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11/09/2020

Das Haus ohne Wände

Um die Wellen des pazifischen Ozeans in einem Haus zu manifestieren, ließ sich Architekt Ryue Nishizawa auf ein besonderes Experiment ein: Er baute ein Haus ohne Wände. Dafür aber mit spektakulärer Sauna …

Der Ort allein ist schon außergewöhnlich! Eine felsige Landzunge, die sich gut 15 Meter über die Brandung des Pazifiks erhebt. Blickrichtung: Unendlichkeit. Dahinter von karger Vegetation überwucherte Felslandschaft, die erst irgendwo mit der Zivilisation kollidiert. Fast erinnert es an das vielleicht versteckteste Haus der Welt. Doch eben an diesem einsamen aber speziellen Ort im chilenischen Los Vilos hat der japanische Architekt Ryue Nishizawa seiner Kreativität freien Lauf gelassen. Und ein ganz besonderes Wohnhaus hingestellt.

Ryue Nishizawa als Beton-Fan

Schon auf den ersten Blick fällt auf, dass der vor allem in Tokio gefragte Gründer des nach ihm benannten Studios „Ryue Nishizawa“ Formen realisiert hat, die eigentlich nur mit dem Baustoff Beton sinnvoll möglich sind: geschwungene Dachformationen.

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Und es braucht nicht allzu viel Phantasie, um dieses gewaltige Wellendach als das zu identifizieren, was es darstellen soll: Die Wellen des Pazifiks, die direkt unter dem Fundament des Hauses an den schroffen Felsen brechen. Laut dahinterliegender architektonischer Überlegung, soll der kraftvolle Ozean im Felsen weitergetragen werden, um schließlich als felsige Wellenformation an der Oberfläche zu erstarren. So soll dem Haus wohl die Energie des Pazifiks regelrecht innewohnen.

Wellen statt Wände als Raumteiler

Doch Ryue Nishizawa hat nicht bloß der Form halber die Wellen in sein Haus integriert. Er ließ sie tatsächlich intelligent als Stilmittel einfließen, um ihre zu Beton erstarrte Form zu nutzen. Als Raumteiler nämlich! Vereinfacht ausgedrückt kann man sagen, dass die Wellentäler nun herkömmliche Wände ersetzen. So können die Bewohner sozusagen unter den einzelnen Wellen in unterschiedlichen Räumen wandeln.

Es gibt keine Wände mehr, von denen man sprechen könnte. Es ist wie ein Gebäude aus Boden und Dach, nur inmitten der üppigen Natur.

Ryue Nishizawa, Architekt
 

Ryue Nishizawa beschreibt seine Lösung konkret so: "Das Dach senkt sich stellenweise bis zum Boden ab und teilt dadurch den Raum darunter sanft in Segmente, die die Form bestimmen“, sagt er und führt weiter aus: "Es gibt also keine Wände mehr, von denen man sprechen könnte. Es ist wie ein Gebäude aus Boden und Dach, nur inmitten der üppigen Natur.“

Glas als zweites Wundermittel

Um diesem monolithischen Dach einerseits die Aufmerksamkeit zu sichern und andererseits den darin Lebenden möglichst viel Meerblick zu gewähren, wählte der Meisterarchitekt zudem Glas als Stilmittel. Die Wände bestehen einfach überall wo es möglich war aus klarem Glas. Bloß schlanke Stahlsäulen dienen als Rahmen und Halter.

Ryue Nishizawas neues Raumgefühl

"Was die Struktur betrifft, so ermöglichen Bögen, die diagonal angeordnete Landepunkte verbinden, große Spannweiten. Und weil wir diese gleichzeitig in verschiedene Richtungen zur umgebenden Landschaft hin öffnen lassen, entstehen gänzlich ungewöhnliche Optiken und ein neuartiges Raumgefühl", so Ryue Nishizawa weiter.

Die Räume würden auf diese Art eine Vielfalt an Offenheit aufweisen, die mit klassischen Bogenstrukturen, wie man sie von klassischen Gewölbedächern kennt, niemals erreicht werden können, ist er sich sicher.

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Um das restlos begreifen zu können, muss man aber wohl die Architektur persönlich und vor Ort auf sich wirken lassen. Was man allerdings auch aus der Ferne klar erkennen kann ist die tatsächliche wellengemachte Aufteilung dieses ungewöhnlichen Wohnraums: Das Dach teilt das Haus nämlich explizit in drei Bereiche. Die Sauna auf der Vorderseite, ein Schlaf- und Wohnzimmer in der Mitte und eine Küche mit Essbereich, die sich auf eine Terrasse auf der Rückseite erstreckt.

Ruhe statt Meeresrauschen

An diesem hinteren Ende hebt sich das Dach in einem Winkel an, um einen Außenbereich abzudecken und so Schatten zu spenden, wie das Studio betont: "An der Spitze des Kaps, von der aus man eine herrliche Aussicht hat, befindet sich das Esszimmer mit einem nutzbaren Außenbereich.“ Schließlich pflanzte man die intimeren Bereiche wie das Schlafzimmer lieber auf der Landesinneren Seite, um möglichst viel Ruhe zu ermöglichen. Denn auch wenn wir hierzulande von Meeresrauschen träumen – der tosende Pazifik zu Füßen ist in der Tat alles andere als beruhigend!

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Apropos Schlafbereich: Die Hauptschlafzimmer-Suite befindet sich regelrecht abgetrennt von der überirdischen Welle auf einer unteren Ebene. Sie ist über eine Treppe zugänglich gibt über eine Glasfront zwar den Blick auf das Meer und eine private Terrasse frei. Alles allerdings in einer geschützten Nische der Bucht.

Beton und Holz als Stilmittel

Im Inneren sticht das freigelegte Betonplattendach ins Auge. Kombiniert wird die harte Optik mit den weichen Impulsen von Holzböden und Holzmöbeln. Die Küche besteht gar aus drei freistehenden Holzinseln, die extra so arrangiert sind, dass sie die Aussicht nicht behindern. Das angrenzende Esszimmer ist mit einem schwarzen Tisch und hellen Stühlen ausgestattet. Von der Decke darüber hängen weiße Pendelleuchten.

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Wirklich Wellen schlägt allerdings das heimliche Herzstück des Hauses: Ein Saunaraum mit einer versenkten weißen Badewanne, von der aus man die Wellen des Pazifiks überblicken kann, die an den Klippen branden.

Das Gefühl, das Ryue Nishizawa dabei erzeugen möchte? Dass man nicht etwa in einer Wanne liegt. Sondern in der Gischt des Meeres badet …

Text: Johannes Stühlinger Bilder: Cristobal Palma

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