

Die Pandemie hat unsere Bedürfnisse in Bezug auf Wohn- und Lebensraum stark verändert. Ich denke, Flexibilität muss jetzt ein essenzieller Teil der Grundrissplanung sein. Wir bemühen uns, so zu gestalten, dass man Räume leicht von Arbeits- in Wohnbereiche verwandeln oder flexibel abteilen kann. Bei größeren Projekten planen wir Gemeinschaftsräume ein, die dafür sorgen, dass soziale Interaktion immer möglich bleibt. Es gibt Lösungen, die Wohngebäude zu einer Art sicherer „sozialer Blase“ machen.Der soziale Aspekt ist ein wichtiger Teil moderner Architektur. Schließlich könnte es sein, dass diese Pandemie nicht die letzte ist. Wir müssen Plätze schaffen, an denen Menschen zusammenkommen und sich sicher fühlen können.

Wie soll menschen- und umweltfreundliches, zukunftsorientiertes Wohnen insgesamt aussehen?

Ich denke, wer nichts mit der Baubranche zu tun hat, ist meist auch noch nicht so sehr auf Nachhaltigkeit fokussiert. Da stehen andere Bedürfnisse im Vordergrund. Designer, Entwickler und Bauherren sollten natürlich unbedingt sehr nachhaltige Lösungen schaffen. Aber diese sollten auch logisch sein. Menschen, die ein neues Zuhause suchen, müssen Qualität sehen.

Was überzeugt dann Menschen, die eine Wohnung oder ein Haus suchen, wirklich?

Es genügt nicht, zu hören, dass ein Gebäude nachhaltig ist. Man muss auch die Nachbarschaft, die Räume und das Design mögen, um dort leben zu wollen. „HOLT“ zum Beispiel ist ein nachhaltiges Projekt. Aber wenn ich es Leuten zeige, wissen sie das noch nicht – und sagen trotzdem schon, dass sie es lieben und gern dort wohnen würden.

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Auch die Arbeitswelt hat sich stark verändert. Wird sich das auf Größe und Design neuer Bürobauten auswirken?

Viel kleiner werden sie nicht. Allerdings haben wir schon in den vergangenen Jahren bei der Gestaltung der Hauptquartiere der großen Unternehmen ASICS Sportartikel und Danone Lebensmittel gesehen: Man braucht wirklich nicht mehr so viel Platz.

Welche Wünsche stehen aktuell im Vordergrund?

Was auch bei aktuellen Projekten gewünscht ist, sind weniger Schreibtische und mehr gemeinschaftlich genützter Raum. Büros werden zusehends zu sozialen Treffpunkten. Arbeiten kann man sowohl dort, als auch zu Hause. Flexible Gestaltung ist also essenziell.Sehr gefragt sind jetzt außerdem Videokonferenzräume mit professionellen digitalen Setups. Das macht wiederum Beleuchtung und Tageslicht zum wichtigen Thema.Wir selbst werden in das schwimmende Bürogebäude einziehen, das wir designt haben, und dort ebenfalls einen Besprechungsraum mit mehreren Webcams einrichten. So, dass wir Präsentationen fast so perfekt übertragen können wie ein TV-Studio.

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Dieses „schwimmende Bürogebäude“, das Sie für den Rotterdamer Hauptsitz desGlobal Center on Adaption designt haben,ist international auf großes Interesse gestoßen. Woher kam die Idee, einen Holzbau aufs Wasser zu setzen?

Wir haben den Masterplan für das benachbarte Codrico-Gelände entworfen. Die Idee zum schwimmenden Bürogebäude hat sich in Gesprächen mit der Stadtverwaltung entwickelt. Das Global Center on Adaption, das sich mit Maßnahmen gegen den Klimawandel befasst, suchte einen besonderen Ort, der zu Zielen und Profil passt. Wir dachten über Stadtentwicklung nach und sagten uns, entwerfen wir doch etwas auf dem Wasser! Und plötzlich wurde daraus ein Projekt.

Was war die größte Herausforderung bei der Umsetzung?

Es in kurzer Zeit zu bauen und zu bedenken, dass es dabei vieles gibt, was wir zum ersten Mal in Angriff nehmen. Wir haben viele neue Ideen in dieses Design gepresst. Sie wissen: Ein schwimmendes Gebäude an sich ist ja nichts Neues. Aber das größte schwimmende Büro aus Holz zu schaffen, das energieneutral ist und besten Komfort bietet? DAS war wirklich absolut neu und macht das Projekt einzigartig.

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Könnte dieses Projekt andernorts – etwa in dichten Uferstädten, die Wohnraum brauchen – Schule machen?

Ich denke schon. In den Niederlanden haben wir viel Erfahrung mit Hausbooten. Und unser schwimmendes Bürogebäude ist ein klima-adaptives Projekt. Wohngebäude auf Wasser sind eine gute Option, wenn sie erschwinglich sind. Die ersten werden das vermutlich nicht sein, aber es gibt hier eine Art Lernkurve. Ich kann mir vorstellen, dass der Maßstab noch größer sein muss, um solche Projekte leistbar zu machen. Aber ich denke, es wird sie geben.

Bodenversiegelung wird zusehends zum Problem. Zugleich wird immer mehr Wohnraum benötigt. Wie lässt sich dieses Problem lösen?

Wenn Architekten und Designer verstehen, welchen Einfluss ein Gebäude auf den Boden vor Ort hat, ist der erste Schritt bereits getan. Ich denke da an die Neugestaltung des Bahnhofs in Assen, die wir vor ein paar Jahren gemacht haben. Die Frage war, was man bei 3.000 Quadratmetern Fläche mit dem Regenwasser macht. Wir haben ein großes begrüntes Dach geschaffen, das das Wasser auffängt und kontrolliert ableitet. Also ein attraktives Design-Element, das zugleich ein Problem löst. Bei „Holt“ hingegen sorgen der Wald und die Bäume für effiziente Regenwassernutzung und natürliche Bodenflächen. Ich denke, es gibt für jeden Ort eine passende Lösung.

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Stichwort „zukunftsorientierte Stadtplanung“: Was spielt dabei eine besondere Rolle?

Nachhaltige Bauweise, ein möglichst perfektes Netz öffentlicher Verkehrsmittel und ein durchdachter Mix. Was zusätzlichen Autoverkehr in die Stadt zieht, sollte vermieden werden. Wir brauchen komfortable, kurze Verbindungen zwischen Arbeit und Zuhause – und attraktive, kommunikative öffentliche Plätze.

Wie lässt sich verhindern, dass sich regelrechte „Ghetto-Bezirke“ entwickeln?

Architektur kann hier zwar helfen, aber das ist ein sehr vielschichtiges Problem. Bei „Valckensteyn“ in Pendrecht zum Beispiel haben wir ein sehr offenes, transparentes Erdgeschoss, eine große Eingangslobby und einen hellen, besonders schönen Fahrradraum geschaffen. Komfortable Zonen, die eine angenehme Verbindung zur Außenwelt herstellen. Und bei Projekten in der Rotterdamer Innenstadt kombinieren wir Sozialwohnungen mit solchen gehobener Preisklasse, Hotel und Bürogebäude. So, dass quasi eine Stadt in der Stadt entsteht – anstelle eines Viertels, in dem eine bestimmte Fokusgruppe dominiert.

Woran arbeiten Sie derzeit?

Oh, das sind so viele Projekte, dass ich überlegen muss! Zum Beispiel das Conradhuis, ein 24.000 Quadratmeter umfassendes Gebäude, das jetzt für die Technische Universität Amsterdam gebaut wird. An der Neugestaltung des Codrico-Geländes im Rotterdamer Hafen und einem Platz in der Innenstadt, an dem wir mit „Rise“ den höchsten Turm der Niederlande designen. Außerdem an einem neuen Projekt in China, das dem erwähnten „Loop of Wisdom“ ähnelt. Und natürlich an der ersten aus Holz gebauten Universität der Niederlande in Tilburg.

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Als erfolgreicher Architekt kennen Sie Ihre Branche genau. Welches sind, Ihrer Ansicht nach, die aktuellen Mega-Trends?

Dass Nachhaltigkeit ein essenzielles Thema ist, haben wir schon besprochen. Ich denke, dass durch die Digitalisierung und die Art, wie wir bauen, Automatisierung und Robotisierung großen Einfluss haben werden. Auch künstliche Intelligenz wird, meine ich, in den kommenden Jahrzehnten eine große Rolle spielen. Sie wird im Designprozess ja bereits eingesetzt. Man gibt alle Vorstellungen, Parameter und Einschränkungen in den Computer ein und kann beim selben Zeitaufwand wie bisher statt nur drei auf einmal zehn bis 20 optionale Lösungen prüfen. Es gibt ja dieses berühmte Zitat: „Künstliche Intelligenz wird keine Arbeit überflüssig machen. Aber sie wird dafür sorgen, dass hochqualifizierte Jobs nicht mehr gebraucht werden“. Innovation kann sehr schnell gehen.

Das klingt beängstigend...

Ja und nein. Weil sich Jobs auch ändern können und alles in Bewegung ist.

Was raten Sie Studenten, die jetzt trotzdem davon träumen, erfolgreiche Architekten zu werden?

Je mehr und engagierter man arbeitet, desto schneller sammelt man Erfahrungen. Gleichzeitig braucht man etwas Glück, um die Chance zu bekommen, Projekte umzusetzen und zu realisieren. Hier kann man nachhelfen, weil Erfahrung und Wissen ein großer Vorteil sind. Genauso, wie gutes Teamwork mit inspirierenden Menschen und Mentoren, die auf dem Weg zum Ziel Unterstützung bieten.

Interview: Elisabeth Schneyder Bilder: Powerhouse Company / Casper Rila, Plomp, Atchain, Filippo Bolognese, Proloog, Jonathan Leijonhufvud, Sebastian van Damme

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