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05/31/2021

Interview: „Digitale Urkunden sind die Zukunft“

Michael Umfahrer, Präsident der Österreichischen Notariatskammer, über Vor- und Nachteile der Digitalisierung

Österreichs Notare haben im Vorjahr ihre digitalen Dienstleistungen massiv erweitert. Allerdings hat sich gezeigt, dass sowohl Klienten, als auch Notare den persönlichen Kontakt nicht missen wollen, sagt Michael Umfahrer, Präsident der Österreichischen Notariatskammer im Gespräch.

Seit mehr als einem Jahr begleitet uns die Pandemie. Wie hat sich die Arbeit in den Notariaten dadurch verändert?

Michael Umfahrer: Der erste Lockdown hat dazu geführt, dass wir nahezu unsere gesamte Tätigkeit auf Online-Betrieb umgestellt haben. Das hat auch bedeutet, dass alle Beteiligten lernen mussten, mit den neuen Tools umzugehen und diese in Anspruch zu nehmen.

Wobei digitale Amtshandlungen ja für Österreichs Notare kein völliges Neuland waren …

Das stimmt. Wir bieten bereits seit 2017 die Möglichkeit, GmbHs online zu gründen. Das war auch das Vorbild für alles andere.

Dr. Michael Umfahrer ist seit Oktober 2019 Präsident der Österreichischen Notariatskammer. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien legte er 1987 die Notariatsprüfung ab und ist seit 1998 als öffentlicher Notar in eigener Kanzlei tätig, die letzten 15 Jahre davon in Wien.

Die Möglichkeit, nahezu alle notariellen Amtshandlungen vollständig digital anzubieten, war ja anfangs nur bis Ende 2020 geplant, jetzt wurde sie als Gesetz dauerhaft beschlossen. Wie wichtig ist dieser Schritt?

Ganz wichtig. Ich bin überzeugt, dass die digitale Urkunde die Zukunft ist. Außerdem ist es notwendig, die bewährte Tätigkeit der Notare in einer modernen Form abzubilden.

Die digitalen Amtshandlungen umfassen aber nicht Testamente. Warum?

Beim Testament ist die Frage der Sicherheit auf ein zusätzliches Level gehoben. Immerhin handelt es sich dabei um einen höchst sensiblen und höchst persönlichen Bereich im menschlichen Leben. Man kann ja auch kein Testament mittels Vollmacht erstellen.

Wie ist das digitale Angebot von den Klienten angenommen worden?

Sehr gut. Im Laufe der Zeit haben die Menschen aber lieber wieder das persönliche Gespräch gesucht. Mir scheint, dass es zu einer gewissen digitalen Übersättigung gekommen ist. Außerdem hat sich bald gezeigt, dass es gerade bei den sensiblen Themen, mit denen wir uns beschäftigen, wichtig ist, Emotionen und Atmosphäre zu spüren.

Hat sich durch die Pandemie von den Themen her etwas geändert? Waren Vorsorgevollmachten oder Testamente mehr gefragt?

Nach meiner Beobachtung haben sich beide im normalen Bereich gehalten. Viel Nachfrage nach Beratung und Betreuung gab es allerdings bei Immobiliengeschäften. Im Unternehmensbereich, also bei Investitionen, Akquisitionen und Expansionen, war es hingegen deutlich ruhiger. Da waren eher Fragen wichtig, ob das Unternehmen ordentlich abgesichert ist, ob die Rechtsform für die Situation gut passt.

Apropos Unternehmen: Die Zahl der Neugründungen ist trotz Corona gestiegen - um 1,2 Prozent auf 32.551. Ist das für ein Krisenjahr nicht erstaunlich?

Ein bisschen schon. Ich habe es schon erstaunlich gefunden, dass sich Leute, obwohl sie unsicher sind, soweit hinauswagen. Andererseits finde ich es gut, sich nicht einschüchtern zu lassen.

Welchen Rat geben Sie jemandem, der in Krisenzeiten ein Unternehmen gründen will?

Sich noch besser als sonst mit der Risikobeurteilung zu befassen. Dazu gehören die Fragen der Rechtsform genauso wie Steuer- und Haftungsthemen.

Die Notare haben ja ein eigenes Gründungsberatungspaket geschnürt, das seit März angeboten wird. Woraus besteht dieses und warum wurde es geschnürt?

Wir wollen damit die Initiative der Bundesregierung, die Wirtschaft wieder anzukurbeln, unterstützen. Wir Notare sind schließlich die klassischen Berater, wenn es um Unternehmens- und Gesellschaftsrecht geht. Unser Gründerpaket basiert auf einem dreistufigen Beratungskonzept, um die wesentlichen Fragen in den unterschiedlichen Unternehmensstadien klären und prüfen zu können. Im Rahmen der erweiterten kostenlosen Erstberatung soll die jeweilige Aufgabenstellung geklärt werden. Darüberhinausgehende Beratungsgespräche beziehungsweise notarielle Dienstleistungen können dabei festgelegt werden.

Das österreichische Notariat feiert heuer 150. Geburtstag: Wie haben sich das Berufsbild des Notars und die Anforderungen an diesen im Laufe der Zeit verändert?

Ich möchte zuerst auf eine stabile Konstante hinweisen: Der Notar als öffentlicher Amtsträger steht nach wie vor für Objektivität, Unparteilichkeit, er versucht, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen, sorgt dafür, dass niemand zu Schaden kommt und ist bemüht, eine Lösung zu finden, die Streit vorbeugt. Das ist der rote Faden, der sich durch unsere Geschichte zieht.

Verändert hat sich das Umfeld, das immer schneller, komplizierter und globaler wird. Wir haben uns angepasst und zu einem Beruf entwickelt, der stärker an den Dienstleistungsbereich andockt. Und natürlich werden wir uns auch weiterhin an die Veränderungen anpassen.

Wird es in 150 Jahren immer noch Notare geben? Es gibt immer wieder Stimmen, die meinen, Blockchains machen diesen Berufsstand unnötig …

Künstliche Intelligenz hat definitiv ihre Stärken. Aber ein Bauchgefühl, die emotionale Seite abzubilden, das kann sie bis heute nicht. Aber genau das ist, wie bereits erwähnt, in sensiblen Bereichen notwendig. Dazu kommt, dass Beratung in einem immer komplizierter werdenden Umfeld an Bedeutung gewinnt.

Danke für das Gespräch!

www.notar.at

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