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07/06/2020

Anti-Aging für die WHO

Die Arbeiten an der Erweiterung des Genfer Hauptquartiers der Weltgesundheitsorganisation gehen ins Finale: Im Herbst wird die WHO ihren neuen, vom Büro Berrel Berrel Kräutler designten Sitz beziehen können.

Bisher gingen die Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf in einer Ikone aus den 1960er Jahren ihrer Arbeit nach. Das vom Schweizer Architekten Jean Tschumi entworfene Hauptgebäude gilt als Meisterwerk der Nachkriegsmoderne. Frisch renoviert und um einen Neubau erweitert, macht es nun erneut Furore: Im kommenden Herbst werden die Arbeiten am WHO Komplex beendet sein. Und das Konzept des Schweizer Büros Berrel Berrel Kräutler verspricht ein spannendes Ergebnis.

Achtsame Erweiterung

Der Neubau nimmt mit seiner Form und Gestaltung Bezug auf den historischen, 1966 fertiggestellten WHO-Sitz. Für Tschumi spielte der skulpturale Gedanke eine gewichtige Rolle. Der Architekt betrachtete jedes Gebäude als Gesamtkunstwerk. Zudem legte er größten Wert auf den Konnex zur umliegenden Landschaft. Und er nahm bei der Planung stets Rücksicht auf die menschliche Bewegung im Raum. Diese Grundgedanken finden sich auch im Design von Berrel Berrel Kräutler wieder.

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Der neue Trakt erweitert die drei bestehenden und freistehenden Bauten in ihrer parkähnlichen Umgebung. Ähnlich wie Tschumis Haupthaus ist die Ergänzung aus einem Sockel mit darüber schwebendem Volumen konzipiert.

Sockel als Herzstück

Auch die Fassade der Erweiterung übernimmt die facettenreiche Optik des Bestands. Der lange Betonsockel mit seinen großen, zum Park gerichteten Fensterbändern verbindet Alt und Neu. Er wird zum Zentrum der gesamten Anlage.

Die Geschoss-Struktur des historischen WHO-Gebäudes wurde ebenfalls aufgegriffen. Damit setzt sich die logistische und funktionale Verflechtung des Bestands im Inneren des neuen Sockelbaus fort. Dort sind Gemeinschaftsräume wie das Restaurant und die Konferenzsäle untergebracht. Die Terrasse und der würfelförmige Hauptteil wurden darüber positioniert.

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Obwohl dieser Bau von außen streng wirkt: Im Inneren ist der Administrationstrakt einladend gestaltet. Seine neun Geschosse sind flexibel nutzbar. Mehrstöckige Aufenthaltsräume lösen Büroetagen ab. Und die offenen Grundrisse der Büroflächen können variabel organisiert werden.

Beeindruckendes Atrium

Ein durchgehendes Atrium im Zentrum des Würfels bringt Tageslicht ins Innere. Zugleich eröffnet es freien Blick in die verschiedenen Geschosse. Es sorgt für eine engere Verbindung zwischen Innen und Außen. Außerdem ist das Atrium Teil des auf Effizienz ausgerichteten Energiekonzepts. Und es bietet viel Platz für informelle Kommunikation.

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Vier fixe Kerne im modularen Gitter des Plans verlaufen durch alle neun Stockwerke. Sie dienen nicht nur Service und Zirkulation, sondern bilden zusammen mit der Fassade das Tragwerk. Ein statisches Geschoss nimmt die darüber liegenden Lasten auf.

Gesundes Grün für die WHO

Im Konzept, mit dem sich die mehrfach ausgezeichneten Berrel Berrel Kräutler Architekten gegen 250 Konkurrenten durchsetzten, ist auch viel Grün enthalten. Gartenanlagen lockern die Optik der rechteckigen Gebäudeblöcke auf. Auch Patio und Innenräume sollen durch Bepflanzung mehr Lebensqualität und angenehmes Arbeitsumfeld bieten. Einbindung in den umliegenden Parkbereich und Blick über die Anlage verstehen sich von selbst.

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Der Zugang zum Neubau der WHO erfolgt über das historische Gebäude. Die Lobby des majestätischen Haupthauses wirkt wie ein Zeitfenster, das Vergangenheit und Jetzt zusammenführt. Durch die Renovierung und Erweiterung präsentiert sich der Sitz der Weltgesundheitsorganisation als freundlich-stimmiges Ensemble.

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Insgesamt verfügt die 140 Millionen Schweizer Franken teure Erweiterung über ein Gebäudevolumen von 156.000 Kubikmetern. Die Geschossfläche beträgt 45.000 Quadratmeter. Und das Projekt fügt sich würdig in sein bedeutendes Umfeld ein.

Hochkarätige Nachbarschaft

Der Komplex liegt am Ende der Avenue Appia im internationalen Quartier der Westschweizer Großstadt. Unweit davon, im Parc de l’Ariana, findet sich das beeindruckende Palais des Nations. Der zwischen 1929 und 1938 erbaute „Völkerbundpalast“ ist – neben New York – der zweitwichtigste Hauptsitz der UNO.

Auch Sehenswürdigkeiten wie der nahe „Broken Chair“ oder das Musée Ariana lohnen den Besuch. Ebenfalls in der Nachbarschaft der WHO: Die Hauptgebäude anderer global aktiver Gesundheitsorganisationen und jenes der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).

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Mit der Erneuerung seines letzten, posthumunter Leitung von Pierre Bonnardfertiggestellten Werks dürfte auch Jean Tschumi zu nachträglicher Ehre kommen. Ähnlich wie Österreichs international erfolgreichster Architekt des 20.Jahrhunderts Richard Neutra, ist Tschumi bislang oft nur Insidern bekannt.

Frische-Kur fürs Nachkriegs-Juwel

Ist von Nachkriegsmoderne und Schweizer Meistern die Rede, wird meist nur Tschumis prominenter Kollege Le Corbusier erwähnt. Und dies obwohl Jean Tschumi Aufsehen erregende Meisterwerke wie die Nestlé-Zentrale in Vevey geschaffen hat.

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Dass sein Name nun, im Zuge der Erweiterung seines Baus für die WHO, doch wieder häufig fällt, erinnert an einen Satz des 1962 verstorbenen Jean Tschumi: „Die beste Lösung gibt es nicht, nur zweitbeste Lösungen“.

Jene, die Berrel Berrel Kräutler jetzt für den WHO-Komplex verwirklicht, zollt dem Lausanner Architekten jedenfalls auf elegante, zeitgemäße Art größten Respekt.

Text: Elisabeth SchneyderBilder/Renderings: Berrel Berrel Kräutler Architekten

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