Insolvenzen: Experte erklärt die Lage und teilt persönliche Erfahrungen
Jürgen Gebauer, Leiter Insolvenz Wien beim KSV1870 im Interview
Wenn man auf die aktuellen Insolvenzzahlen blickt, ist zumindest ein kleiner Rückgang erkennbar. Ist das die Trendwende?
Jürgen Gebauer: Um von einer Trendwende zu sprechen, ist es meiner Meinung nach noch zu früh. Einerseits sind die Zahlen auch im historischen Vergleich weiterhin sehr hoch, andererseits fällt der Rückgang zu gering aus, um tatsächlich von einer Trendwende sprechen zu können. Was wir als KSV1870 sehen, ist, dass sich die Insolvenzdynamik im ersten Halbjahr 2026 etwas verlangsamt hat. Das betrifft sowohl die Situation in Wien mit rund 1.300 Unternehmensinsolvenzen und einem Rückgang von zwei Prozent als auch die österreichweite Entwicklung. Bundesweit wurden knapp 3.450 Fälle gezählt, was 19 Fällen pro Tag entspricht und einen Rückgang von einem Prozent bedeutet.
Taucht man etwas tiefer in die Materie ein, ist eines erkennbar: Die Zahl der mangels kostendeckenden Vermögens nicht eröffneten Verfahren steigt seit einiger Zeit. Warum ist das so?
Jürgen Gebauer: Wie der Name schon sagt, fehlt es in diesen Fällen am Vermögen, das erforderlich ist, um ein Verfahren bei Gericht überhaupt eröffnen und einer ordnungsgemäßen Abwicklung zuführen zu können. Hier sind nicht einmal mehr 4.000 Euro für die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens vorhanden – auch deshalb, weil in diesen Fällen Insolvenzanträge zu spät gestellt werden. Das ist für alle Beteiligten das Worst-Case-Szenario. Das lange Zuwarten hat zur Folge, dass durch die Nichteröffnung eines Insolvenzverfahrens Sanierungen unmöglich werden und auch die Chance, bei einer konkursmäßigen Abwicklung zumindest eine geringe Quote für die Gläubiger zu erwirtschaften, verunmöglicht wird. Das verursacht im „Long Run“ auch zusätzlichen volkswirtschaftlichen Schaden und gefährdet Arbeitsplätze. Aber auch dann, wenn ein Insolvenzverfahren noch eröffnet werden kann, zeigt sich, dass je länger mit der Beantragung eines Insolvenzverfahrens zugewartet wird, die Möglichkeiten einer mittel- und langfristig erfolgreichen Sanierung sinken und der Forderungsausfall für die betroffenen Gläubiger größer wird.
Welche Fehler in der Unternehmensführung sehen Sie immer wieder und denken sich, das hätte vermieden werden können?
Jürgen Gebauer: Wie überall im Leben, ist man ab und an geneigt, die Fehler nicht bei einem selbst zu suchen. Dieses Phänomen zeigt sich regelmäßig in der Insolvenzwelt. Besonders augenscheinlich war das bei vielen Insolvenzen nach der Corona-Pandemie. Nicht selten wurde „Corona“ als Ursache vorgeschoben. Bei näherer Prüfung wurden jedoch die Gründe im eigenen Bereich gefunden: Managementfehler, fehlendes kaufmännisches Know-how oder eine unzureichende Buchhaltung sind regelmäßig die Hauptursachen.
Jürgen Gebauer warnt vor typischen Fehlern in der Unternehmensführung.
Ist jede Insolvenz ein Einzelfall oder geht es letztlich immer um dasselbe?
Jürgen Gebauer: Grundsätzlich schreibt jedes Unternehmen seine eigene Geschichte. Allen insolventen Unternehmen ist aber gemein, dass sie bei Insolvenzeröffnung ihre fälligen Verbindlichkeiten aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr zur Gänze bezahlen können – die Ursachen liegen häufig im operativen Bereich. Damit meine ich Finanzierungsschwächen, Liquiditätsengpässe, mangelnde Forderungsbetreibung, Absatzschwächen, eine schlechte Kostenstruktur oder auch ein mangelhaftes Controlling bzw. Planungsschwächen. Daneben sind im Rahmen der Abwicklung von Insolvenzverfahren gewisse branchenspezifische Muster zu beobachten. So kommt es bei Insolvenzen in der Baubranche leider immer wieder vor, dass der Geschäftsführer nicht mehr greifbar ist, keine Vermögenswerte mehr vorhanden sind und im „worst case“ auch sozialbetrügerische Sachverhalte zum Vorschein kommen. Das ist weder für die betroffenen Gläubiger noch für die gesunden Unternehmen in der Branche erfreulich.
Sie verhandeln seit 20 Jahren Fälle aus unterschiedlichsten Branchen. Welche sind die schwierigsten?
Jürgen Gebauer: Anspruchsvolle und sensible Themen können überall auftreten. Sehr komplex abzuwickeln sind Immobilieninsolvenzen, die seit Beginn der Immobilienkrise vor rund zwei Jahren auf meinem Schreibtisch gelandet sind. Hier sind mein Team und ich allein aufgrund der Größe einzelner Verfahren mit äußerst herausfordernden Problemstellungen konfrontiert, die gleichzeitig auch rasche Entscheidungen notwendig machen. In regelmäßigen Abständen sind auch Gläubigerausschusssitzungen zu besuchen, die einer intensiven Vorbereitung bedürfen. Alleine bei den drei größten „SIGNA-Causen“ hatte unser Team in den vergangenen zwei Jahren ungefähr 100 Gläubigerausschusssitzungen zu besuchen. Aber nicht nur die medienträchtigen Großinsolvenzen stellen in der Abwicklung oft eine komplexe Herausforderung dar. Immer wieder sind auch kleinere unscheinbare Causen, die aufgrund spannender, insbesondere rechtlicher Fragestellungen interessant sind, sehr betreuungsintensiv.
Wie ist es, tagtäglich Unternehmensinsolvenzen in Wien zu verhandeln?
Jürgen Gebauer: Ich bin beinahe 20 Jahre im Insolvenzbereich im Einsatz und für mich persönlich ist nach wie vor die Tätigkeit bei Gericht die spannendste Aufgabe. In der Praxis ist es oft so, dass eine Verhandlung die nächste jagt – manche dauern 15 Minuten, andere zwei Stunden. Gut vorbereitet sollte man schon sein. In jedem Fall sind der Austausch und die Diskussion mit allen Beteiligten abwechslungsreich, spannend und herausfordernd zugleich. Denn wenn wir über einen Sanierungsplan abstimmen, dann nehmen wir Einfluss auf die Zukunft des Unternehmens und tragen damit eine Verantwortung. Darüber hinaus ist es ein gutes Gefühl, wenn wir die Quote für die Gläubiger durch erfolgreiches Verhandeln in die Höhe schrauben können.
Gab es Momente bei Gericht, bei denen Sie besonders beeindruckt oder überrascht waren?
Jürgen Gebauer: Es fällt mir schwer, einzelne Momente herauszugreifen. Aber weil es sehr aktuell ist, habe ich noch den sehr starken Gegenwind im Kopf, der meinen Kollegen und mir bei den „SIGNA-Insolvenzen“ - insbesondere von Insolvenzverwalter und Schuldnerseite - entgegengeblasen hat. Wir hatten uns entschieden, gegen eine Sanierung der wesentlichen Immobiliengesellschaften der SIGNA-Gruppe zu stimmen. Gleichzeitig erhielten wir aber für unsere, zu diesem Zeitpunkt mutige Entscheidung innerhalb der Insolvenzszene auch kräftigen Rückenwind. Und letztlich hat uns die jüngere Entwicklung in diesen Verfahren auch Recht gegeben. Insgesamt beindruckt mich jedoch, dass der Austausch zwischen den wesentlichen Stakeholdern quer durch alle Insolvenzverfahren toll funktioniert. Mit uns wird auf Augenhöhe kommuniziert. Nicht umsonst beneidet uns ganz Europa für unser Insolvenzsystem, in der die Gläubigerschutzverbände eine zentrale Rolle einnehmen.
Was hat Sie persönlich besonders berührt?
Jürgen Gebauer: Bei den vielen Gesprächen mit unterschiedlichen Gläubigern erlebt man besondere Momente. In Erinnerung geblieben sind mir insbesondere einige emotionale Telefonate mit privaten Gläubigern. Ich denke an ältere Betroffene, die in dem mittlerweile fast 13 Jahre anhängigen Insolvenzverfahren der Alpine Holding ihr in Anleihen investiertes Vermögen vermutlich fast zur Gänze verlieren werden. Anlagen, die für Kinder und Enkelkinder gedacht waren. Aber auch Gespräche im Zuge der Insolvenz von kika/Leiner waren emotional herausfordernd. Hier hat das Schicksal bei vielen privaten Gläubigern doppelt zugeschlagen. Nach der Hochwasserkatastrophe im September 2024 in Niederösterreich, bei der viele Betroffene ihre Wohnungseinrichtung verloren hatten, gerieten viele Betroffene durch die Insolvenz von kika/Leiner in kurzer Zeit erneut in finanzielle Turbulenzen. Viele Opfer der Hochwasserkatastrophe haben Anzahlungen für neue Möbel geleistet. Nur ein paar Monate später war das Unternehmen pleite, die Möbel konnten nicht mehr produziert und geliefert werden. Die geleisteten Anzahlungen wurden mit einem Schlag zu Insolvenzforderungen, die nur mehr quotenmäßig bedient werden können. Bei solch schwierigen Gesprächen spürt man das Vertrauen und die Dankbarkeit der Gläubiger, die in einer finanziellen Notlage kompetent unterstützt werden.