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UBM Development
01/30/2020

„Architektur und Fußball haben viel gemeinsam“

Boris Podrecca ist einer der weltweit renommiertesten Architekten Europas. Am 30.Jänner 2020 feiert er seinen 80.Geburstag. Am selben Tag wird im Wiener Ringturm eine Ausstellung seiner wichtigsten aktuellen Werke eröffnet.

Im Interview spricht der Meister über die Kunst, Altes zu reanimieren, über Planung, „stotternde“ Städte und den Fehler, Architektur lediglich dem Zeitgeist unterzuordnen.

Schon sein Büro im 17.Bezirk von Wien verrät viel über den Mann, der in acht europäischen Ländern rund 400 Projekte (Beispiele siehe Fotos) gebaut hat und sieben Sprachen spricht. In einem ehemaligen Fabrikgebäude befinden sich drei Stockwerke seines Ateliers und drei Ebenen mit Wohnungen mit großer, 20 Meter langer Terrasse. Biedermeier, 1920er Jahre und Moderne sind hier somit übereinander aufgeschichtet. Alt und Neu zu amalgamieren ist eine Kunst, die Boris Podrecca exzellent beherrscht. Am 30.Jänner 2020 wird der berühmte Architekt 80 Jahre alt. Von Ruhestand kann keine Rede sein.

Von 31. Jänner bis 20. März widmet Ihnen „Architektur im Ringturm“ eine Ausstellung. Die Eröffnung findet an Ihrem 80. Geburtstag statt. Was denken Sie, wenn Sie auf Ihr bisheriges Schaffen zurückblicken?
Boris Podrecca: Wäre ich kein Architekt, wäre ich ein guter Fußballtrainer. Nicht, weil ich einmal in der Triestiner Bundesliga gespielt habe und später Tormann bei der „Vienna“ war. Sondern weil der Mensch zwei Augen hat: Ich sehe den Genuss des Sports, aber auch das Netz der Aktionen, die nötig sind, um zum Tor zu kommen. Wenn ich diese extrapoliere, entsteht ein imaginärer Raum. Damit habe ich schon eine kleine Basilika konzipiert. Auch in der Architektur geht es darum, wie man einen Raum gewinnt.

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Wie kam es zu Ihrer Berufswahl?

Ich bin in Belgrad geboren, wo mein Vater Außen-Attaché am Hof war. Aufgewachsen bin ich in Triest. Mein Vater – als echter Triestiner – liebte Wien und die Familie übersiedelte dorthin. Seiner Psychose entsprechend musste ich mit in die Stadt, in der ich heute lebe. Mit Maler-Freunden wie Peter Pongratz, Kurt Kocherscheidt und Franz Ringel und Literaten wie H.C. Artmann, Gert Jonke und periodisch Peter Handke habe ich das Bohémien-Leben kennengelernt. Das andere, unterirdische Wien. Mit 25 habe ich mit Fußball aufgehört. Anfangs habe ich bei Fritz Wotruba Bildhauerei studiert, bis ich genug vom Kneten, all den Schenkeln und Körperteilen hatte.

Und dann? Sie haben ja bei Roland Rainer studiert...
Auf vielen Studienreisen habe mich vor allem mit dem Orient beschäftigt. Die gewaltige Kuppel der Hagia Sophia hat mir regelrecht die Hosen heruntergezogen. Das war ein Schlüsselerlebnis: Das Vereinnahmen von Raum und Licht und daraus eine Gestalt zu formen wurde mein Thema. Aber das Architekturstudium an der Technischen Universität hat mich frustriert, weil es da wie in einer Kaserne zuging. Also habe ich mich an der Akademie der bildenden Künste bei Roland Rainer ausgeweint – und hatte Glück: Er sah, dass etwas da ist, und hat mich in seine Meisterklasse aufgenommen.

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Was waren Ihre ersten realisierten Projekte?

Zum Beispiel der Umbau eines neurophysiologischen Instituts in einem riesigen Palais in der Wiener Dorotheergasse. Ein Glücksfall, weil viele bedeutende Leute zur Eröffnung kamen. Und dann die Neugestaltung einer großen Jugendstilvilla von Otto Schönthal in der Linzer Straße für das Büro der Werbeagentur GGK. Im Garten entstand auch ein schwarz-weißer, aus Holz aufgerichteter Pavillon für die Kreativen, der ihnen heute noch immer dient. Das war der erste kleine Holzpavillon in Wien.

Wie denken Sie über das aktuelle Comeback des Baustoffs Holz?
Ich baue sehr gern damit. Allerdings darf man das nicht aus Zeitgeist oder der Mode wegen tun. Holz altert schnell. Oft sind die Bauherren zwei Jahre später schon enttäuscht. Das Haus wird homogen wie die Bauernarchitektur, die wir alle lieben. Aber bei großen Gebäuden muss der Kern in der Regel aus Beton sein. Große städtische Häuser ausschließlich aus Holz zu bauen wäre sehr, sehr teuer. Bei Kleinen passt es gut. Meiner Meinung nach ist aber jedes Material gut, wenn man es richtig einsetzt. Man sollte auch aus Ökologisierung keine Doktrin machen.

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Sie haben in acht europäischen Ländern gebaut, sogar eine Ausstellung im sonst so restriktiven Kaiserpalast in Peking errichtet, haben Büros in Wien, Venedig und Stuttgart betrieben und Professuren an verschiedensten Universitäten gehabt. Was hat sie in Wien gehalten?

Mein Vater war ein reisender Diplomat. Somit bin ich also quasi im Koffer geboren. Das wollte ich meinen Kindern ersparen. Auch bei meiner schönsten Gastprofessur an der Harvard Universität in Boston bin ich ständig zwischen dort und Wien gependelt. Und nach 25 Jahren Lehre hatte ich genug. Am liebsten begrase ich als Architekt Mitteleuropa. Wien habe ich nie wirklich verlassen. Meine Frau ist ebenfalls Architektin, hat hier ihr eigenes Büro und macht ihre eigenen Projekte. Die Kinder sollten in Ruhe aufwachsen.

Und hat sich das gelohnt?

Ich denke schon. Meine Tochter hat heute mit einer Partnerin das Industrial Design Atelier „Dottings“ und mein Sohn ist erfolgreicher Tragwerksplaner bei Bollinger-Grohmann.

Was mögen Sie an Wien?

Wien ist eine äußerst lebenswerte Stadt. Sicherheit, Verkehr, Lebensqualität – alles wirklich großartig. Nur was den öffentlichen Raum betrifft, herrscht leider eher Beserlpark-Mentalität. Anders als heute beispielsweise in nordischen Städten fehlt in Wien der große Wurf. Es ist ein bisschen Mährisch-Ostrau, hat keine Grandezza, obwohl es hier viele gute Architekten gibt. Es fehlt an Kompetenz und Mut bei der Planung. Am Praterstern zum Beispiel: Die Stadt hat damals mit so viel Mühe begonnen, meinen Entwurf – der einen internationalen Wettbewerb gewonnen hatte – umzusetzen, dann aber aus irgendwelchen Gründen Angst bekommen. Geblieben ist ein Torso.In unfertigen Räumen siedelt sich dunkles Leben an. Das weiß ich als Architekt von anderen Städten, dass sich in „No Spaces“ alles Negative einer Stadt sammelt – wie etwa Drogen, Alkohol, Prostitution...

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Derzeit ist viel vom Sinn vertikalen Städtewachstums die Rede. Was halten Sie davon?

Hier hat sich einiges geändert. Roland Rainer sah es so: Wohnen sollte etwas auf der Erde sein – niedrig und durchtränkt von Grün – während Büros und ähnliche Gebäude vertikal wachsen sollen. Heute wohnt man allerdings auch gern in einem Penthouse im 20.Stock.

Wie sollte Stadtplanung dann heute aussehen?

Ich meine, es gibt hier zwei Möglichkeiten: Ein Hochhaus als „Mutter“ des Bezirks oder ein „Little Manhattan“, wo es alles gibt und wo jeder sein und wohnen will. Schlimm ist aber, wenn eine Stadt zerrupft wird: Ein Hochhaus hier, ein anderes da. Dann fehlt die Melodie. Und dann beginnt die Stadt zu stottern. Man sollte nicht einfach da bauen, wo es günstig ist. Nehmen Sie das Projekt des Turms am Eislaufverein: Dort passt schlicht kein Hochhaus hin.

Was wäre Ihre Idee einer Lösung für Wien?
Hochhäuser als Rahmenhandlung. Als Passepartout dessen Inhalt ein Bild ergibt. Nicht in die Mitte spucken, sondern Hochhäuser um die historische Stadt bauen, die nachts wie ein erleuchteter Rahmen wirken. Das war auch die Idee beim Bau des Millenium Towers.

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Sie sagen, man muss im Kontext denken und nicht einfach bauen, sondern zugleich etwas für die Stadt tun. Können Sie dazu ein Beispiel nennen?
Begegnungszonen sind zum Beispiel wichtig. Mit Loggien, Grün, Sitzbänken und Überdachungen. Niemand wartet gern im Regen auf seinen Star. Oder: Beim Projekt des Bürozentrums für die Basler Versicherung(Anm. der Red.: nach Boris Podreccas Plan 1993 fertiggestellt) hatten wir zum Beispiel die Idee eines durchgehenden Boulevards vor Augen, der den Donaukanal und die große Donau wie ein Zippverschluss verbindet. So, dass eine Mutter den Kinderwagen schön vom Hof der Basler Versicherung bis zum Millenium Tower und zur Donau schieben kann. Ein Boulevard mit einem horizontalen, nautisch angelegten Bürogebäude an einem Ende und dem damals, vor 21 Jahren, höchsten Turm am anderen.

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Welche Rolle spielt die Bauweise bei urbanen Großprojekten?

Der extrem billig gebaute Austria Campus im Wiener Nordbahnviertel zum Beispiel ist natürlich ein Putzbau. Aber Wien ist eine Stadt des Putzbaus. So, wie Glas für England, Stein für Berlin oder Ziegel für Hamburg typisch ist. Da soll man sich nicht dafür schämen, intelligent in Putz zu bauen.

Was meinen Sie mit extrem billig?

Beim Riesenprojekt des Campus, das Ivan Akerman von meinem Büro ganz großartig geleitet hat, haben wir mit 1.090 Euro beim Edelrohbau vermutlich sogar einen Rekord geschafft. Schlecht ist aber, wenn solche Projekte nicht vollendet werden und ein Torso bleibt, weil Geld oder Mut für die Vollendung fehlen.
Wir haben somit einen Franziskaner mit seiner einfachen Kutte und ohne Socken in seinen Sandalen gebaut – und keinen Jesuiten mit „white collar“. Brot und Wein schmecken oft besser als französische Sole Meunière mit Béchamel.

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Fast jeder Städter träumt heute davon, im Grünen und doch zentrumsnah zu leben. Lässt sich das vereinbaren?

Das haben wir mit dem schwierigen Projekt am Blumenplatz in Zagreb bewiesen(Anm. der Red.: 2011 fertiggestellt): Im Erdgeschoss gibt es dort die Passage mit Geschäften und Lokalen, darüber einen Park im zweiten Stock, Wohnungen und darüber Penthouse-Villen aus Glas und Stahl auf dem Dach. Vom Schwimmbad aus kann man die Stadt überblicken. Bodenfläche in der Stadt ist sehr teuer geworden, aber so kann man zentral und doch wie in einer eigenen Villa wohnen.

Bei vielen Ihrer Projekte haben Sie alte Gebäude modernisiert. Der Umbau des Museums Moderner Kunst Ca‘ Pesaro in Venedig gilt als Musterbeispiel gelungener Revitalisierung. Soll Architektur öfter erhalten als neu bauen?

Man muss gut bauen, aber auch gut zerstören können. Was mich überzeugt, ist die Qualität einer Zeit. Geht der Vater mit mir durch ein Haus, bekomme ich vielleicht eine Ohrfeige, wenn ich schlimm bin. Vom Großvater aber krieg ich ein Zuckerl.

Man kann intelligent restaurieren und alte Gebäude parlante machen, also wieder für sich sprechen lassen. Oder man kann sie, wie im großen Kunstmuseum Ca‘ Pesaro in Venedig, mit Hilfe von Implantaten so reanimieren, dass sie mittlerweile äußerst komplexe neue Auflagen erfüllen. Geht man mit Demut vor, stützen Prothesen wie behutsam eingefügte Haus- und Klimatechnik sie dann da, wo sie sonst nicht mehr funktionieren würden.

Also macht Erhaltung immer Sinn?
Manchmal muss man zerstören und Neues bauen. Aber nicht, wenn gute Substanz vorhanden ist. Wie etwa bei einem Hotelbau von Walter Gropius in Dubrovnik, der abgerissen werden sollte. Ich habe mit dem Eigentümer darum gestritten, wir haben adaptiert und dazugebaut. In diesem Hotel hatte Roger Moore und hat nun auch John Malkovich ständige Suiten.

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Sie haben auch das Palais Hansen an der Wiener Ringstraße, das jetzt als Hotel Hansen Kempinski erfolgreich ist, zu neuem Leben erweckt. Da gab es viele Denkmalschutz-Vorgaben. War das ein Problem?

Ich habe sehr gern und gut mit dem Denkmalschutz zusammengearbeitet, weil ich auch viel Theorie und Architekturgeschichte inhaliert habe. Der Umbau war eine Kombi-Aufgabe, weil es einerseits um das Hotel, andererseits aber auch um 20 Wohnungen in den oberen Geschossen ging. Zuerst wollte ich das nicht machen, weil ich gehört habe, dass diese Wohnungen bis zu 25.000 Euro pro Quadratmeter kosten werden. Aber ich habe es dann doch getan und wurde überrascht: Die Wohnungen waren das Erste, was verkauft wurde. Und zwar nicht etwa nur an reiche Russen, sondern an fleißige Österreicher, die sich das leisten wollten.

Sie werden oft mit dem Satz zitiert, dass man sich „als Architekt zurücknehmen“ müsse. Was ist damit gemeint?
Architektur ist nicht nur „Brand“ des Architekten oder reiner Augenschmaus. Ich mag keine Stil-Definitionen. Ich versuche, wie Friedrich Achleitner beschrieb, „eine Poetik der Unterschiede“ zu entwickeln. Orte haben so viel Power und Substanz, dass man ihre Bilder mit den Mitteln der Ist-Zeit weiterspinnen kann. Ich baue kontextuell. Die Anthropologie ist mir wichtiger als das Bauen selbst. Ich nenne das Archikultur. In schlechter Umgebung baue ich lauter, in gutem Umfeld nehme ich mich zurück und bleibe leise.

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Wie denken Sie dann beispielsweise über berühmte Kollegen wie Santiago Calatrava?

Als Kollegen schätze ich ihn. Was er als Architekt macht, gefällt Bürgermeistern. Aber es ist nicht konstruktiv. Nehmen Sie etwa das Theater in Valencia: Das ist sein „Brand“, hat mit der Stadt aber gar nichts zu tun.

Und wie beurteilen Sie dann die bunten Bauwerke von Friedensreich Hundertwasser?
Er war ein toller Maler. Aber Maler sollten keine Architektur machen. So etwas wird immer Kitsch.

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Sie haben unzählige, international bewunderte Projekte realisiert und genießen höchstes Renommee. Denken Sie daran, sich irgendwann zur Ruhe zu setzen?

Würde ich aufhören, würde ich meiner Frau auf die Nerven gehen und mit ihr sogar öfters streiten. Außerdem ist Arbeit auch eine Art der Alzheimer-Prävention. Und eigentlich habe ich das Gefühl noch nichts gebaut zu haben. Ich habe noch kein Stadion gebaut. Und auch noch keine Moschee. Wie schafft man Intimität in einer solchen Kuppel? Es wäre schön, das noch zu tun.

Text: Elisabeth Schneyder

Fotos: Maja Bacer, Miran Kambič, Hertha Hurnaus, Damjan Švarz, Cecilia Castelletti, Monika Nikolic, Marco Zanta

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