Der Bausatz aus der Natur

Ein modernes Bürogebäude mit großen Fenstern und einer Person auf dem Gehweg.
Das Bürogebäude HasleTre in Oslo trägt nicht umsonst den Titel Norwegens „Holzbau des Jahres“. Nach dem visionären Konzept von Oslotre ist es wie ein Baukastenset zerlegbar und besteht größtenteils aus naturbasierten Materialien.

Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. So heißt es schon in der Bibel. Die liturgische Formel, die man meist vor offenen Gräbern zu hören bekommt, kann man auch als frühgeschichtliches Bekenntnis zur Kreislaufwirtschaft sehen. Denn das neuzeitliche Prinzip Cradle-to-Cradle – zu Deutsch: von der Wiege zur Wiege – bezeichnet im Grunde genau dasselbe: Materialien, die nach ihrem Einsatz wieder zu neuen Rohstoffen werden. Das Vorbild dafür bildet die Natur mit ihrer rückstandslosen Verwertung. Mit dieser Strategie sollen sich künftig CO2-Emissionen, Abfallaufkommen und Ressourcenverbrauch reduzieren lassen. Das Ideal ist ein gänzlich geschlossener Rohstoffkreislauf, der keine Müllberge produziert, wie es aktuell in unserem Take-Make-Waste-Modell der Fall ist. Am Rand des Stadtzentrums von Oslo steht ein innovativer Holzbau, der diesem Kreislauf-Ideal schon sehr nahe kommt. Das Gebäude trägt den Namen HasleTre und erinnert an seiner rauen Schindelfassade an die Rinde eines Baums.

Ein helles Büro mit Holzfußboden, Regalen und großen Fenstern.
Natur wohin man blickt: Das Bürogebäude HasleTre in Oslo besteht zu einem großen Teil aus naturbasierten Materialien.

Die Konstruktion besteht innen wie außen aus Holz und ist als zerlegbarer und wiederverwendbarer Bausatz geplant.

Oslotre, Architekturbüro

„Die Konstruktion besteht innen wie außen aus Holz und ist als zerlegbarer und wiederverwendbarer Bausatz geplant“, erklärt das zuständige Architekturbüro Oslotre, das bereits für den markanten Holzbau Lumber 4 an der norwegischen Küste verantwortlich zeichnet. HasleTre ist ein 3.000 Quadratmeter großes Bürogebäude mit fünf Etagen, inklusive Keller und Dachterrassen. Die Holzkonstruktion basiert auf einem Raster von fünf mal fünf Meter, was laut den Planern flexible Raumlösungen möglich macht – vom Einzelbüro bis hin zu offenen Arbeitslandschaften.

Ein vorgefertigtes Holzelement wird auf einer Baustelle montiert.
Sowohl die horizontale Balkenlage als auch die tragenden Wände und Stützen bestehen aus Holzwerkstoffen in großen Standardformaten mit möglichst wenig Einschnitten.

Designstrategien zur Ressourcenschonung

Sowohl die Primärkonstruktion – also die horizontale Balkenlage – als auch die Sekundärkonstruktion – die tragenden Wände und Stützen – bestehen aus Holzwerkstoffen in großen Standardformaten mit möglichst wenig Einschnitten. „Durch diese Designstrategie gab es nahezu keinen Materialverschnitt in der Produktion, wodurch sich das Transportvolumen voll auslasten und die Montage beschleunigen ließ“, heißt es vonseiten OsloTre.

Durch die Holzverbindungen ergibt sich ein Konstruktionssystem, das zu einer nachweislichen Reduzierung des Stahlverbrauchs im gesamten Gebäude um mehr als 70 Prozent führt.

Oslotre, Architekturbüro

Eine weitere Designstrategie bestand darin, bei der Montage der Bauteile auf reine Holzverbindungen zu setzen. Die Brettschichtholzträger und -stützen sind mit Buchendübel verbunden, während die Montage der Brettsperrholzwände und -paneele auf X-Fix-Verbindern beruht. „Durch die Holzverbindungen ergibt sich ein Konstruktionssystem, das ohne Stahl- oder Aluminiumverbindungen auskommt und zu einer nachweislichen Reduzierung des Stahlverbrauchs im gesamten Gebäude um mehr als 70 Prozent führt“, erklärt das zuständige Architektenteam.

Drei Personen sitzen auf einer Treppe in einem Büro mit norwegischen Texten an den Stufen.
60 Prozent der Möbel sind Upcycling-Projekte, 40 Prozent sind entweder biologisch abbaubar oder recycelte Abfälle.

Auch beim Innenausbau und bei der Einrichtung setzten die Planerinnen und Planer auf möglichst ressourcenschonende Lösungen, wie zum Beispiel die Wiederverwendung von Sanitärinstallationen, Lüftungsaggregaten und Akustikpaneelen. „60 Prozent der Möbel sind Upcycling-Projekte und 40 Prozent bestehen entweder aus biologisch abbaubaren Materialien oder aus Industrieabfällen wie Kunststoffen, die aus dem Meer geborgen wurden.“

Ein heller Büroraum mit Holzstützen und großen Fenstern.
Die Holzkonstruktion basiert auf einem Raster von fünf mal fünf Meter, was flexible Raumlösungen ermöglicht.

Neun Monate Bauzeit

Die Essenz dieses Holzbauprojektes beruht auf einer möglichst simplen Konstruktion und sortenreinen Verbindungen, was laut Architekten dazu führt, dass sich künftige Anpassungen einfach umsetzen lassen. Den potenziellen Rückbau hat man von Anfang an mit eingeplant. Da es sich um ein zirkuläres Pilotprojekt handelt, war es für die involvierten Unternehmen eine Herausforderung, wie OsloTre schildert: „Dieses Projekt erforderte einen gemeinsamen Kraftakt aller Beteiligten, einschließlich Developer, Gewerke und Planungsbehörden. Es war eine wertvolle Lernerfahrung, die auch andere dazu inspirieren soll, über Re-Use nachzudenken.“

Eine kurze Bauzeit zählt bekanntlich zu den großen Vorteilen des modernen Holzbaus. Das HasleTre war in einer Rekordzeit von nur neun Monaten bezugsfertig. Die Mitarbeiter der Kinderrechte-Organisation Save The Children Norway, die in die neuen Räumlichkeiten eingezogen sind, profitieren auch von der gesundheitsfördernden Arbeitsumgebung.

Ein Treppenhaus mit Holzstufen und hellen Holzwänden. Eine Person geht die Treppe hinauf.
Das HasleTre war in einer Rekordzeit von nur neun Monaten bezugsfertig.
Blick aus einem Holzhaus auf einen Innenhof mit weiteren Holzhäusern.
Die Brettsperrholzwände und -paneele sind mit einem X-Fix-System aus Holz miteinander verbunden.

Die Mitarbeiter der Kinderrechte-Organisation Save The Children Norway, die in die neuen Räumlichkeiten eingezogen sind, profitieren auch von der gesundheitsfördernden Arbeitsumgebung. 

Naturbasierte Materialien

Neben den naturbelassenen Holzoberflächen kommen in den Büroflächen auch die naturbasierten Materialien Kork und Wolle zum Einsatz. „Diese Materialien senken mithilfe ihrer hydrothermalen Eigenschaften den Energieverbrauch des Gebäudes“, heißt es in der Projektbeschreibung. „Außerdem sollen sie Wohlbefinden und Konzentration der Mieter steigern sowie die Zahl der krankheitsbedingten Fehlzeiten verringern.“

Ein heller Büroraum mit Holzbalken und großen Fenstern, in dem Menschen arbeiten.
Das HasleTre bietet biophile Arbeitsräume mit viel Licht und großformatiger Aussicht.

Die Expertise des Architekturbüros OsloTre in Sachen Holzbau kommt nicht von ungefähr. Die Gründer des Büros kennen den Naturbaustoff nämlich auch von der Produktionsseite her, da sie früher eine CLT-Fabrik geleitet haben. Ihre Projekte werden regelmäßig mit renommierten Preisen ausgezeichnet. HasleTre wurde zum norwegischen Holzbau des Jahres 2023 gekürt.

Text: Gertraud Gerst Fotos: Einar Aslaksen

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