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UBM Development
02/26/2020

Büro im Kornfeld

Nach dem Tiny House kommt das Tiny Office. Das belgische Architekturbüro Toop baut Schiffscontainer in mobile Arbeitsräume um. Die Boxen im Hipster-Schliff sind aber nicht nur Eye Candy, sondern ein möglicher Beitrag für nachhaltige Stadtentwicklung.

Namhafte Großkonzerne scheuen weder Mühen noch Kosten. Sie schaffen für ihre Mitarbeiter naturnahe Umgebungen, auf dass sie sich möglichst frei entfalten können. Sie setzen tropische Wälder samt Wasserfall in ihre durchgestylten Headquarters, wie zuletzt in Googles begrünten Glaskuppeln, den Spheres. Eine andere Idee dagegen hatten die kreativen Köpfe eines belgischen Architekturbüros. Statt die Natur an den Schreibtisch zu holen, setzten sie die Schreibtische ihrer Mitarbeiter in die Natur. Dafür entwickelten sie Prototypen für ein mobiles Tiny Office.

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Kostengünstig und flexibel

Not macht bekanntlich erfinderisch. Die Zeichen für das belgische Designstudio Toop Architectuur standen auf Expansion. Mehr Arbeitsraum für die Mitarbeiter an ihren beiden Standorten musste her. Die leitenden Architekten Laurent Temmerman und Jens Theuwen suchten dabei nach einer Zwischenlösung, die kostengünstig und möglichst flexibel sein sollte. Schließlich wussten sie nicht, wie es mit der Auftragslage weiterging. „Das brachte uns zur mobilen, aber robusten Struktur eines Schiffscontainers“, erinnert sich Temmerman. „Dieser Ausgangspunkt ermöglichte es uns, etwas zu bauen, das flexibel war, sowohl in Bezug auf den Standort, als auch auf die Nutzung.“

Durch den Ausbau zweier Schiffscontainer in repräsentative Mobilbüros gelang ihnen noch mehr. Die beiden neuen Außenstellen des Architekturbüros fungieren nämlich zudem als Konzeptstudie und Showcase für Kunden. „Wir haben versucht, ein Objekt zu schaffen, das Ausdrucksform unserer Architektur ist. Einer Architektur, die sich an den Nutzern und den örtlichen Gegebenheiten orientiert.“

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Die Kubatur der Büros ist variabel und wird durch die jeweilige Größe der ISO-genormten Frachtbehälter aus Stahl bestimmt. Eine Box, sie trägt den Namen Cowes, steht zwischen Maisfeldern in der Ortschaft Westouter, nahe der französischen Grenze. Die andere heißt Colok und steht in einem Garten in der ostflandrischen Stadt Lokeren. „Die beiden Büros sind ähnlich, aber doch unterschiedlich. Sie sind als Diptychon gedacht“, erklärt Temmerman.

Das unsichtbare Büro

Das Atelierbüro Cowes ist rundum von sattem Grün und einer hügeligen Landschaft umgeben. „Auf diesem schönen Grundstück wollten wir einen Arbeitsraum schaffen, der so wenig wie möglich in die umgebende Landschaft eingreift“, so der Architekt. Der Container wurde an der Außenfassade mit Spiegeln verkleidet und reflektiert so die umliegenden Felder und Hügel. Sowohl drinnen als auch draußen sollte nichts von der Arbeit und der Umgebung ablenken.

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Die Aussicht wird durch eine große Glasschiebetür in der Mitte und ein bodentiefes Fenster an der Seite freigegeben. Bei aufgeschobenen Türen werden die Büros im Sommer zu Open-air-Räumen, die sich zur Landschaft hin öffnen. „Mit Bedacht gewählte Öffnungen schaffen eine Verbindung zwischen der Landschaft und dem Inneren.“

Gediegene Einrichtung mit Low Budget

Das Interieur wirkt durch die einheitliche Holzvertäfelung warm und gediegen. Die Wände sind mit Sperrholz vertäfelt, das üblicherweise als Baumaterial und nicht für Oberflächen eingesetzt wird. Unbehandelte Stahlbänder bilden das Gerüst für ein an der Rückwand angebrachtes Bücherregal.

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„Durch den Einsatz dieser schönen und doch kostengünstigen Baustoffe zeigen wir Kunden die Möglichkeiten, die in Low-Budget-Materialien stecken“, so das Credo der Architekten. Außerdem könne durch die Modularität im Inneren „die komplette Einrichtung einfach ausgetauscht werden, ohne dass große Umbauarbeiten notwendig sind“.

Modulares Konzept für die Stadtentwicklung

Den Mitarbeitern von Toop jedenfalls gefällt das Arbeiten in den Räumlichkeiten. Die Kompaktheit im Inneren wird durch die großflächige Aussicht und die Weitläufigkeit der Umgebung wettgemacht. Im Grunde ein ähnliches Prinzip wie bei den Tiny Houses, die derzeit so boomen. „Tiny Houses versprechen ein maximales Landschaftserlebnis. Dasselbe versuchen wir mit unseren Projekten zu erreichen“, sagt Temmerman. „Wir glauben, dass diese Art von Arbeitsraumbeschaffung stadtplanerische Lösungen und ein ähnliches Trendpotenzial wie das Tiny House bietet.“

In seiner Vision hat diese modulare Büroform großes Potenzial für urbane Ballungszentren. „Die Büros können übereinander gestapelt und bei Bedarf wieder entfernt werden“, sagt Temmerman und erinnert mit seiner Idee an Arata Isozakis futuristischen Masterplan City in the Air, der ebenfalls auf einem modularen Raumkonzept basiert.

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Tiny Office statt Pendlerverkehr

Große Firmen könnten durch diese Form der mobilen Arbeitsräume Niederlassungen in ländlichen Gebieten schaffen und so dem wachsenden Pendlerverkehr entgegenwirken. „Viele Menschen pendeln jeden Tag in die großen Städte und sind mit Staus, schlechter Anbindung und großem Zeitverlust konfrontiert. Hohe Kosten und frustrierte Mitarbeiter sind die Folge“, so der Architekt. Strategisch positionierte Zweigstellen am Land könnten die Umwelt entlasten, Kosten senken und die Motivation der Mitarbeiter steigern.

Dabei spricht Temmerman aus eigener Erfahrung. Das viele Tageslicht, der hohe Bezug zur Umgebung und das Freiluftgefühl im Sommer seien ein Zugewinn für jeden Mitarbeiter. „Müdigkeit, Langeweile oder Unwohlsein gibt es in unseren Büros nicht.“ Die geringe Anzahl der Krankenstände belegt das.

Text: Gertraud Gerst

Fotos:Tim van de Velde

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